In jedem Filmskript steckt immer auch eine Menge Prosa. Doch die ist, anders als im Roman, nur Mittel zum Zweck: als Beschreibung einer Szene oder eines Charakters. Die wird beim Dreh von anderen in Schauspiel und Bildsprache übersetzt. Ein Roman dagegen ist ungefiltert. Er kommt direkt vom Erzeuger, und der Autor spricht seine eigene Sprache. Kein Regieassistent schaut auf die Stoppuhr, kein Darsteller verändert den Dialog. Das bedeutet für den Erfinder: Freiheit. Viele Drehbuchautoren träumen davon. Aber am Ende braucht es die richtige Geschichte und den Entschluss: Jetzt oder nie!
Sie sind Drehbuchautor, Lyriker und Songtexter. Wie unterscheidet sich für Sie das Erzählen in einem Roman von der Arbeit an einem Drehbuch?
Im Normalfall kreiert ein Drehbuch einen Ablauf und eine Struktur. Mit einem Roman reist man ins Ungewisse. Über weite Strecken ist man mit sich allein und lässt nur sehr vertraute Menschen über die Schulter schauen und einen Blick auf die eigene Arbeit werfen. Zugleich macht man es sich in einer Story wohnlich, schaut in sehr viel mehr Ecken als bei einem Filmmanuskript, muss aber auch aufpassen, dass man sich nicht im Erzählfluss verliert. Drehbuchschreiben diszipliniert. Lyrik schult das Sprachempfinden. Mit beiden Erfahrungen ist man auch für ein längeres Werk recht gut ausgerüstet.
Viele Drehbuchautoren schreiben sehr visuell. Hat Ihr Hintergrund im Fernsehen beeinflusst, wie Sie „Pfefferminzhimmel“ erzählt haben?
Drehbücher haben nur eine begrenzte Halbwertzeit. Dann machen sich Regisseure, Kameraleute und Ausstatter darüber her und die Vision ist am Ende nicht mehr die eigene. Bei Büchern übernehmen die Leser diese Rolle. Bei denen setzt das Kopfkino ein, und ich finde, man sollte ihre Vorstellungskraft nicht mit zu viel Detailschilderung bremsen. Besser, man rückt die Handlung nach vorn. Beim Film ruft man „Action!“ und nicht „Picture!“ Ich habe mich bei meinem Roman tunlichst drangehalten.
Wenn man als Drehbuchautor einen Roman schreibt: Denkt man automatisch in Szenen, Dialogen und Bildern – oder muss man sich bewusst von dieser Arbeitsweise lösen?
Im Gegenteil: Man kann und sollte diese Mittel nutzen und das dazutun, was eine Erzählung besser kann als ein Film: die Gedanken hinter dem Gesagten und Gezeigten aufzeigen. Der „Pfefferminzhimmel“ ist recht filmisch, erzählt kurze Episoden, springt wenn nötig in der Zeit und lässt Handlungen zuweilen parallel ablaufen. Aber die Liebesgeschichte, die alles zusammenhält, wird kontinuierlich über zehn Lebensjahre erzählt, und zugleich entsteht ein recht buntes Gesellschaftsbild.
Schauspieler Henry Hübchen meinte bereits, der Roman schreie nach einer Verfilmung. Ist „Pfefferminzhimmel“ tatsächlich so filmisch erzählt, dass man ihn sich leicht als Film vorstellen kann?
In meinem Kopf läuft er schon. Doch wie bei jeder Literaturverfilmung müsste man wohl heftig komprimieren. Auf Nebenrollen und Seitenstränge verzichten, die zwar spaßig oder anrührend sind, aber die Dramaturgie aufhalten. Der Kern der Geschichte, die bitter-romantische Sehnsuchtskomödie von einem Mann, der sich nie wieder verlieben will und einer Frau begegnet, die jung sterben möchte, scheint mir aber ergiebig genug für neunzig Minuten und den Kauf einer Kinokarte. Henry weiß sicher auch schon, wer die Regie übernehmen könnte, und kennt die perfekten Hauptdarsteller.
Der Roman spielt im Ostberlin der achtziger Jahre – einer Zeit, die Sie selbst erlebt haben. Wie viel persönliche Erinnerung steckt in der Geschichte?
Ich habe mich bei Personen und Momenten bedient, die mir in der Erinnerung geblieben sind. Einige waren so einmalig, dass man sie nicht besser erfinden könnte. Die sind nun verewigt. Aber das meiste, was dort aufgeschrieben steht, hat sich ganz anders, so ungefähr oder auch nie zugetragen. Es ist das wiederbelebte Gefühl für eine Zeit, in der sich ungeahnte Veränderungen anbahnten. Ein Land kollabiert, doch es wird so selbstverständlich gelacht, geliebt und geflucht, wie in Pompeji bevor der Vulkan ausbrach.
Während der «Usedom-Krimi» stark von Spannung und Ermittlungsarbeit lebt, steht in „Pfefferminzhimmel“ eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt. War es für Sie reizvoll, einmal ein ganz anderes Genre zu erzählen?
Der «Usedom-Krimi», wie er erfunden wurde, erzählte im Grunde eine Familiengeschichte. Die Hassliebe zwischen einer Mutter und ihrer Tochter. Die eine ist eine Mörderin, die andere Polizistin. Sie streiten und sie konkurrieren, aber sie müssen miteinander auskommen, denn unter der Oberfläche sind immer noch die Loyalität und Zuneigung, die in Familien wachsen. Spannend waren auch nicht die polizeilichen Ermittlungen und das Whodunit, sondern die Verstrickungen von Menschen, die sich nicht aus bösem Willen, sondern widriger Umstände wegen schuldig gemacht hatten. Die Themen Schuld, Sühne und Vergebung kommen auch im “Pfefferminzhimmel“ vor. Im Gegensatz zum „Usedom-Krimi“ wird im Roman allerdings niemand umgebracht.
Gerade wird bereits die 30. Folge des «Usedom-Krimis» gedreht. Wenn Sie auf die Entwicklung der Reihe zurückblicken: Was hat diese Krimireihe Ihrer Meinung nach für das deutsche Fernsehen besonders gemacht?
Der «Usedom-Krimi» ist in einer Ecke Deutschlands angesiedelt, die sich zu Beginn der Dreharbeiten vor fast fünfzehn Jahren immer noch im Umbruch befand. Diese soziale Wirklichkeit wurde in den einzelnen Folgen aus ganz unterschiedlichen Aspekten gezeigt. Außerdem fanden die Drehs ausschließlich in kalten Jahreszeiten statt. Bilder vom Herbst und vom Winter am Meer haben einen Reiz, zeigen aber auch eine ehrliche Härte. Dazu kam die kantig selbstbewusste Hauptdarstellerin: Katrin Sass. Meine Frau und ich haben uns als Autoren allerdings nach sieben Folgen verabschiedet und anderen Themen zugewandt. Auf deutschen Bildschirmen wird uns zu oft und zu regelmäßig gemordet, um in jedem Fall die Tragweite und die Tragödie hinter einer solchen Tat zu sehen.
Wenn Sie heute an neue Stoffe denken: Reizt Sie künftig eher das Erzählen im Roman – oder bleiben Sie doch ein Autor, der Geschichten am liebsten für Film und Fernsehen entwickelt?
Ich bin mein Leben lang mehrgleisig gefahren. Ich habe Fernsehkritiken, Songtexte und Hörspiele geschrieben. War zeitweilig Redakteur und Dokumentarfilmer. Habe in einer Band gespielt und einen Fernsehsender aufgebaut. Nach dem Roman ist vielleicht ein Kinderbuch dran. Ich würde auch gern mal ein Wandbild malen oder Klavierspielen lernen. Wer weiß. Ich bin ja noch im besten Alter.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
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