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‚Messias‘

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Andreas Brandhorst schrieb einen Thriller zwischen Glauben, Macht und einem unmöglichen Auftrag.

Mit „Messias“ legt Bestsellerautor Andreas Brandhorst einen Thriller vor, der klassische Spannung mit philosophischen Fragen verbindet. Auf über 500 Seiten entfaltet sich eine Geschichte, die nicht nur von einem spektakulären Mordauftrag erzählt, sondern von nichts Geringerem als der Frage: Was passiert, wenn plötzlich jemand auftaucht, der tatsächlich Wunder vollbringen kann?

Der Ausgangspunkt ist ebenso simpel wie explosiv. Ein Mann namens Simon tritt ins Licht der Öffentlichkeit – und behauptet, die Menschheit zu erlösen. Was zunächst wie eine weitere religiöse oder esoterische Figur wirkt, nimmt schnell eine andere Dimension an. Denn Simon scheint tatsächlich Dinge zu tun, die sich rational nicht erklären lassen. Wunder geschehen. Menschen werden geheilt. Naturgesetze scheinen außer Kraft gesetzt. Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Regierungen werden nervös, religiöse Institutionen alarmiert. Ist dieser Mann ein Betrüger, ein gefährlicher Fanatiker – oder tatsächlich der Messias? Brandhorst spielt gekonnt mit dieser Unsicherheit und lässt die Welt in eine Mischung aus Faszination, Angst und Machtkalkül kippen.

Parallel dazu begleitet der Roman eine zweite Figur: Nathan, ein Auftragskiller, der eigentlich kurz vor dem Ruhestand steht. Ein Mann, der sein Leben im Schatten verbracht hat, der funktioniert hat, ohne zu hinterfragen. Doch dann erhält er den Auftrag, der alles verändert: „Töten Sie Gott.“ Dieser Auftrag ist nicht nur spektakulär, sondern stellt die Grundlogik des Thrillers auf den Kopf. Denn wie tötet man jemanden, der möglicherweise göttliche Kräfte besitzt? Und noch wichtiger: Sollte man es überhaupt versuchen? Nathan wird damit nicht nur zum Werkzeug eines geheimnisvollen Konsortiums, sondern zum Zentrum einer moralischen und existenziellen Auseinandersetzung.

Gerade diese doppelte Erzählstruktur macht den Reiz von „Messias“ aus. Auf der einen Seite die globale Perspektive – politische Systeme, religiöse Institutionen, Medien und Öffentlichkeit reagieren auf das Phänomen Simon. Auf der anderen Seite die persönliche Ebene eines Killers, der beginnt, an seinem Auftrag und an sich selbst zu zweifeln. Brandhorst gelingt es, diese Ebenen miteinander zu verknüpfen und dabei ein hohes Spannungsniveau zu halten. Der Roman ist kein reiner Actionthriller, sondern entwickelt sich zunehmend zu einem Gedankenspiel über Glauben, Wahrheit und Macht. Was ist ein Wunder in einer Welt, die alles erklären will? Was passiert, wenn sich etwas nicht mehr kontrollieren lässt? Und wer entscheidet, was wahr ist?

Stilistisch bleibt Brandhorst seinem Markenzeichen treu: klar, zugänglich und zugleich mit einem Gespür für große Ideen. Die Handlung ist temporeich, die Dialoge präzise, die Szenen oft filmisch inszeniert. Gleichzeitig nimmt sich der Autor Zeit für Reflexion. Gerade die Figur Nathan gewinnt im Verlauf des Romans an Tiefe, weil sie nicht als klassischer Held angelegt ist, sondern als jemand, der gezwungen ist, seine eigene Rolle zu hinterfragen. Auch das geheimnisvolle Konsortium bleibt bewusst im Halbdunkel. Es steht stellvertretend für jene Kräfte, die Kontrolle über das Unkontrollierbare erlangen wollen. In dieser Hinsicht ist „Messias“ auch ein Roman über Machtstrukturen – darüber, wie schnell Institutionen bereit sind, extreme Maßnahmen zu ergreifen, wenn ihre Ordnung bedroht wird.

Ein besonderer Reiz liegt in der Ambivalenz der Figur Simon. Brandhorst liefert keine einfachen Antworten. Ist er wirklich ein göttlicher Gesandter? Ein Phänomen, das wir noch nicht verstehen? Oder doch Teil eines größeren Plans? Diese Offenheit hält die Spannung bis zum Schluss aufrecht und zwingt die Leserinnen und Leser, sich selbst eine Meinung zu bilden. Brandhorst gelingt es, große Fragen in eine packende Handlung einzubetten, ohne dabei belehrend zu wirken. „Messias“ ist ein intensives, klug konstruiertes Buch über Glauben und Zweifel, über Macht und Kontrolle – und über die vielleicht größte Frage überhaupt: Was, wenn das Unmögliche plötzlich real wird?

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