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«Marvel's The Punisher»: Zwischen Selbstjustiz und Rechtschaffenheit

von

Ab Freitag zeigt Netflix mit dem «Punisher» einen Spinoff seiner vielgerühmten Serie «Daredevil». Das Marvel-Universum dehnt sich weiter aus – und wird mit diesem neuen Format um eine interessante Stimme bereichert.

Cast & Crew

Produktion: Marvel Television und ABC Studios
Schöpfer: Steve Lightfoot
basierend auf den Graphic Novels von Gerry Conway und John Romita, Sr.
Darsteller: Jon Bernthal, Ben Barnes, Ebon Moss-Bachrach, Amber Rose Revah, Deborah Ann Woll, Daniel Webber, Jason R. Moore u.v.m.
Executive Producer: Cindy Holland, Jim Chory, Jeph Loeb und Steve Lightfoot
Frank Castle (Jon Bernthal) hat in seiner Zeit als Marine in Afghanistan eigentlich schon die Hölle erlebt. Doch zu Hause wird alles noch schlimmer. Ihm passiert der Alptraum eines jeden Menschen: Seine Familie wird ermordet. Systematisch und mit äußerster Kälte geht er auf einen Rachefeldzug und legt die Ausführer der Tat einen nach dem anderen um.

Sechs Monate später ist er in New York gelandet. Er hat sich einen Bart wachsen lassen, um nicht sofort erkannt zu werden. Denn offiziell gilt er als tot. Das soll auch so bleiben – schließlich muss er noch an die Hintermänner kommen, die seine Frau und seine Kinder abschlachten ließen, und ihnen das Licht ausknipsen. Irgendwas hat das wohl mit der Geschichte seiner Einheit in Afghanistan zu tun, die dort groß in den internationalen Drogenhandel eingestiegen ist und allerhand bestialische Kriegsverbrechen verübt hat. Nun alterniert der Punisher, zu dem Castle geworden ist, zwischen seinem Leben in der Isolation einer kalten, heruntergekommenen Wohnung, wo er „Moby Dick“ liest, und seinem Job als menschliche Abrissbirne, wo er bald den Hass seiner niederträchtigen Kollegen auf sich zieht, weil er ihnen mit seiner unermüdlichen, psychisch reinigenden Arbeit mit dem Vorschlaghammer die Überstundenzuschläge verhagelt.

Der Ruf des Helden ereilt ihn aus einer Vielzahl von Gründen. Zum Einen kann er Unrecht schwer ertragen, und als ein gutmütiger Arbeitskollege von seinen brachialen Kollegen zu einem krummen und saugefährlichen Ding überredet wird und die ihn danach aus dem Weg schaffen wollen, macht der Bestrafer kurzen Prozess und mordet die Drei dahin. Bald darauf wird er von einem alten Bekannten kontaktiert, der ein paar Dinge aus der Afghanistan-Zeit mit ihm zu bereden hat. Und zu allem Übel beginnt auch Dinah Madani (Amber Rose Revah), eine engagierte iranischstämmige Beamtin beim Heimatschutzministerium, gegen ihn zu ermitteln. Denn sie ist überzeugt, dass Frank Castle noch unter den Lebenden weilt – und sicherlich etwas Interessantes über den Tod eines afghanischen Mannes zu erzählen hätte, der mit den amerikanischen Behörden kooperiert hatte.

Diese interessante Nebenfigur der Dinah Madani ist einer von vielen Blickwinkeln, aus denen der «Punisher» Amerika betrachtet. Madani ist Amerikanerin durch und durch, in den USA geboren, im Dienste ihres Landes stehend, den uramerikanischen Werten verpflichtet – als Tochter von muslimischen Einwanderern, die 1979 wie viele Iraner in die Vereinigten Staaten emigriert sind, vielleicht noch überzeugter, aber in jedem Fall bewusster als viele ihrer Landsleute, die ihre amerikanischen Vorfahren ein paar Generationen weiter zurückverfolgen können. In Zeiten, in denen ein schändlicher Mann im Weißen Haus sitzt, der während des Wahlkampfs Muslimen die Einreise in die USA untersagen wollte, ist schon das ein Politikum – und dadurch gelingt es dieser Serie hervorragend, eine selbstbewusste muslimische amerikanische Realität zu zeigen, wunderbar implizit und ohne es ständig als Monstranz vor sich hertragen zu müssen, und damit diese Schäbigkeiten der amerikanischen Rechten gekonnt als unamerikanisch zu entlarven.

“This country gave us freedom. But it’s fragile, it needs protecting”, analysiert sie an einer Stelle im Gespräch mit ihrer Mutter, jener Immigrantin, die den Iran verlassen musste, um in Amerika die Freiheit zu finden. Dinah Madani ist eine dieser Frauen, die die amerikanische Freiheit verteidigen – mit allen persönlichen Konsequenzen.

Punisher Frank Castle hat ähnliche patriotische Züge – auch sie haben ihre Wurzeln in einem liberalen, engagierten, freiheitlichen, egalitären Amerika. Mit den konservativen bis reaktionären Werten des angeblich in seiner Existenz bedrohten Christian White Man kann er nichts anfangen. Dabei zeigt er Züge, die diesem Archetypus oft zugeschrieben werden. Allen voran: der Hang zur Selbstjustiz.

Ohne Frage: Von einer humanistischen Ideologie, wie sie kontinentaleuropäische Vorstellungen auffassen, ist in dieser Figur nicht viel zu finden. Seine Rache ist rücksichtslos, ein einziges gnadenloses Blutbad. Doch an dieser Stelle ist der «Punisher» nicht politisch, sondern psychologisch, und niemals apologetisch. Dass Frank Castle all die Mörderbanden, die so dumm sind, sich mit ihm anzulegen, in den Zementmischer wirft oder in mexikanischen Grenzstädten mit dem Scharfschützengewehr abmurkst, ist seiner Biographie geschuldet, nicht einer Ideologie.

Der «Punisher» konzentriert sich ohnehin lieber auf eine durchaus tiefgreifende Reflexion über Schuld, Rache, Vergeltung – und die liberalen Werte Amerikas in Zeiten des populistischen Revanchismus. Atmosphärisch dicht und mit einem äußerst kompetenten Cast ist dieses Format eine wertvolle Ergänzung des Marvel-Portfolios bei Netflix.

«Marvel's The Punisher» ist ab Freitag, 17. November 2017, exklusiv bei Netflix verfügbar.

Kurz-URL: qmde.de/97051
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