Interview

Christian Rohde: ‚Zuschauer:innen wird es mehr und mehr egal, woher die Produktionen stammen‘

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In dieser Woche ist die neue TV Now-Serie «8 Zeugen» gestartet. Quotenmeter sprach mit Produzent Rohde über die Zusammenarbeit mit Gedächtnis-Expertin Julia Shaw, den internationalen Wettbewerb und den Dreh unter Corona-Bedingungen.

Die UFA Fiction hat bei der neuen Serie «8 Zeugen» mit Julia Shaw zusammengearbeitet. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit der Expertin empfunden?
Mit Julia war die Zusammenarbeit enorm angenehm und konstruktiv. Julia hat ein sehr gutes Gespür für dramatisches Erzählen, eine Eigenschaft, die man ja bei einer Wissenschaftlerin nicht unbedingt erwarten würde. Häufig sind wir mit sehr konkreten erzählerischen Fragestellungen auf sie zu gegangen und sie hatte meistens Ideen aus ihrer Praxis, die uns geholfen haben.

Neben „Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht“ brachte Frau Shaw auch „Böse: Die Psychologie unserer Abgründe“ auf den Markt. Haben Sie sich mit ihren Werken beschäftigt?
Natürlich haben wir uns mit dem Gesamtwerk von Julia beschäftigt, aber der Fokus für unsere Serie lag ganz klar auf ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“, das wir für die ersten Pitches intensiv studiert haben. Zu einem Zeitpunkt übrigens, als wir noch gar nicht wussten, ob sie die Idee, eine solche Serie auf ihrem Buch aufzubauen, überhaupt gut finden würde. Als wir sie dann angesprochen haben, war sie sofort begeistert dabei.

Können Sie unseren Lesern kurz erzählen, worum es in «8 Zeugen» geht?
Im Zentrum von «8 Zeugen» steht eine Rechtspsychologin mit dem Spezialgebiet „Erinnerungen“ - Dr. Jasmin Braun, gespielt von Alexandra Maria Lara. Sie soll bei einem Kindesentführungsfall helfen, die Erinnerungen der Zeugen dieses Verbrechens zu bewerten. Denn: Erinnerungen sind immer mehr oder weniger verfälscht – die Frage ist nur wie sehr. Jasmin hat eine Nacht Zeit in einer Bibliothek, der improvisierten Einsatzzentrale der Polizei, herauszufinden, was wirklich passiert ist. Und es wird im Verlauf immer klarer, dass sich der oder die Täter unter den Zeugen befinden könnten. Pro Folge verfolgen wir ein Gespräch mit einer Zeugin oder einem Zeugen.

Viele Krimis bestehen aus typischen Befragungen von Personen, die zu anderen Zeugen führten. Oftmals werden am Ende des Films dann Spuren zusammengetragen und der Fall gelöst. Jetzt beschäftigten Sie sich mit ihrem Team mit der Wissenschaft. Eine neue Erfahrung für Sie?
Die Idee war unter Zugrundelegung von Julia Shaws Erkenntnissen, Zeugenbefragungen anders zu führen, als wir das normalerweise sehen, und sich über einen neuen Pfad der Lösung eines Falls zu nähern. Die wissenschaftlichen Aspekte haben uns dabei deutlich gemacht, dass dies der viel sinnvollere und effektivere Weg ist, die Wahrheit herauszufinden. Und trotzdem haben wir es nicht komplett verhindern können, dass Dr. Braun auch mal eine sehr nach „klassischer“ Polizeiarbeit klingende Frage formuliert. Sich im Entwicklungsprozess mit Hilfe der Wissenschaft immer wieder genau daran zu hindern, war eine spannende und über dieses Projekt hinaus gehende Aufgabe mit vielen Erkenntnissen.

Frau Shaw beschreibt in Ihrem Buch, dass man Menschen falsche Erinnerungen „einpflanzen“ kann. Ist das nicht ein Problem für unseren Rechtsstaat? Wie kamen Sie auf diese Thematik, dies für einen fiktionalen Fall umzusetzen?
Zunächst einmal erzählen wir hier eine fiktionale Geschichte und andersrum gedacht: die Suggestivfragen, die sich in der Polizeiarbeit selbst mit guten Absichten kaum verhindern lassen, sind das eigentliche Problem, da sie mal mehr oder mal weniger falsche Erinnerungen bei dem Befragten „einpflanzen“. Die Szene, auf die Sie hier anspielen, ist allerdings eine starke Zuspitzung, um die Preisgabe einer Information zu provozieren. Diese Szene wäre in der Realität ganz sicher ein Verstoß gegen zahlreiche Regeln, was wir in der Folge auch verdeutlichen.

Danke für die Erläuterung! In den vergangenen Jahren gab es immer wieder spannende Ansätze, um Kriminal-Geschichten aufzurollen. Bei «CSI» hat man ebenfalls interessante Ansätze gesehen wie bei Serien von Ferdinand von Schirach. Nähern wir uns in Deutschland damit immer mehr zu den Top-Serien weltweit?
Das kann ich nicht beantworten, aber es klingt für mich nach einer logischen Entwicklung. Fakt ist einfach, dass wir mit unseren Produktionen automatisch mit einer weltweiten Konkurrenz verglichen werden und damit auch konkurrieren. Ich bin der Überzeugung, dass es den Zuschauer:innen mehr und mehr egal wird, woher eine Produktion stammt, was sie gekostet hat etc. Der Streamingmarkt beschleunigt diesen Trend sicherlich. Bei «8 Zeugen» sprechen wir von einer Serie, die insgesamt unter 3 Millionen Euro gekostet hat und es war für mich eine freudige Herausforderung, dass man dies nicht unbedingt sehen sollte und wir uns vor einer wesentlich höher budgetierten, internationalen Konkurrenz nicht verstecken müssen.

Ihre Kollegen schwärmten schon in anderen Interviews mit der Zusammenarbeit mit Frau Shaw. In ihrem Buch „Böse“ greift sie Dinge wie psychische Krankheiten, Homosexualität, Nazis und warum die Alternative für Deutschland (AfD) ähnlich funktioniert sowie Pädohebephile auf. Hätten Sie Lust diese Dinge als Themen aufzugreifen und in einen fiktionalen Stoff umzusetzen?
Wie gesagt lag Julias Buch „Das trügerische Gedächtnis“ im Zentrum unseres Interesses. In ihrer Arbeit lassen sich aber sicher zahlreiche weitere Themen finden, die sich für eine fiktionale Umsetzung anbieten würden. Julia Shaw ist eine sehr spannende Person und wir sind natürlich auch weiter mit ihr im Gespräch.

Sie haben mit Nilam Farooq, Hanna Plaß und Alexandra Maria Lara einen eindrucksvollen Cast zusammengestellt. Wie war die Arbeit unter den Corona-Bedingungen?
Corona ist für die Filmproduktion eine riesige Herausforderung. Allerdings war «8 Zeugen» unter diesen Bedingungen gut zu planen und durchzuführen, nicht zuletzt durch einen fast vollständigen Dreh unter Studiobedingungen. Wir hatten eigentlich vor, komplett chronologisch zu drehen, was wir aber ein Stück weit aufweichen mussten, um Szenen, die eine körperliche Nähe der Darsteller:innen notwendig machten, zu separieren und mit besonderen Schutzmaßnahmen (Quarantäne etc.) zu ermöglichen. Die große Bereitschaft unseres Casts, sehr viel auf sich zu nehmen, hat mich sehr berührt und ich bin unglaublich dankbar dafür.

Janosch Kosack verfasste die Drehbücher, Jörg Lühdorff übernahm die Regie. Die Initiative „Kontrakt 18“ setzt sich dafür ein, dass Autoren in vielen Bereichen mitsprechen können. Hat das bei Ihnen geklappt? Oder Wollte Herr Kosack gar nicht Einfluss auf die Entscheidungen der Produzenten und des Regisseurs nehmen?
Jörg und Janosch waren beide als Autoren tätig. Ich halte eine eng verzahnte Kollaboration der Head-Creatives bei einer modernen Serie für eine unbedingte Voraussetzung, um spannenden Content zu schaffen. Wenn man den langen Entstehungsprozess eines solchen Produktes als „flüssiges Mosaik“ betrachtet, geht es auch schlicht nicht anders. Janosch, Jörg, unser Dramaturg Thomas Laue, unsere Producer:innen Viktoria Barkhausen und Joachim Weiler und ich waren eng (digital) „verdrahtet“. Vom Development bis zum Endprodukt. Und so sehr Corona uns eingeschränkt hat, hat die Situation durch die notwendigen, digitalen Remote-Prozesse auch etwas Öffnendes gehabt.

Sie machen seit über 20 Jahren Filme. Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?
Es wäre schlimm, wenn sich in 20 Jahren nichts verändert hätte und ich liebe diese Zeit jetzt! Der Bedarf an Fiction ist riesig und es gibt kaum Einschränkungen in Genre und Format. Ich empfinde das als großartig und herausfordernd zugleich.

Besten Dank für das Gespräch!

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