Die Kino-Kritiker

«Late Night With The Devil»: Ein gerechtfertigter Hype?

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Halloween 1977 verstörte eine Late-Night-Show das amerikanische Publikum. Es geht das Gerücht um, dass während der Sendung der Teufel persönlich die Show in ein unbeschreibliches Chaos gestürzt hat. Der Mitschnitt der Sendung galt lange als verschollen. Bis heute!

Late Night with the Devil

  • STAB Australien, UAE, USA 2023
  • REGIE, SCHNITT und DREHBUCH: Colin und Cameron Cairnes
  • PRODUKTION Mat Govini, Adam White, John Molloy, Roy Lee, Steven Schneider, Derek Dauchy KAMERA: Matthew Temple
  • MUSIK: Glenn Richards, Roscoe James Irwin
  • BESETZUNG: David Dastmaichian, Laura Gordon, Ian Bliss, Fayssal Bazzi, Ingrid Torelli, Rhys Auteri, Georgina Haig, Josh Quong Tart
97 Prozent positive Bewertungen bei Rotten Tomatoes. «Late Night With The Devil» gilt als die Horrorfilmsensation des Jahres 2024. Zu recht? Ja, absolut. Aber mit Einschränkungen. Warum? Alles der Reihe nach.

«Late Night With The Devil» spielt mit den Sehgewohnheiten des Publikums. Der Mitschnitt, den wir zu sehen bekommen, ist die ungekürzte Sendekopie der TV-Livesendung aus dem Jahre 1977. Dieser Mitschnitt aber wird eingebettet in eine Dokumentation aus dem Jahre 1983, die, bevor sie die Show ungekürzt präsentiert, die Vorgeschichte der Sendung erzählt. Und dies ist die Geschichte des Moderators Jack Delroy, der als vergleichsweise junger Mann Anfang der 1970er eine Late-Night-Show als Host übernommen hat. Er war beliebt, doch gelang es ihm nie, aus dem Schatten der Late-Night-Legende Johnny Carson hervorzutreten. Vielleicht, da Jack einen Tick zu nett war, ein Gute-Laune-Künstler frei von Skandalen, der abends vor die Kameras trat, um die Menschen einfach eine Stunde lang zu unterhalten. Er war aber auch eine tragische Gestalt, starb seine Frau, eine TV-Schauspielerin, doch an Krebs. Ihr letzter Auftritt vor der Kamera rührte Amerika zwar, doch gleichzeitig entstand offenbar eine Distanz zwischen dem Publikum und Jack. Eine Distanz, die ihn in ein Quotenloch stürzen ließ. Für den Halloweenabend 1977 hatte sich Jack etwas ganz Großes vorgenommen. Es ist ihm gelungen. Allerdings etwas anders als erwartet.

Schnitt: Es ist 1977 und Jack Delroy lädt zu einer Show ein, die ein großes Spektakel werden soll. Ein Hellseher, der behauptet, mit den Toten sprechen zu können (und dem man bislang nicht das Gegenteil beweisen konnte), wird ebenso in seiner Show auftreten wie ein Bestsellerautor und Bühnenmagier, der bislang noch jeden Hellseher, Geisterbeschwörer und so weiter als Scharlatan entlarven konnte. Den Höhepunkt von Jacks Sendung soll allerdings Auftritt der 13 Jahre alten Lilly darstellen. Lillys Eltern waren Mitglied einer Abraxas-Sekte, die mit ihren teuflischen Ritualen die Gesellschaft schockierte. Während eines Polizeieinsatzes bezüglich Missbrauchsanschuldigungen aus Reihen ehemaliger Mitglieder eskalierte dieser Einsatz jedoch und endete mit einem Massenselbstmord der Mitglieder. Lediglich Lilly überlebte diesen Wahnsinn. Seit einigen Jahren befindet sie sich in der Obhut der (Para-)Psychologin June Ross-Mitchell, die über ihre Gespräche mit Lilly ein Buch geschrieben hat. Ein Buch, in dem sie davon berichtet, dass Lilly seit den Geschehnissen ihren Körper mit einem Dämon namens teilt, der sich selbst Mr. Wiggles nennt. Der Fall ist – seltsam, denn Lilly hat die Geschehnisse der Vergangenheit überraschend gut verkraftet. Ist Mr. Wiggles Teil ihrer Persönlichkeit, mit dem sie die Geschehnisse verarbeitet (Mr. Wiggles erscheint Lilly gegenüber nie böse oder satanisch, auch wenn er von sich selbst behauptet, ein Dämon zu sein). Oder ist Lilly wirklich besessen? Was June tatsächlich glaubt, denn die rationalen Erklärungsansätze fürs Lillys Behauptung geraten in den Gesprächen, die sie mit Lilly führt, immer wieder an ihre Grenzen.

«Late Night With The Devil» belebt das Found-Footage-Genre neu. Vor sagenhaften 25 Jahren schockierte «The Blair Witch Project» das Publikum mit „gefundenem Filmmaterial“. Seinerzeit verschwanden vier Filmstudentinnen- und Studenten im Wald und nur ihr Filmmaterial ward Zeuge seltsamer Vorkommnisse. Es folgte eine ganze Welle von Filmen dieser Art, bis es sanft entschlummerte. «Late Night With The Devil» ist mehr als nur ein Comeback dieses Subgenres des Horrorfilmes. «Late Night With The Devil» dürfte in Sache Ausstattung, Kamera, Bildbearbeitung und Schauspiel in Zukunft als Goldstandard betrachtet werden.

Da ist die Late-Night-Show, die im 4:3-Format präsentiert wird. Das Bild entspricht dem einer TV-Sendung aus dem Jahr 1977 (ist also nicht HD). Die Ausstattung der Bühne, die Kostüme, die Haarschnitte: All das ist von einer Authentizität, die einfach nur verblüfft. Dies gilt auch für den etwa achtminütigen Prolog (der Einführung), die Jacks Geschichte erzählt. Es sind oft nur kurze Einspieler, das Bildmaterial- und seine Qualität variieren: Es ist technisch von einer Brillanz, die begeistert. Doch was bedeutet schon technische Brillanz, wenn die Schauspieler es nicht bringen?

Auftritt: David Dastmalchian. Dastmalchian gehört zu jenem Heer von Schauspielern, die man schon einmal gesehen hat, ohne jedoch wirklich zu wissen, wo? Seinen vielleicht auffälligsten Auftritt absolvierte er in James Gunns «The Suicide Squad» als etwas, nun ja, durchgeknallter Schurke Polka-Dot Man. Da der Film bedauerlicherweise ein Opfer der Corona-Pandemie wurde, hat er allerdings nicht den Nachhall erzeugt, den man sich im Hause Warner erhofft hat und Dastmalchian konnte von seiner Mitwirkung nicht profitieren. Der Schauspieler iranisch-armenischer Herkunft war Kurt in den «Ant-Man»-Filmen (Kurt? Ebenfalls so eine Nebenrolle, die zwar wichtig ist, die man aber wieder vergisst). Darüber hinaus sah man ihn in Filmen wie «Oppenheimer» und «Blade Runner 2049», auch in elf Episoden des «MacGuyver»-Reboots hat er mitgewirkt. Aber trotz diesen durchaus bemerkenswerten Titeln ist er ein weithin Unbekannter. Das könnte sich ändern, denn das, was David Dastmalchian hier liefert, wäre in einem Studio-Film mit einem bekannten Regisseur hinter der Kamera eine Leistung, die mindestens in den Feuilletons besprochen würde. Dastmalchian spielt diesen Jack nicht. David Dastmalchian ist Jack. Dieser Jack ist ein TV-Late-Night-Moderator des Jahres 1977. Jede Geste, jedes Lachen, jedes Wort ist echt. Aber nicht nur das: Es ist der Auftritt des Hellsehers, der in einem Desaster mündet, nach dem Jack die Show eigentlich abbrechen müsste. Was Jack nicht macht. Es ist dieser Moment, in dem man spürt, wie Jack die Show entgleitet, er jedoch aus Gründen, die sich nach und nach offenbaren, an der Show festhält. Alle Darstellerinnen und Darsteller dieses Filmes agieren weit über dem, was erwartet werden darf, aber David Dastmalchian legt die Messlatte mit jedem Auftritt noch etwas höher. Bedenkt man, dass er (von einigen wenigen Prologsschnipseln abgesehen) in jeder Szene auftritt und jede, aber wirklich jede Szene tragen muss (er ist der Host, er gibt die Richtung vor, das ist der Job des Moderators), ist dies um so bemerkenswerter.

Was den Horror betrifft: «Late Night With The Devil» ist kein Film, der sich an Schockeffekten delektiert. Das Grauen kommt vielmehr als ein Prozess daher, der sich langsam ausbreitet. Dass diese Sendung nicht gut enden wird, ist durch den Prolog bekannt. Die Spannung ergibt sich aus der Frage, was geschieht? Langsam kriecht das Grauen aus deinem Versteck, oft ist es nur ein Glitsch im Bildmaterial, der das Herantasten des Grauens visualisiert. Colin und Cameron Cairnes lauten die Namen der Regisseure, deren Filmografie zwar umfangreich ist, sich bislang aber vor allem im Brot- und Buttergeschäft bewegte. Da finden sich australische Sketchshows, für die sie inszenatorisch tätig waren, Sitcoms und anderes mehr. Und ja, mit «100 Bloody Acres» haben sie immerhin einen Horrorfilm vorzuweisen, der hierzulande sogar einen kleinen Kinostart erhalten hat und gar nicht wirklich schlecht besprochen wurde – da er unerwartet witzige Dialoge präsentierte, die man so nicht erwartet. Einen Nachhall konnte der Splatterfilm jedoch nicht erzeugen, daher würde man bei einer Filmografie wie der der beiden Brüder davon ausgehen, dass sie seinerzeit einmal die Chance hatten, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, um sich danach doch wieder dem Tagesgeschäft zuzuwenden. Solche Filmografien gibt es wie Sand am Meer. Nach «Late Night With The Devil» dürfte die Zeit der Brot- und Butterproduktionen für Colin und Cameron Cairnes jedoch enden, denn kein Produzent, der etwas auf sich hält, wird einen Hype wie den um «Late Night With The Devil» nur mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen. Vielmehr dürften sich die an der Produktion beteiligten US-Geldgeber dafür ärgern, dass der Film in den USA „nur“ als Shudder-Original verwertet worden ist (nach einem kleinen Kinostart drei Wochen vor der Streaming-Premiere).



Ist der Hype jedoch wirklich gerechtfertigt? Um dies noch einmal zu wiederholen: Ja, «Late Night With The Devil» ist ein sehr, sehr guter Horrorfilm, der allein schon seines Hauptdarstellers, seiner Ausstattung, seiner gesamten Atmosphäre wegen einer Guck-Pflicht einfordert. Aber 100 Prozent – die bekommt er dann doch nicht ganz. Warum?

Wie bereits eingangs erwähnt, präsentiert sich «Late Night With The Devil» als Film im Film. Den Rahmen gibt die Dokumentation vor. Das ist eigentlich ziemlich clever, da sie die Möglichkeit des Prologs eröffnet, in dem nicht nur Jack vorgestellt wird, wie dies in einer Live-Sendung, wie sie hier präsentiert wird, gar nicht möglich wäre: Auch die Geschehnisse um die Abraxas-Sekte werden hier aufgerollt und bieten einige Hintergründe, die, würde man sie in die Sendung einbauen (etwa durch einen „Filmbericht“), den Spannungsfluss unnötig unterbrechen würden. Das ist wirklich bemerkenswert gut durchdacht. Zur Doku gehört aber auch „bislang unveröffentlichtes“ Backstage-Filmmaterial, das in den Werbepausen entstanden sein soll. Es gibt allerdings keine schlüssige Erklärung dafür, warum dieses Material existiert, weshalb der Kameramann intimste Momente filmen durfte, etc. Die Existenz dieses Materials ist einfach nicht plausibel im Handlungskosmos dieses Filmes. Und dann ist da das Ende, in dem sie eben doch einmal die Ebene des „Found Footages“ verlassen müssen, was sich dann aber nicht so wirklich in den Rahmen der Doku einordnen lässt. Das Ende wird nicht dem Anspruch des „Found Footage-Materials“ gerecht und damit dem Rahmen, den sich die Macher selbst gesteckt haben! Die Auflösung der Geschichte, wie ihre einzelnen Handlungselemente ineinander übergreifen, wie das alles zu einem Ende kommt → das ist auf der narrativen Ebene eine Wucht. Nur ist es eben kein „Found Footage“.

«Late Night with the Devil» ist ab 30. Mai im Kino zu sehen.

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