Die Kino-Kritiker

«James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben»: Das Ende einer Ära

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Das letzte Abenteuer mit Daniel Craig soll die Bond-Filme seiner Zeit verbinden. Schaffte Cary Joji Fukunaga ein Meisterwerk oder endete die Reihe mau?

Lieber würde er sich die Pulsadern aufschneiden als noch einmal Bond zu spielen, sagte Daniel Craig 2015 kurz nach Drehende von «Spectre». Mit einer Gage von 50 Mio. Pfund ließ er sich dann aber doch überreden. Ein Fehler, denn mit «Spectre» hätte er gewiss einen besseren Abgang gehabt als nun sechs Jahre später mit «Keine Zeit zu sterben». Denn es ist der mit Abstand konsequenteste, aber auch meist deprimierende «Bond»-Film aller Zeiten. Er lässt viele Fans nach 163 Minuten (damit ist es auch der längste aller Bond-Filme) geschockt zurück und nach mehreren Startverschiebungen von zuletzt anderthalb Jahren, die der Pandemie geschuldet sind, hätten viele gewiss mehr erwartet als den schlichten Versuch, dem Publikum diesmal mehr ein Melodram als einen Bond-Film vorzusetzen. Dabei wurde im Vorfeld doch immer wieder posaunt, Craigs letzter 007-Einsatz wäre ein würdiger Abgang für ihn und würde alle seine fünf Filme miteinander verbinden. Nein, auch als Überbau funktioniert «Keine Zeit zu sterben» nicht wirklich, und überhaupt, fängt alles schon damit an, dass der Titel des 25. Bond-Films schlichtweg gelogen ist.

James Bond kommt nicht zur Ruhe
Seinen gefährlichen Beruf hat James Bond (Daniel Craig) an den Nagel gehängt, um fortan mit seiner geliebten Madeleine Swann (Léa Seydoux) abzuhängen. In der italienischen Kleinstadt Matera schlagen sie ihr neues Liebesnest auf. Um sich wirklich auf Madeleine einzulassen, will Bond am Grab seiner einst großen Liebe Vesper endgültig Abschied nehmen. Doch er gerät in den Hinterhalt und verdächtigt Madeleine, ihn an das Verbrechersyndikat Spectre verraten zu haben. Der Ex-Spion trennt sich von ihr und taucht erst fünf Jahre später wieder auf Jamaika auf, wo ihn sein CIA-Kollege Felix Leiter (Jeffrey Wright) aufsucht, um ihn aus dem Ruhestand zu holen. Es geht um Valdo Obruchev (David Dencik), der für die Briten eine weltbedrohliche Bio-Waffe entwickelt hat. Der Wissenschaftler wurde entführt. Von Spectre? Bond sucht seinen Erzfeind Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) im Gefängnis auf, muss aber erkennen, dass ein ganz anderer die Fäden in der Hand hält. Der mysteriöse Lyutsifer Safin (Rami Malek) führt auf einer geheimnisvollen Insel einen teuflischen Racheplan aus und hat es dabei auch auf Madeleine abgesehen, die inzwischen Mutter einer fünfjährigen Tochter ist.

007 – doch nur eine Zahl
Natürlich ist «Keine Zeit zu sterben» mit fast drei Stunden definitiv zu lang, aber in den ersten zwei Drittel fühlt sich noch alles richtig an. Craig führt uns zwar einen ermüdeten Bond vor, steht aber stets seinen Mann, wenn er in lebensgefährliche Situationen gerät. Für Action wird also gesorgt, etwa wenn er im Aston Martin DB5 durch Matera verfolgt wird oder sich in der Stadt Gravina vor seinen Verfolgern gekonnt von einer römischen Brücke in die Schlucht rettet. Das sind wahrlich ‚bondige‘ Momente, wenn auch nicht übermäßig spektakulär. Aber genauso liebt man Bond, der auch wieder markige Sprüche von sich gibt, wenn er hübschen Frauen begegnet. Aber die Zeiten sind vorbei, als er gleich in der nächsten Szene mit ihnen im Bett landet. Die #Metoo-Debatte forderte ein Umdenken. Vielweiberei ist out. Weshalb Bond mit der Britin Lashana Lynch (33) eine Doppelnullagentin an die Seite gestellt wird, die sogar seine alte Erkennungsziffer erhalten hat: 007. Ihretwegen kam 2019 wohl das Gerücht auf, das 007 bald als Frau zu sehen sein würde. An sich ein guter Einfall, doch leider wird daraus nicht mehr gemacht. Lashana Lynch mutiert nur zu einem weiblichen Kampfroboter. Mehr Witz zeigt die Kubanerin Ana de Armas (33) als CIA-Agentin, aber ihr Auftritt ist leider so kurz geraten, dass sie auch schnell wieder vergessen ist. Ist auch so gedacht, denn Bonds Hauptfrau bleibt Léa Seydoux, die erst im letzten Drittel wieder zur Handlung gehört. Eine Handlung, die dann etliche Absurditäten bereithält und schließlich in den Untergang führt.



Große Gefühle statt Coolness
Gewiss würde man jetzt gern spoilern, was im letzten Drittel nicht richtig läuft, aber das wäre gegenüber denjenigen nicht fair, die «Keine Zeit zu sterben» noch nicht gesehen haben. Eins kann aber gesagt werden: Regisseur Cary Joji Fukunaga («Jane Eyre») will auch noch den emotionalsten Bond-Film aller Zeiten abliefern und fährt alles auf, um sein Publikum dahingehend zu fesseln. Die Coolness des Kinohelden, der seit fast 60 Jahren auf der Erfolgsspur gefahren ist, nimmt damit merklich ab. Da kreischt auch die von Hans Zimmer komponierte Musik, wenn Rami Malek («Bohemian Rhapsody») als einer der blassesten Bond-Schurken überhaupt der Garaus gemacht werden soll und es am Schluss um alles geht. Das melancholische Grundgefühl des Films wird musikalisch gleich zu Beginn angeknipst, wenn Zimmer den Song aus dem 1969 erschienenen Bond-Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» zitiert, und zwar mehr als einmal. Wenn es um Gefühle geht, war der frühere Bond-Komponist John Barry dann wohl doch der bessere. Es gibt aber auch noch weitere Verweise auf vorherige Filme. Etwa ein Porträt von Judi Dench als Bonds frühere Vorgesetzte M, und auch die Gimmicks von Waffenmeister Q (Ben Wishaw) erinnern an gute alten Bond-Zeiten, machen damit aber gleichzeitig deutlich, wie sehr «Keine Zeit zu sterben» verunglückt aus dem Rahmen fällt. Denn Fukunaga schafft es letztlich nicht, alles zusammenzuhalten, weder kann er den großen Bogen über Craigs Bond-Ära spannen, noch will es ihm gelingen, den Helden auf eine neue emotionale Schiene zu schieben. Was bleibt, ist der traurigste Bond-Film.

Fazit: Actionszenen, Bond-Girls, Traumkulissen und ein Held im Smoking – alles ist vorhanden, und doch steuert das 25. Bond-Abenteuer «Keine Zeit zu sterben» in eine völlig andere Richtung, die ins Melodramatische führt. Für viele Fans der falsche Weg.

«Keine Zeit zu sterben» läuft im Kino.

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