Die Kritiker

«Romulus» Kritik zur lateinischen Historienserie

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Vielleicht hat Serienschöpfer Matteo Rovere sich Mel Gibsons in Maya-Sprache gedrehtes Historiendrama «Apocalypto» angeschaut, bevor er sich entschied sein Epos «Romulus» in Latein zu drehen.

Eine größere Film- oder Serienproduktion in einer toten Sprache zu drehen, ist bis heute eine Anomalie in der internationalen Filmindustrie, da sie vom Zuschauer die Akzeptanz erfordert, das jeweilige Werk vollständig mit den entsprechenden Untertiteln der jeweiligen Landessprache zu schauen. Funktionieren kann dies durchaus, wie Apocalypto im Jahr 2006 eindrucksvoll bewies. Mit rund $140 Mio USD spielte das Historiendrama rund das dreifache seines Budgets wieder ein und kommt bis heute ohne Synchronisation daher. So ganz schien man sich bei der vermutlich kostspieligen Produktion von Romulus, die aus zehn Folgen und damit über acht Stunden Gesamtlaufzeit besteht, aber nicht darauf verlassen zu wollen, dass ein breites Publikum für diese Laufzeit am Ball bliebe. Sowohl für das italienische Fernsehen als auch für den Deutschlandstart wurden entsprechenden Synchronisationen in der jeweiligen Landessprache angefertigt. Hierzu muss erwähnt werden, dass es sich bei der lateinischen Originalfassung nicht um Schullatein handelt, sondern - wohlwollend formuliert - um eine Rekonstruktion eines Altlateins, dass selbst mit großem Latinum häufig nach linguistischem Kauderwelsch mit lateinischen Wortfetzen klingt. Wie viel Arbeit in die Erstellung des Dialogbuchs der Serie geflossen ist, soll an dieser Stelle offen für Diskussionen sein, entsprechende lateinische Untertitel fehlen aber wohl nicht ohne Grund. Mit historischem Hintergrundwissen wird schnell klar, dass der Anfang der altlateinischen schriftlichen Überlieferung auf 240 v. Chr. (Livi Andronici «Odusia») datiert wird, die Serie aber im 8. Jahrhundert v. Chr., zum Ende der Bronzezeit spielt, was ein sprachhistorisch korrektes Drehbuch unmöglich macht. Die Sinnhaftigkeit dahinter darf durchaus hinterfragt werden, dem immersiven Charakter von «Romulus» hätte es sicherlich nicht geschadet, die Serie in klassischem Latein zu drehen, wodurch die Vertonung zumindest für bestimmte lateinkundige Personengruppen einen essenziellen Mehrwert gehabt hätte.

Abseits der Sprache bietet das Bronzezeitalter eine interessante Abwechslung von gewohnten historischen Schauplätzen, denn dieses Zeitalter hat auf unseren Fernsehbildschirmen ebenfalls absoluten Seltenheitswert. Schauplatz ist die italienische Region Latium, dessen König Numitor über 30 mehr oder weniger verfeindete Dörfer herrscht. Hier wird ein Bild zwischen einer ursprünglichen verrohten archaischen Gesellschaft und den Anfängen der Zivilisation, die einmal die größte der Antike werden sollte, gezeichnet. Was den titelgebenden Protagonisten betrifft, so wird der Zuschauer bis zum Ende der Staffel im Dunkeln gelassen und im Verlauf jener mehrfach in die Irre geführt. In seiner ersten Staffel wirkt «Romulus» wie ein Prequel zu einer Geschichte, die es noch zu erzählen gilt. Die Gründung Roms steht bis zuletzt noch genauso in den Sternen wie die Offenbarung der historischen Figuren Romulus und Remus. Stattdessen folgt die Geschichte dem Thronerben Yemos (Andrea Arcangeli) und dem Sklaven Wiros (Francesco Di Napoli), die sich auf einer Suche nach ihrer Identität und ihrem Schicksal befinden. Auch wenn Religion und Mystik in «Romulus» eine große Rolle einnehmen, so gleitet die Serie glücklicherweise nicht ins Übernatürliche ab, sondern spielt nur mit diesem, wodurch der Anspruch an eine Historienserie gewahrt bleibt.



Die Schauplätze bestehend aus kleinen Dörfern und dichten Wäldern ermöglichen es der Serie auch mit durchschnittlichem Budget einen relativ hochwertigen Eindruck zu erwecken, da auf größere Sets sowie auf die Ansammlung von Statisten und Komparsen überwiegend verzichtet werden kann. Die kontrastreichen Sets aus grauem Ödland, dichten Wäldern und grünen Weiden schaffen es hervorragend eine vom Menschen noch überwiegend unberührte Welt darzustellen. Schauspielerisch wirkt der italienische Cast einerseits erfrischend, denn außerhalb Italiens dürfte dem internationalen Zuschauer keines der Gesichter bekannt sein. Andererseits scheinen auch einige der Jungdarsteller etwas dem overacting verfallen zu sein. Francesco Di Napolis (Wiros) Gestik erinnert teilweise an Gollum aus «Der Herr der Ringe» und Marianna Fontana (Ilia) mit ihrem stets durchgeknallten Blick und lautem, expressivem Spiel etwas zu sehr an Nicolas Cage.

Kostüm- und Maskenbild sowie die Kampfchoreografien wirken häufig zu modern und damit unglaubhaft. Zumindest letztere sind allerdings recht ordentlich umgesetzt. «Romulus» geizt, wie von Historienserien gewohnt, zu keiner Zeit mit einer expliziten Gewaltdarstellung und nackter Haut. Abgeschlagene Köpfe und nackte Brüste gehören zum guten Ton der Serie, können aber die teilweise doch sehr schleppend verlaufende Handlung nicht aufwerten. Ein paar Folgen weniger hätten dem pacing dieser ersten Staffel sichtlich gutgetan, auch wenn mit der deutschen Synchronisation wohl eher überflüssiger Dialog verziehen werden kann als mit lateinischem Originalton und Untertiteln, die stetige Aufmerksamkeit beim Zuschauen erfordern.

«Romulus» gehört zu den außergewöhnlichsten Serien der letzten Jahre. Auch wenn der altlateinische Originalton keine Preise unter Linguisten gewinnen dürfte, ist die Vertonung gepaart mit dem unverbrauchten Zeitalter eine zumindest teilweise erfreuliche Abwechslung vom Altbekannten. Gut dosiert wird «Romulus» sicherlich den ein oder anderen historisch interessierten Zuschauer von sich überzeugen können. Ob dies für eine Fortsetzung der Geschichte über die Gründung Roms reicht, wird sich allerdings noch zeigen müssen.

Wer sich selbst ein Bild von «Romulus» machen möchte kann dies sowohl im lateinischen Originalton mit deutschen Untertiteln sowie in deutscher Synchronisation ab dem 1. Januar 2021 bei Magenta TV.

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