Die Kritiker

«Bella Block - Stille Wasser»

von

Bella Block wandelt auf den Spuren von «Twin Peaks». Doch statt sich an amerikanischer Fernsehkunst zu verheben, erzählt die Reihe mit sanfter Ironie einen schönen Krimi.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Hannelore Hoger als Bella Block
Henrik Birch als Lars und Jens Johannsen
Matti Schmidt-Schaller als Henrik Johannsen
Lina Wendel als Lilo Schulz
Katja Weitzenböck als Sabrina Johannsen
Mischa Schulz als Tim Kalkhof

Hinter der Kamera:
Produktion: Ufa Fiction
Drehbuch: Beate Langmaack
Regie: Jo Baier
Kamera: Stefan Unterberger
Produzent: Joachim Kosack
Man hört es, bevor man es sieht, an den geschmeidigen, jazzigen Klängen, dem weich akzentuierten Saxophon, den quintessentiell amerikanischen Melodien, die einen zurückführen in die langen holzgetäfelten Gänge eines kleinstädtischen Washingtoner Hotels, in einen Diner, wo es den berühmtesten schwarzen Kaffee und Cherry Pie Amerikas gibt, in dunkle herbstliche Wälder, wo sich Gespenstisches abspielt. Mit „Stille Wasser“ will «Bella Block» «Twin Peaks» in Brandenburg nachspielen.

Bella Block (Hannelore Hoger) ist mittlerweile außer Dienst. Man musste sich also einen guten Vorwand einfallen lassen, um sie wieder zum Ermitteln zu bringen. Das geht hier so: Bella hat Rückenschmerzen und will sich ein neues Bett kaufen. Da die Hamburger Möbelhäuser aber astronomische Preise verlangen, tingelt sie Kleinanzeigen ab und landet so in der brandenburgischen Pampa. Dort bleibt ihr Auto liegen und der Mechaniker und Abschlepper in Personalunion Jens Johannsen (Henrik Birch) ist so nett, sie noch ins örtliche Gasthaus zu fahren, wo sie erst einmal strandet, bis Jens die Ersatzteile für ihren Wagen beschafft hat.

Am nächsten Tag steht die Beisetzung von Lars Johannsen (ebenfalls Henrik Birch) an, Jens‘ Zwillingsbruder und Gatte der Bürgermeisterin Sabrina (Katja Weitzenböck). Er sei an einem Herzanfall in seinem Haus verstorben, steht auf dem Totenschein. Doch an Jens nagen Zweifel – und Bella sieht für ihn nach einer Frau aus, die ein Talent dafür hat, „Dinge herauszubringen“. Das Rätsel ist ihr Grund genug, erst einmal in dem ruhigen Ort zu bleiben und mit informellen Ermittlungen zu beginnen.

Die führen schnurstracks in das örtliche Bordell, wo Lars Johannsen bis zu seinem Tod Stammgast war. Die Puffmutter Lilo Schulz (Lina Wendel) hatte engen Kontakt zum Verstorbenen, während dessen Gattin in ihrer Funktion als Bürgermeisterin nun alles unternimmt, um das unwürdige Établissement dichtzumachen. Dass der Sohn der Puffmutter neuerdings einen schweineteuren Stingray fährt, verstärkt Bella Blocks Interesse an dem Laden noch.

Die Referenzen auf «Twin Peaks», das dank seiner Fortsetzung nach der Einstellung vor über 25 Jahren gerade wieder in aller Munde ist, hören natürlich nicht bei den Ähnlichkeiten im Score auf. Eine Kleinstadt in Brandenburg zur Herbstzeit mag eine ähnliche Wirkung entfalten können wie die blätterlosen Douglas Firs im pazifischen Nordwesten der USA; die konkreten Bezugspunkte wurden durchaus mit scharfsinnigem Blick auf die örtlichen Gegebenheiten angepasst: Statt in Normas Diner tratscht es sich hier beim Frisör, anstatt im opulenten Great Northern wohnt Bella Block in einer etwas heruntergekommenen Gaststätte, wo abends der örtliche Chor zur Probe vorbeikommt.

Natürlich hat es etwas Anmaßendes, amerikanische Fernsehkunst in einen deutschen Reihenkrimi herunterzuschreiben. Doch die Ironie von „Stille Wasser“ ist größtenteils fein genug, um klar zu machen, dass man sich nicht der Vermessenheit hingeben wollte, sich inhaltlich und künstlerisch ernsthaft mit dem amerikanischen Kunstwerk für vergleichbar zu halten. So sind die Anspielungen, die klaren wie der jazzig-amerikanische Score und die impliziten wie die entrückt-mystisch inszenierten Chorproben in Bellas Absteige, eben liebevolle Referenzen und ein charmanter Tip of the Hat an David Lynch, Mark Frost und Angelo Badalamenti, anstatt eine größenwahnsinnige Imitation.

Diesen gelungenen Eindruck verstärkt der niveauvolle Plot, der eher an seinen Figuren als am Whodunnit interessiert ist. Dem sind die eleganten, empathischen und dabei doch mit sanfter Ironie gespielten Auftritte von Hannelore Hoger, Lina Wendel und Henrik Birch sehr zuträglich. Und so wird aus der neuen «Bella-Block»-Folge, die gelungen ambitioniert ein wenig auf den Spuren des großen amerikanischen Fernsehens wandelt, am Ende ein schöner, unaufgeregter Krimi.

Das Erste zeigt «Bella Block – Stille Wasser» am Samstag, den 28. Oktober um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/96710
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