Die Kino-Kritiker

«Moon»

von
Mit seinem cleveren Regiedebüt sorgt David Bowies Sohn für beklemmende Science-Fiction-Unterhaltung.

Science-Fiction ist nicht gleich Science-Fiction. Sicherlich kommen jedem halbwegs filminteressierten menschlichen Wesen bei der Konfrontation mit diesem Begriff zunächst einige Versatzstücke in den Sinn, die man klassischerweise mit dem Genre verbindet. Das ist auch nicht weiter verwerflich, sind so typische Elemente wie fortschrittliche Zukunftstechnologien, Zeitreisen, außerirdische Lebensformen oder turbulente Abenteuer auf fremden Planeten zweifellos konstituierend für unzählige Science-Fiction-Werke. Jedoch hat das Genre zusätzlich zu diesem herkömmlichen und vorgeprägten Verständnis noch so viel mehr zu bieten, wurde doch kaum eine andere Filmgattung im Laufe ihrer Geschichte derart vielfältig mit Elementen anderer Spielarten der Kinokunst kombiniert. So existieren in der schier unüberschaubaren Filmlandschaft Science-Fiction-Actioner («Matrix») und -romanzen («Mr. Nobody») ebenso wie Science-Fiction-Horrorfilme («Alien»), -western («Serenity»), -komödien («Per Anhalter durch die Galaxis») oder -dramen («Solaris»). Zu letzteren gesellt sich nun der Independent-Streifen «Moon», der eindrucksvoll beweist, dass kein exorbitantes Budget nötig ist, um ein fesselndes und kluges Stück Kinounterhaltung zu erschaffen.

Wie der Titel des Films bereits vermuten lässt, ist der Mond der Schauplatz der Handlung. Dieser dient unserem Planeten in einer nicht näher definierten Zukunft als lebenswichtiger Rohstoff- und Energielieferant. Daher wurde eine weitestgehend automatisch operierende Raffinerie auf dem Trabanten errichtet, die lediglich eines einzelnen Menschen für anfallende Wartungsaufgaben und das Zur-Erde-Schicken der abgebauten Ressourcen bedarf. Dieser Aufgabe kommt schon seit einiger Zeit der Astronaut Sam Bell (Sam Rockwell) nach, dem nun nach fast drei Jahren der Einsamkeit (lediglich ein Roboter leistet ihm während seines Aufenthalts Gesellschaft) endlich die Rückkehr zur Erde und seiner Familie bevorsteht. Doch je näher dieser lang ersehnte Tag rückt, desto häufiger kommt es zu mysteriösen Vorkommnissen. Von Halluzinationen geplagt, beginnt Sam bald, an seinem eigenen Verstand zu zweifeln.

Mit «Moon» liefert der Brite Duncan Jones, Sohn des Musikers David Bowie, sein von Kritikern viel beachtetes Regiedebüt ab, das anderthalb Jahre nach seiner Uraufführung auf dem Sundance Film Festival nun endlich auch seinen Weg in die deutschen Kinos findet. Auch wenn er das Drehbuchschreiben bei seinem ersten Spielfilm in die Hände des bis dahin ebenfalls unbekannten Nathan Parker legte, stammt die Grundidee des Science-Fiction-Dramas doch von Jones selbst. Dabei ließ er in die Konzipierung einiger Konstellationen und Situationen geschickt Einflüsse berühmter Science-Fiction-Klassiker wie Stanley Kubricks «2001 - Odyssee im Weltraum» (1968) einfließen, verbindet diese aber mit genügend eigenen Ansätzen, die in ihrer Originalität einen Hauch Frische in das Genre bringen. Auch wenn er sich dabei auf wenige Schauplätze beschränkt und große Effektgewitter ausbleiben, ist es trotzdem erstaunlich, dass es ihm gelungen ist, seine Vision für gerade einmal fünf Mio. US-Dollar zu verwirklichen. Zumal mit Sam Rockwell («The Green Mile», «Iron Man 2») auch kein Unbekannter die Hauptrolle übernommen hat.

Rockwell, der mit dem Science-Fiction-Genre zuvor eher in komödiantischer Form zu tun hatte («Galaxy Quest», «Per Anhalter durch die Galaxis»), ist es letztlich auch, der den Film überhaupt erst zu dem macht, was er ist, dreht sich die gesamte Handlung doch eigentlich ausschließlich um die von ihm verkörperte Figur des Sam Bell. Mit seiner einnehmenden One-Man-Show ist er nach einigen erinnerungswürdigen Rollen (auch schon in wesentlich größeren Produktionen) nun endgültig auf dem vorläufigen Höhepunkt seines schauspielerischen Schaffens angelangt. Seine facettenreiche Darstellung des psychisch zunehmend angeschlagenen Astronauten kann aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit das Konzept des Films fast im Alleingang über seine 90 Minuten Laufzeit tragen. Doch auch die solide Regie schafft es trotz ihrer Gemächlichkeit und des Fehlens allzu großer inszenatorischer Highlights insgesamt eine äußerst beklemmende Atmosphäre zu erzeugen, die dem Spannungspegel und der Wirkung des Films überaus zuträglich ist. Besucher der englischen Originalfassung kommen darüber hinaus auch noch in den Genuss der Stimme Kevin Spaceys («American Beauty», «L.A. Confidential»), die dem Roboter GERTY Leben einhaucht. In der deutschen Fassung wurde dieser Part immerhin von Spaceys Stammsynchronsprecher Till Hagen übernommen.

Im Großen und Ganzen ist «Moon» also ein zwar kleiner, aber umso bemerkenswerter Genrefilm, der die überwiegend positive Kritikerresonanz und seine zwei Auszeichnungen bei den British Independent Film Awards des letzten Jahres (bester britischer Independent-Film, bestes Regiedebüt) zweifellos verdient hat. Unterstützt durch die erstklassige und für das Gelingen des Science-Fiction-Dramas unentbehrliche Darstellung Sam Rockwells, gelingt es Regiedebütant Duncan Jones, eine packende Geschichte zu erzählen, nebenbei aber auch noch ethische Fragen und Überlegungen zur Konstituierung von Identität in sein Werk einzubinden. Angesichts dieses vielversprechenden Starts ins Filmgeschäft, kann man zukünftigen Projekten des Briten guten Gewissens mit Optimismus entgegenblicken.

«Moon» ist in Deutschland seit dem 15. Juli in ausgewählten Kinos zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/43281
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