Interview

Greta Benkelmann: ‚Schwanitz ist ein Ort, an dem alles passieren kann‘

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Mit der 30. Folge von «Nord bei Nordwest» gibt Greta Benkelmann ihr Regiedebüt bei der erfolgreichen ARD-Reihe. Im Interview spricht sie über düstere Verbrechen im idyllischen Schwanitz, den besonderen Humor der Reihe und die Herausforderung, einem eingespielten Format eine eigene Handschrift zu geben.

Frau Benkelmann, mit „Das dritte Grab“ geben Sie Ihr Regiedebüt bei «Nord bei Nordwest». Was hat Sie an der Reihe gereizt und wie groß war der Respekt vor einem so etablierten Format?
Bei einer so lang bestehenden und erfolgreichen Reihe hab ich mich zuerst schon gefragt, was ich als neu aufs Format kommende Regisseurin dem Ganzen noch hinzufügen kann. Nicht umsonst hat «Nord bei Nordwest» letztes Jahr den Publikums-Preis für die „ARD-Kultserie“ der letzten 75 Jahre bekommen. Aber was den Erfolg der Serie ausmacht, hat auch mich an dem Format gereizt: Die Kombination aus schrägen Figuren, norddeutschem Flair, Liebe, Krimi und Tieren.

«Nord bei Nordwest» feiert mit der 30. Folge ein kleines Jubiläum. Wie gelingt es, einer so erfolgreichen Reihe eine eigene Handschrift zu verleihen und gleichzeitig den vertrauten Ton zu bewahren?
Das Tolle an «Nord bei Nordwest» finde ich, dass jede Folge eine Wundertüte ist. Einige Folgen sind dramatischer, andere lustiger, einige dippen in Genres wie Western oder Horror. Es gibt Schwanitz und es gibt natürlich die dort lebenden festen Hauptfiguren und deren Beziehungen, die einen Rahmen bilden. Aber dazwischen ist ganz viel Freiraum und Platz für Experimente. Das ist ein riesiges Spielfeld für mich als Regisseurin. Schwanitz ist ein Ort, an dem alles passieren kann.

Der Fall beginnt mit einem Mann, der lebendig begraben wurde – ein ungewöhnlich düsterer Einstieg. Was hat Sie an dieser Geschichte besonders fasziniert?
Ja, das ist düster, aber ich finde, dass Skurrilität und Düsterheit hier meistens nebeneinanderstehen. Und das ist auch das, was mich an der Geschichte fasziniert hat.

Trotz der bedrückenden Handlung bleibt der typische Humor der Reihe erhalten. Wie schwierig ist die Balance zwischen Krimi, Spannung und den skurrilen Momenten, für die «Nord bei Nordwest» bekannt ist?
Der Humor der Welt und der Figuren ist einer der Hauptgründe, warum ich Lust hatte, eine Folge zu inszenieren. Aber die Portionierung von Humor und Spannung hängt natürlich von der Geschichte, ihrer Erzählweise und auch ihrer Qualität ab. In diesem Fall war schon viel Humor im Drehbuch angelegt. Der Autor Nils Holle beherrscht die skurrile Tonalität meisterlich und hat über die Jahre natürlich auch Spielweise und Sprech des Hauptcasts mit aufgenommen und vice versa.

Dann komme ich mit meinem Humor und bereite den Film vor und frage mich an jeder Stelle im Buch „Finde ich das lustig?“ oder nicht. Das ist immer auch ein Experiment, ob der eigene Humor oder so wie man den Humor der Reihe versteht auch letztendlich mit dieser matcht.
Und dann sind da noch die humoristischen Momente, die spontan am Set entstehen und wo man kuratieren muss, ob sie die Szenen besser machen oder nicht. Nicht alles, was am Set lustig ist, überträgt sich auch im Film.

Hinnerk Schönemann, Jana Klinge und Marleen Lohse sind seit Jahren ein eingespieltes Team. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Ensemble erlebt?
Es hat großen Spaß mit Hinnerk, Jana und Marleen gemacht! Die drei sind ein eingespieltes Team und kennen ihre Rollen. Und trotzdem waren alle drei in der Zusammenarbeit offen für Neues. Das finde ich eine extrem wichtige und gute Mischung! Denn jede neue Folge behandelt ja auch immer „Ein erstes Mal“ eines Gefühls, dass die Figuren empfinden, einer Situation, in der sie sich befinden oder einer Tätigkeit, die sie ausführen. Sonst wäre ja immer alles gleich und das wäre langweilig.

Schwanitz ist längst mehr als nur ein Schauplatz: der Ort ist fast selbst eine Figur. Welche Bedeutung hatte die besondere Atmosphäre des fiktiven Küstenorts für Ihre Inszenierung?
Ich finde, zu einer guten «Nord bei Nordwest»-Folge gehört eine große Portion Schwanitz. Mein Kameramann Philip Jestädt und ich wollten Schwanitz als frühlingshaftes Idyll zeigen, weil uns der Kontrast zu der düsteren Geschichte reizte. Es gibt viele Folgen von «Nord bei Nordwest», wo „das Böse“ von Außen ins heile Schwanitz kommt. In „Das dritte Grab“ kommt das Böse nicht von außen, sondern entsteht aus dem idyllischen Ort selbst und entlarvt diesen. Solche Geschichten finde ich besonders spannend, weil sie den Ort am Ende zwingen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Im Mittelpunkt stehen diesmal Schuld, Geheimnisse und die Vergangenheit. Warum eignen sich gerade solche Themen besonders gut für einen Krimi?
Ich glaube, dass sich jedes Thema für einen Krimi eignet. Verbrechen werden in den verschiedensten Situationen, aus den verschiedensten Beweggründen und von ganz unterschiedlichen Menschen ausgeführt. Ich finde sogar eigentlich, dass sich Cold-Case-Fälle schwerer erzählen lassen. Weil man ja nicht nur das Jetzt erzählt, sondern auch das Damals. Und beides muss nicht nur verständlich sein, sondern im besten Falle auch emotional berühren. Wie oft schauen wir Filme und wir können nicht emotional an die Hauptfiguren anknüpfen, weil ihre Beweggründe in der tiefen Vergangenheit liegen und nur am Rande oder gar nicht bebildert werden?!

Die Folge entwickelt sich zunehmend zu einem psychologischen Thriller. Worauf haben Sie bei Spannung und Bildsprache besonderen Wert gelegt?
Inhaltlich entwickelt sich der Fall wie eine Lawine. Und der Grundmotor dieser Lawine ist Angst. Aus Angst erwischt zu werden, wirds immer brenzilger. Aber die Entscheidung, Schwanitz bildlich als Idyll zu zeigen zieht sich bis zum Schluss durch. Wir haben uns gegen eine „düstere“, „spannende“ Bildgestaltung entschieden, sondern eine luftige unaufgeregte.

Bis auf eine Szene, da sind wir bewusst auf eine etwas ruppigere Handkamera gewechselt. Aber wenn ich die Szene jetzt nennen würde, würde ich zu viel verraten.

Die Reihe lebt auch von ihren ungewöhnlichen Nebenfiguren. Wie wichtig sind Charaktere wie Brigitte Grimm oder Dirk Eilers, damit ein Fall über den eigentlichen Kriminalplot hinaus funktioniert?
Supermegaoberwichtig! Die Episodenfiguren bringen die Geschichten zu unseren Hauptfiguren. Klar hat der feste Schwanitzer Kern mal mehr, mal weniger persönliche Verflechtungen zu den Fällen, aber die wechselnden Episodenfiguren setzen die Impulse und zwingen die bestehenden Charaktere dazu, sich zu verhalten.

Sie übernehmen bei einer Jubiläumsfolge die Regie. Hat das zusätzlichen Druck erzeugt oder überwog die Freude, Teil dieser Erfolgsgeschichte zu werden?
Bis zu diesem Interview habe ich nie darüber nachgedacht, ob eine Jubiläumsfolge zusätzlichen Druck erzeugen könnte. Als ich mich das erste Mal mit dem „Dritten Grab“ beschäftigte war mir gar nicht bewusst, dass es sich um die 30. Folge handelte. Ich habe mich einfach sehr gefreut, kreativ in Schwanitz einzutauchen können und von Niels Holle eine so gute Steilvorlage bekommen zu haben.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

„Das dritte Grab“ von «Nord bei Nordwest» wird am Donnerstag, den 27. August, um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Der Film ist bereits vorab in der ARD Mediathek abrufbar.

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