Die Kino-Kritiker

«Das Belko Experiment»

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Dagegen war «Battle Royale» für Weicheier – in seiner abstrusen Mischung aus besagtem Survival-Horrorfilm, «John Wick» und «The Office» liefert das Duo aus James Gunn und Greg McLean mit «Das Belko Experiment» ein derb-amüsantes Gore-Fest ab, das die Gemüter spalten wird.

Filmfacts: «Das Belko Experiment»

  • Kinostart: 15. Juni 2017
  • Genre: Action/Horror
  • FSK: 18
  • Laufzeit: 89 Min.
  • Kamera: Luis David Sansans
  • Musik: Tyler Bates
  • Buch: James Gunn
  • Regie: Greg McLean
  • Darsteller: John Gallagher Jr., Tony Goldwyn, Adria Arjona, Melonie Diaz, John C. McGinley, Sean Gunn, Owain Yeoman
  • OT: The Belko Experiment (USA/COL 2016)
Spätestens durch die beiden «Guardians of the Galaxy»-Filme hat sich Regisseur und Autor James Gunn auch bei der breiten Masse einen Namen gemacht. Fans hingegen kennen seine Herkunft: Der bekennende Nerd hat mit dem Schreiben von Drehbüchern zu ziemlich blutigen, mitunter so alles andere als politisch korrekten (Horror-)Schockern angefangen. «Tromeo und Julia», «Slither», «Dawn of the Dead» (der von 2004) oder die Superheldengroteske «Super» – dass der Disneykonzern einem solch exzentrischen Kreativen Einzug ins Marvel Cinematic Universe gewährt hat, ist da schon eine kleine Sensation. Dass er seine Wurzeln zu Gunsten des großen Hollywood-Business jedoch nicht verleugnet, zeigt ein Blick auf seinen hierzulande bei den Fantasy Filmfest Nights aufgeführten Büro-Slasher «Das Belko Experiment»; richtig gelesen: dieses äußerst rabiate Genre-Unterfangen lässt sich am besten als Mischung aus «The Office» (respektive dem deutschen Pendant «Stromberg»), «Battle Royale» (oder, für die jüngeren Leser: «Die Tribute von Panem») und etwas sehr, sehr Blutigem beschreiben, das in seiner visuellen Ästhetik allerdings am ehesten in Richtung «John Wick» verortbar ist. Das klingt im schlimmsten Fall nach heillosem Durcheinander, im besten Fall nach amüsantem Trash. Doch «Das Belko Experiment» ist weitaus ernster als gedacht, steckt voller abartiger Ideen und dürfte selbst hartgesottene Zuschauer in die Magengrube treffen – da müssen sich die vielen augenzwinkernden Regieeinfälle schon mächtig anstrengen, um ihre befreiende Funktion zu erfüllen.

Ein nicht ganz normaler Arbeitstag


Eine Gruppe von Angestellten verrichtet ihre Arbeit tagtäglich beim weltberühmten Belko-Konzern. Was genau hier für Geschäfte abgewickelt werden, wissen jedoch selbst die Mitarbeiter nicht so recht. All das spielt allerdings überhaupt keine Rolle mehr, als eines Tages Tag plötzlich eine Stimme durch die Lautsprecher ertönt, die sämtliche im Haus befindlichen Leute zu einem Experiment auffordert: In den kommenden 30 Minuten sollen zwei der 80 Mitarbeiter ihr Leben lassen. Wie das geschieht, sei den Angestellten selbst überlassen. Sollte das allerdings nicht geschehen, sterben weitaus mehr als bloß zwei Menschen. Keiner weiß, wie ernst es diese Stimme meint, worauf das Experiment hinaus läuft und wer am Ende des Tages noch übrig ist. Fakt ist, dass nach der verstrichenen Frist vier Köpfe explodieren. Und dass es aus dem riesigen Gebäudekomplex kein Entrinnen gibt.

Wer sich von «Das Belko Experiment» eine dieser kultigen Slasher-Komödien der Marke «Severence» erhofft, der könnte von Greg McLeans («Wolf Creek») Regiearbeit fast schon enttäuscht sein. Mit ihren Spleens und Macken, viel Zynismus und dem konsequenten Verfolgen der Murphys Law-These sorgen zwar die Figuren für allerhand bitter böse Situationskomik, doch das unter anderem von Jason Blum («Split») mit produzierte Slasher-Kammerspiel ist tatsächlich ziemlich bitter. Zwar legt der Film die Messlatte für kreative Tötungsmethoden so richtig weit nach oben (wir werfen an dieser Stelle mal solche Begriffe wie Fahrstuhl oder High-Heel in den Raum), doch das die Szenerie in ihrer Ernsthaftigkeit abmildernde Augenzwinkern setzt Gunns Skript nur punktuell ein, damit sich die harten Todessszenen nicht allzu sehr mit dem befreienden Humor beißen. Das muss man mögen und vor allem braucht man für «Das Belko Experiment» starke Nerven – wenn die Angestellten irgendwann total willkürlich im Stile einer kühlen Massenexikutierung erschossen werden, ist der Vergleich zu den Tötungsmethoden aus dem Dritten Reich nicht weit.

Trotzdem finden Gunn und sein Regisseur immer im richtigen Moment den Absprung vom bodenständigen Realismus (sofern man bei diesem Szenario überhaupt davon sprechen kann) hin zu Überzeichnung; vor allem die alles nochmal in ein ganz neues Licht rückende Auflösung versöhnt dann wohl vor allem jene Betrachter, die sich hier und da ein wenig mehr Gesellschaftskritik erhofft hatten (hier gilt übrigens besonders für die Fans von «The Office»: genau hinschauen!).

Ein Gore-Spektakel für Hartgesottene


Doch auch der kreativste Tod böte dem Zuschauer bloß kurzweiliges Entertainment, gingen einem die Schicksale der vielen verschiedenen Figuren nicht irgendwie zu Herzen. Besonders tiefgründig wird’s in «Das Belko Experiment» erwartungsgemäß nicht; darauf ist der Film aber auch weder angelegt, noch könnten die Erzähler wirklich jedem der zahllosen Charaktere in so kurzer Zeit gerecht werden. Dass man als Zuschauer dennoch für jeden von ihnen mindestens ein Gespür enthält, im besten Fall sogar absolute Sympathie respektive Antipathie empfindet, liegt gleichermaßen an den Darstellerleistungen wie dem Skript, das im Grunde keine Szene ungenutzt lässt, um dem Zuschauer die Befindlichkeiten seiner Figuren näher zu bringen. Nach außen brechen Greg McLean und James Gunn ihre Figurenkonstellation auf die notwendigsten Figurentypen herunter: Da gibt es unter Anderem das frisch verliebte Pärchen, die toughe Einzelgängerin, den an Verschwörungstheorien glaubenden Sonderling und die liebenswerte Büromutti. Gleichzeitig lässt das Skript jedes Ensemblemitglied mindestens einmal so deutlich aus dem angelegten Klischee ausbrechen, dass es nicht viel Zeit braucht, um zu erkennen, dass Gunn jedes einzelne von ihnen eben doch klar als Individuum angelegt hat. Unter Zuhilfenahme von viel Improvisation ist ein ungezwungenes Gefühl von Menschlichkeit allgegenwertig – und so sind einem die Schicksale sämtlicher Belko-Mitarbeiter eben alles andere als egal.

Einer der lustigsten Running Gags, der zugleich auch den Tonfall von «Das Belko Experiment» treffend zusammenfasst, ist das wiederkehrende Moment, wenn die Figuren zu rekapitulieren versuchen, was sie hier bei Belko in den vergangenen Monaten überhaupt so getrieben haben – und weshalb Niemand Dinge hinterfragt hat, die von Anfang an gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben. Einzig und allein die gute Bezahlung ließ die Angestellten (von den Figuren nicht näher erläuterte) Aufgaben ausführen, die in ihren Augen entweder keinen Sinn, oder die Grenzen zur Legalität überschritten haben. So positioniert sich «Das Belko Experiment» nicht bloß zu Beginn auch klar als satirischer Kommentar auf die moderne Berufswelt, was die Auflösung des Ganzen später noch unterstreichen wird. Es fällt so auch leichter, das Geschehen zwischen Realismus und Fantasie einzuordnen. Spielten «Die Tribute von Panem» oder «Battle Royale» ganz deutlich in einer dystopischen Zukunft, findet besagtes Experiment hier nämlich in der Gegenwart statt und greift auch bei der Wahl von Waffen und Verteidigungsmaterial nicht auf futuristische Gadgets zurück.

Tatsächlich entsteht im Verlauf der äußerst kurzweiligen 89 Minuten erschreckend oft der Eindruck, dass das hier ein gar nicht so unrealistisches Szenario sein könnte, wenn bloß manch ein Regler im System anders gestellt wäre, als er es derzeit noch ist. Und genau dieser schmale Grat zwischen Irrwitz, Gesellschaftskritik und echtem menschlichen Drama ist es, der «Das Belko Experiment» selbst noch einmal zu einem Experiment macht – wenn auch „nur“ einem filmischen.

Fazit


«Das Belko Experiment» ist ein überraschend grimmiger Action-Slasher mit hohem Gore-Gehalt, der mit punktuellem Witz dafür sorgt, dass die Szenerie ihre Bedrohlichkeit behält ohne zu sehr zu verstören. Interessant: Trotz der sehr hohen Anzahl an Figuren geht einem das Schicksal jeder einzelnen nah. Und wenn sich am Ende schließlich herauskristallisiert, was das alles eigentlich sollte, dann beginnt man plötzlich, unsere Gesellschaft einmal von Grund auf zu überdenken.

«Das Belko Experiment» ist ab dem 15. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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