Besonders gereizt an dieser Entwicklung hat mich Lissis Mut. Der Versuch, aus anerzogenen Rollen oder festgelebten Dynamiken innerhalb einer Familie auszutreten, braucht meiner Meinung nach viel Mut und Kraft. Wie im echten Leben, scheitert Lissi auch mehrmals dabei, findet jedoch trotzdem ihren eigenen Weg.
Ihre Figur möchte sich endlich aus dem Schatten ihrer erfolgreichen Mutter lösen. Wie spannend war es, diesen Emanzipationsprozess zu spielen?
Es ist immer spannend, wenn sich eine Figur an etwas abarbeiten muss. Dieser Prozess ist gerade in einer Eltern-Kind-Beziehung sehr schwierig und gelingt Lissi nicht immer gleich gut. Aber, dass sie es versucht, finde ich bewundernswert.
Die Beziehung zwischen Lissi und ihrer Mutter ist liebevoll, aber auch konfliktreich. Wie haben Sie gemeinsam mit Margarita Broich diese Dynamik entwickelt?
Das ist mir sehr leichtgefallen, da ich bereits vor zwei Jahren das Glück hatte, Margaritas Tochter zu spielen. Eine liebevolle Vertrautheit war also schon da. Margarita ist eine wunderbare Spielerin und es hat einfach nur Spaß gemacht, unsere beiden Rollen, Mutter und Tochter, vor der Kamera auf einander loszulassen.
«Liebe braucht Meer» erzählt eine klassische Liebesgeschichte, verknüpft sie aber mit Themen wie Unternehmenssanierung, Tradition und wirtschaftlichem Wandel. Was macht diese Mischung aus Ihrer Sicht besonders?
Die Mehrschichtigkeit der Geschichte ist, meiner Meinung nach, das Besondere an unserer „Liebeskomödie“, und dass der Film all diesen Themen Platz gibt. Es geht um menschliche Schicksale.
Das Meer spielt im Film fast eine eigene Rolle. Sie haben erzählt, dass Sie jeden Sommer am Atlantik verbracht haben. Hat diese persönliche Verbindung Ihre Darstellung beeinflusst?
Das kann schon sein. Sagen wir mal so, ich musste nicht großartig etwas spielen, wenn Lissi von der Landschaft (oder müsste man eigentlich „Meerschaft“ sagen?) verzaubert ist. Lissis Freude an der bretonischen Natur deckt sich vollkommen mit meiner eigenen.
Die Bretagne wird im Film nicht nur als Postkartenidylle gezeigt, sondern auch als Arbeitswelt der Austernzüchter. Was hat Sie an diesem Milieu während der Dreharbeiten am meisten überrascht?
Oh, da gibt es Einiges. Am meisten überrascht hat mich vielleicht, dass der dicke Schlamm in den Austernbänken, in dem Lissi im Film auch einmal steckenbleibt, im Grunde die Ausscheidungen der Austern ist.
Es war sehr besonders, an den Originalschauplätzen drehen zu dürfen und einen so tiefen Einblick in die Arbeitswelt der Austernzüchter zu gewinnen. Das ist ein harter und physisch sehr anstrengender Beruf. Und die Gezeiten diktieren maßgeblich die Arbeitszeiten. Heute zu wissen, welche Arbeit und Zeit dahintersteckt, wenn wir hier, fernab vom Meer, eine Auster degustieren, ist für mich eine Bereicherung.
Sie stammen aus einer deutsch-französischen Familie und waren bei diesem Projekt von beiden Muttersprachen umgeben. War das ein ganz besonderes Gefühl für Sie?
Ja, das war es. Ich habe es sehr genossen. Mir fehlt es manchmal hier in Deutschland Französisch zu sprechen und zu hören. Und da war es richtig schön, einen Monat lang von meiner zweiten Muttersprache umgeben zu sein. Mein nächstes Ziel ist es, auch vor der Kamera Französisch zu sprechen, bzw. in einem französischen Film mitzuspielen.
Mit David Vormweg als Alain entwickelt sich eine charmante Liebesgeschichte, die allerdings nicht frei von Missverständnissen ist. Was macht die Chemie zwischen Lissi und Alain aus?
Lissi mag Alains Unvoreingenommenheit. Sie fühlt sich von ihm gesehen und gleichzeitig herausgefordert.
Gedreht wurde an Originalschauplätzen in Cancale. Wie sehr hilft es als Schauspielerin, wenn die Umgebung so authentisch ist und die Geschichte förmlich trägt?
Das ist ein Luxus an den Originalschauplätzen drehen zu dürfen, vor allem, wenn es um eine spezifische Arbeitswelt geht. Und auch privat ist es schön, in den Drehpausen an so tollen Orten sein zu dürfen. Jedoch brauche ich es nicht unbedingt für mein Spiel. Ich habe eine Theaterausbildung genossen und da lernt man auch, allein durch die Vorstellungskraft, einen leeren Raum in eine Kulisse zu verwandeln. Allerdings schaue ich immer liebend gerne auf das originale Meer.
Im Film geht es immer wieder darum, Menschen zuzuhören und Kompromisse zu finden, statt vorschnell Entscheidungen zu treffen. Ist das eine Botschaft, die Ihnen persönlich wichtig ist?
Auf jeden Fall. Vor allem einander Zuhören finde ich sehr wichtig. Wenn man sich die Zeit nimmt, seinem Gegenüber zuzuhören ist man auch eher davor gefeit, vorschnelle Entscheidungen zu treffen.
Sie haben erzählt, dass Sie durch den Dreh sogar einen neuen Zugang zu Austern gefunden haben. Gab es darüber hinaus einen Moment in der Bretagne, den Sie mit nach Hause genommen haben und nicht vergessen werden?
In Saint-Malo, wo die meisten von uns untergebracht waren, gibt es vor Intra-Muros einen Meerwasserpool mit einem alten Sprungturm. Bei Ebbe hält das Becken das Meerwasser zurück, so dass man darin schwimmen und vom Turm springen kann. Das ist während der Drehzeit zu einem kleinen Ritual von mir geworden, dass ich in sehr guter Erinnerung behalte.
Danke für Ihre Zeit!
Das Erste strahlt «Liebe braucht Meer» am Freitag, den 28. August, um 20.15 Uhr aus. Der Spielfilm ist bereits ab Donnerstag um 20.15 Uhr in der ARD Mediathek abrufbar.







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