Interview

Mimi Kezele: ‚Musik ist eine eigenständige Figur in der Serie‘

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Mit «München Beats» blickt Mimi Kezele auf die Techno-Anfänge der 90er Jahre, den Wandel Münchens und eine Generation mit großen Träumen. Im Interview spricht die Regisseurin über Raves, Globalisierung, den Gegensatz zwischen Bauernhof und Club sowie ihren „bayerischen «Denver Clan» der 90er Jahre“.

«München Beats» verbindet Coming-of-Age, Familiendrama und die Anfänge der deutschen Techno-Bewegung. Was hat Sie an diesem Stoff besonders gereizt?
Es waren die Musik und die 90er Jahre. In der Zeit war ich selbst im alter der Hauptfigur Linda, habe wie sie Akkordeon gespielt und hatte große Träume, die viel mit Musik zu tun hatten. Und ich hatte großen Spaß daran die angelegten Figuren weiter zu entwickeln und sie menschlich, verletzlich und auch lustig zu erzählen, mit allem was das Leben für sie bereit hält.

Die Serie spielt in den 1990er-Jahren – einer Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs. Wie wichtig war es Ihnen, dieses Lebensgefühl einzufangen und nicht nur nostalgisch auf das Jahrzehnt zurückzublicken?
Ich habe versucht, die Geschichte so zu erzählen, dass man das Gefühl hat, als hätte die Serie damals schon existiert — nur wird sie erst jetzt den Zuschauern gezeigt. Mir was es wichtig die Stimmung, die Energie und auch die Farbe des Lebens von damals einzufangen und die Zuschauer auf eine intensive Reise zu schicken, ohne an Wörter wie „Historisch“ denken zu müssen.

Linda verlässt den elterlichen Bauernhof, um DJ zu werden. Ist ihre Geschichte für Sie vor allem eine Emanzipationsgeschichte oder eine Suche nach der eigenen Identität?
Beides. Als Jugendliche hat Linda ein Bild von sich, dass von ihrer Familie, der Kindheit und der ihr bekannten Umgebung geprägt ist. Aber sie will mehr, sie will auf die andere, ihr noch unbekannte Seite - in die große Stadt - und DJ werden. Das passt mit ihrem jetzigen Alltag, in dem sie den Stall ausmistet und Akkordeon übt, nicht wirklich zusammen.

Techno wird in der Serie nicht nur als Musikrichtung gezeigt, sondern als Lebensgefühl. Wie haben Sie diese besondere Atmosphäre filmisch umgesetzt?
Wir lernen zusammen mit der Hauptfigur Techno kennen, sind fasziniert und doch verstehen wir sie nicht ganz. Für einen Betrachter ist diese Musikrichtung schwer zu verstehen, denn sie entsteht erst durch das gemeinsame Tanzen und Einswerden. Man muss Teil davon sein, um es zu verstehen. Das haben wir sowohl visuell in den Clubszenen umgesetzt, als auch szenisch wenn z.B. Lindas Vater in die Stadt kommt, sein Sonntagshemd anzieht, um Linda zu besuchen, sie ihm erklärt warum sie zwei Plattenspieler braucht, um Musik zu machen und er selbst Teil ihrer Techno Musik wird.

Dem gegenüber steht das ländliche Bayern mit seinen Traditionen und wirtschaftlichen Sorgen. Was macht gerade diesen Kontrast zwischen Dorf und Clubkultur so spannend?
Der Unterschied zwischen Stadt und Land, Akkordeon und Techno, Acker und Club, Menschen und Kühen - die übrigens auch mal Techno hören (müssen) - ist auf jeden Fall spannend, weil es uns noch mehr den Kontrast beider Seiten verdeutlicht, aber auch zeigt, dass sie ohne einander beide etwas verlieren. Vielleicht zeigt die letzte Szene der Serie am deutlichsten was dabei rauskommt, wenn man seine Wurzeln, also die Tradition, mit dem Modernen vereint.

Die Schließung der Kartoffelfabrik bildet den Ausgangspunkt für viele Konflikte. Wie wichtig war es Ihnen, die wirtschaftlichen Umbrüche der 1990er-Jahre mitzuerzählen?
Die Schließung von Pfanni hat ja dazu geführt, dass das Gelände zu dem wird, was es später geworden ist - die größte Partymeile Europas. Die Globalisierung war Teil der damaligen Zeit und hat auch unsere Hauptfiguren beeinflusst. Sie hat damals zu großen Veränderungen geführt, wie auch heute die künstliche Intelligenz.

Tobias Moretti, Sophie von Kessel, Marlene Morreis und viele jüngere Darsteller treffen in der Serie aufeinander. Wie haben Sie dieses generationenübergreifende Ensemble zusammengestellt und geführt?
Viele von ihnen habe ich angesprochen, als die Rollen noch gar nicht zu Ende entwickelt waren, da sie bereits beim Lesen Teil der Gedanken wurden. Oft waren es Telefongespräche, in denen ich ihnen erzählt habe, wie ich die Rolle mit ihnen entwickeln würde. Linda haben wir intensiv gecastet, aber bei Tobias Moretti z.B. und Klaus Steinbacher war schnell klar, dass wir genau die beiden haben wollen, um dann erst festzustellen, wie ähnlich sie sich als Vater und Sohn eigentlich sehen.

Die Raves spielen eine zentrale Rolle. Wie groß war der Aufwand, die Clubszene der 1990er-Jahre möglichst authentisch wieder aufleben zu lassen?
Es war natürlich kein kleiner Aufwand, Menschen, Licht, das aussehen soll wie damals in den Clubs, Videos im Hintergrund, die Musik, die Teils von damals war, aber teilweise auch vor dem Dreh produziert wurde; Kostüm und Maske der 90er Jahre, aber es war auch ein großer Spaß - für alle beteiligten.

Musik ist in «München Beats» weit mehr als nur Soundtrack. Welche Bedeutung hatte sie für Ihre Inszenierung und das Erzähltempo der Serie?
Musik ist eine eigenständige Figur in der Serie. Sie bestimmt das Tempo, entwickelt sich und geht ihren Weg durch die Geschichte, wie jede andere Figur auch. Vom Akkordeon über Schlager, bayerischer Musik, bis zur Clubmusik, Techno und am Ende Lindas eigene Musik.

Hinter der Liebesgeschichte verbirgt sich auch ein Familiengeheimnis. Wie wichtig war Ihnen die Balance zwischen emotionalem Drama und den historischen Entwicklungen der Zeit?
Für mich entsteht eine richtige Geschichte erst, wenn sich die „Seele“ in die Geschichte „reingeschlichen“ hat und der Zuschauer emotional dabei sein kann — völlig egal ob es sich um einen Horrorfilm oder eine Komödie handelt. In «München Beats» fiebern wir mit jeder Figur mit — bis zu den kleinsten Rollen. Ich hatte ein großartiges Ensemble, das uns mit Humor und auch Drama durch die Geschichte von damals führt.

Serien über die 1990er-Jahre boomen derzeit. Was unterscheidet «München Beats» aus Ihrer Sicht von anderen Nostalgie-Formaten?
Ich habe es leider noch nicht geschafft alle anderen Formate zu sehen, daher kann ich nur über «München Beats» sprechen: Es ist eine Miniserie, die mit Musik, Humor aber auch Drama eine junge Aufbruchsgeschichte mit dem bayerischen «Denver Clan» der 90er Jahre verbindet.

Danke für Ihre Zeit!

«München Beats» läuft am Mittwoch, 26. August, und Donnerstag, 27. August, um 20.15 Uhr im ZDF. Die Serie ist bereits seit 7. August online abrufbar.

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