Richterspruch

Der Casting-Krieg und ein Herz für Spanner

von
Wer wird Liebling des Monats und wer bekommt den „Haufen des Monats“ verliehen? Christian Richters Rückblick auf den März 2010.

Das Thema des Monats


Am 07. März blickte die Welt auf das Kodak Theatre in Hollywood, wo die Preise der Academy of Motion Picture Arts and Sciences – die berühmten Oscars – verliehen wurden. Wie in jedem Jahr kam es dabei zu einigen Entscheidungen, die nur schwer nachzuvollziehen sind. Wie konnte «Avatar – Aufbruch nach Pandora» den Preis für die beste Kameraarbeit erhalten? Große Teile des Filmes sind Vollanimationen und wurden daher gänzlich ohne Kameras produziert. Die restlichen Szenen entstanden fast ausschließlich im Studio vor digitalen Hintergründen, bei der ebenfalls keine großen Fertigkeiten nötig sind, um diese kunstvoll einzufangen. Der größere Skandal ist es jedoch, dass in eben dieser Kategorie der deutsche Kameramann Christian Berger für seine Arbeit bei «Das weiße Band» übergangen wurde. Seine langen und intensiven Einstellungen sind derart eindringlich, dass der Zuschauer in jeder Sekunde des Filmes das Gefühl hat, mit den Charakteren in einem Raum zu stehen. Diese handwerkliche Präzision war auf jeden Fall der digitalen Computerleistung vorzuziehen. Besonders tragisch wird diese Fehlentscheidung dadurch, dass auch der gesamte Film nicht als beste fremdsprachige Produktion ausgezeichnet wurde. Wenigstens erhielt das Werk von Michael Haneke in 13 Kategorien für den deutschen Filmpreis eine Nominierung, sooft wie kein anderer Film zuvor. Damit ist er in allen Kategorien vertreten, die für ihn überhaupt in Frage kommen. Dass er nicht als bester Dokumentar- oder Kinderfilm nominiert werden konnte, ist genauso logisch, wie ihn nicht für die beste Musik vorzusehen.

Die Zahl des Monats

Exakt 2.922 Tage und damit genau acht Jahre wurde Quotenmeter.de am 20. März alt. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Eine bewegende Geschichte liegt hinter der besten Seite der Welt, deren Team um Chefredakteur Manuel Weis sie mehrfach optisch überarbeitete und ihre Inhalte fortwährend erweiterte. So entwickelte sie sich zum führenden Angebot unter den Branchendiensten und Online-Fernsehmagazinen. Herzlichen Glückwunsch!

Die Lieblinge des Monats

Angestoßen durch die Äußerungen von Außenminister Guido Westerwelle geistern seit Monaten Diskussionen über den Missbrauch von Hartz IV durch die Medien. Oft werden diese jedoch polemisch und abseits der Betroffenen geführt. Einen beachtenswerten Versuch diese Debatte zu relativieren liefert Reinhold Beckmann in seiner Talkshow am 01. März ab. Er brachte mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit nicht nur einen Politiker, sondern auch das Hartz IV-Pärchen Jenny Brake und Sascha Bültemeier sowie mit Roman Menth auch einen Vermittler der Arbeitsagentur an einem Tisch zusammen. Auf diese Weise konnte zumindest ansatzweise ein gegenseitiges Verständnis bei den jeweiligen Beteiligten erreicht werden. Vor allem die Hinzuziehung des Vermittlers stellte die Diskussion auf eine andere Ebene, nämlich auf eine rein praktische, denn sämtliche Vorschläge müssen auch umsetzbar sein. Auch wenn der Ansatz des Gesprächs durchaus vielversprechend war und hier ausdrücklich gelobt wird, blieb die Diskussion leider zu harmlos und unkonkret. Mit mehr Zeit und ohne manche Einmischung des Moderators wäre sie vielleicht fruchtbarer geworden. Ein Lob geht zudem an Michael Mittermeier, der ebenfalls zur Runde gehörte und die Verhältnisse immer wieder auf den Punkt zusammenfasste.

Viel zu selten kommt es vor, dass Privatsender ambitionierte Dokumentationen in ihrem Programm ausstrahlen. Solchen Mut bewies Sat.1 ab 07. März mit der sechsteiligen Reihe «Urteil Mord», in der sich Produzent Günter Stampf auf die Suche nach den Hintergründen zu grausamen Tötungsdelikten begab. Diese arbeitete er jedoch nicht wie derzeit üblich forensisch auf, sondern psychologisch und besuchte die Täter im Gefängnis, welche so die Gelegenheit erhielten ihre Verbrechen zu erklären. Dem Sender ist es hoch anzurechnen, dass er die Dokumentation nicht im Nachtprogramm, sondern auf einem prominenten Sendeplatz am Sonntagabend zeigte. Das Engagement scheint sich langsam auszuzahlen, denn die Quoten der dritten Ausgabe konnten den Sat.1-Schnitt schon leicht überbieten.

Neben der couragierten Dokumentation wagte Sat.1 am 15. und 16. März ein weiteres Experiment. Der Sender zeigte das zweiteilige Event-Movie «Die Grenze», das nicht historische Ereignisse einfach rekonstruierte oder fiktive Naturkatastrophen abfilmte, sondern sich einer düsteren Zukunftsvision widmete. Die Verantwortlichen bei Sat.1 zeigten trotz des schwierigen und unbequemen Themas soviel Entschlossenheit, dass sie ein Budget von rund acht Millionen Euro zur Verfügung stellten. Zwar konnten die Reichweiten leider nicht mit weniger motivierten Filmen mithalten, doch der Versuch war lobenswert und sollte auf jeden Fall weiter wiederholt werden.

Am Mittwoch, den 31. März, beherrschte das Thema Scientology viele deutsche Wohnzimmer, denn das Erste strahlte einen Fernsehfilm zur umstrittenen Glaubensgemeinschaft aus. Anschließend diskutierte Frank Plasberg (Foto) in seiner Sendung «Hart aber Fair» mit seine Gästen weiter. Unter ihnen war auch der Pressesprecher von Scientology Jürg Stettler, der sich ausführlich äußern durfte. Der Redaktion der Sendung ist es hoch anzurechnen, dass sie sich trauten mit der Organisation und nicht nur über sie zu reden. Auch war der Umgang mit dem Vertreter weitesgehend wertungsfrei und neutral. Plasberg konfrontierte ihn zwar mehrfach mit kontroversen Aussagen seiner Gemeinschaft, doch das ist erlaubt und in der Sendung auch bei weniger umstrittenen Gästen üblich. Letztendlich gelang es so, dass sich Stettler mehrfach selbst entlarvte, was erheblich wirkungsvoller war. Das war sehr gute journalistische Arbeit des gesamten Teams.

Der Aufreger des Monats

Das Niveau in Reality-Shows ist meist nicht sehr hoch. Das ist bekannt und allgemein akzeptiert. Diese niedrige Latte legte RTL mit seinem Format «Die Farm» während der vergangenen Wochen noch einmal deutlich herab. Beworben wurde die Sendung als TV-Experiment, bei dem 12 Kandidaten einen 100 Jahre alten Bauernhof jenseits der Zivilisation wiederbeleben mussten. In der eigentlichen Sendung spielte dies jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Viel mehr konzentrierte man sich auf interne Streiterein und Auseinandersetzungen. Schon in der ersten Ausgabe kam es zu heftigen Handgreiflichkeiten. Später wurden die Gruppenmitglieder dank der Spielregeln immer wieder gegeneinander aufgehetzt, sodass kaum noch eine angenehme Atmosphäre möglich war. Gleichzeitig balzten die Männer um die wenigen attraktiven Frauen, die sich ebenfalls anzickten. Obendrein schickte RTL einen hörgeschädigten Kandidaten nach Norwegen, der aufgrund seines Leidens eine verminderte Artikulationsfähigkeit hatte. Offenbar wurde dieser nur ausgewählt, um eine gewisse Schadenfreude über seine vermeintliche Beschränktheit beim Zuschauer zu erzeugen. Komplettiert wurde die Besetzung mit einer ehemaligen Pornodarstellerin. Dass dieses Mittel immer zieht, weiß man nicht erst seit Sexy Cora bei «Big Brother». Zu all diesem erbärmlichen Treiben grinste die Moderatorin Inka Bause unschuldig in die Kamera, als hätte sie mit dem ganzen Mist nichts zu tun. Schade RTL, anfangs klang die neue Sendung wie eine Neuauflage der gelungenen Reihe «Das Schwarzwaldhaus», doch wie sich herausstellte ist «Die Farm» eher eine Kopie der überflüssigen ProSieben-Show «Die Burg» geworden.

Der „Haufen des Monats“

Den Preis für den größten Dünnpfiff des Monats erhält die Verkaufssendung des Warenhauses Pearl am 11. März im Vormittagsprogramm von RTL II. Dort wurde eine Minikamera angeboten, die in einem Kugelschreiber versteckt war und sich so unauffällig in jeder Brusttasche positionieren ließ. Doch wie kann man diese offensichtliche Spionkamera am besten legal anpreisen? Dass man damit wunderbar spannen kann, ist zwar die Wahrheit, aber nicht die beste Taktik. Die Moderatoren nannten als Anwendungsbeispiel tatsächlich bei vollem Ernst folgendes Szenario: Man solle sich vorstellen mit seinen Kindern im Zoo zu sein. Wenn man nun ein Kind auf den Arm nehmen würde, hätte man keine Hand mehr frei, um Fotos oder Videos machen zu können. Dank der Kugelschreiber-Kamera sei dies jedoch trotzdem möglich. Schön, dass wir das geklärt haben.

Und sonst noch...

...hat Lena Meyer-Landrut am 12. März den Wettbewerb um den deutschen Beitrag zum „Eurovison Song Contest“ in Oslo gewonnen. Interessant an der Castingshow «Unser Star für Oslo» war jedoch der vorsätzliche Wille sich von «Deutschland sucht den Superstar» mit aller Gewalt abzuheben. So sangen vor Stefan Raab keine hoffnungslosen Hartz-IV-Empfänger, sondern gebildete Vertreter der oberen Mittelschicht. Während Bohlen bei «DSDS» das Treffen von Tönen lobte, wurde Raab nicht müde stets von einer „gelungenen Intonation“ zu sprechen.

Der Drang sich von Dieter Bohlen abgrenzen zu wollen, führte allerdings dazu, dass dessen Übermaß an negativer Kritik bei «USFO» fast gänzlich ausblieb und das Vorhandensein einer Jury zuweilen überflüssig machte. Letztendlich bedienen beide Formate zwar andere Zielgruppen, spielten jedoch mit den gleichen Mitteln. Das war offensichtlich und musste nicht anstrengend kaschiert werden. Dieser Konkurrenzkampf führte am Ende nur dazu, dass sogar in Sendungen der «Tagesschau»-Redaktion Beiträge auftauchten, in denen dieser Kampf zwischen Raab und Bohlen thematisiert wurde. «Punkt 12» wäre stolz gewesen.

Kurz-URL: qmde.de/41135
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