Popcorn und Rollenwechsel: Mein Geburtstagsfilm

Viele Menschen haben Geburtstagstraditionen. Unser Kinokolumnist Sidney Schering hat ebenfalls eine: Er schaut den unverdienterweise recht unbekannten Film «Drei Caballeros».

Ein besonderes Essen, das Jahr für Jahr genossen werden will. Oder doch lieber ein Besuch an einem speziellen Ort. Oder, oder, oder: Viele Menschen haben Geburtstagstraditionen. Ich auch. Und wie könnte es bei mir filmvernarrten Typen anders sein: Meine unumstößliche Geburtstagstradition hat damit zu tun, dass ich mir zu meinem Wiegenfest einen bestimmten Film anschaue. Der Rest meines Geburtstages ist flexibel. Manchmal feiere ich an exakt diesem Datum mit Freunden. Andere Male muss ich die Feier auf einen anderen Tag legen – und es gab auch Jahre, in denen ich völlig auf eine Feier verzichtet habe. Ab und zu kommt es zudem vor, dass ich an meinem Geburtstag sonstige Termine habe – manchmal berufliche, ab und zu private. Dennoch: Egal was kommt – diesen einen Film schaue ich mir an. Daran führt kein Weg vorbei!

Der besagte Film ist «Drei Caballeros». Und während wohl rund die Hälfte der Leserschaft dieser Kolumne nun grübelt, ob sie überhaupt jemals von diesem Film gehört hat, schiebe ich sehr gern weitere Informationen über ihn nach: «Drei Caballeros» ist ein 1944 uraufgeführter Zeichentrickfilm mit Realfilmsequenzen, der zwei Academy-Award-Nominierungen in der Tasche hat. Und er ist der siebte Titel in der sogenannten „Walt Disney Meisterwerke“-Auslese. Sowie, wie ich finde, der perfekte Geburtstagsfilm. Denn unter allen Filmen, die von einer Geburtstagsfeier handeln, gibt es meiner Ansicht nach keinen einzigen, der eine derartige Partystimmung versprüht.

Denn Donald durchlebt in «Drei Caballeros» den, in meinen Augen, ultimativen Geburtstag: Er wird mit Geschenken überhäuft. Unter denen befinden sich sehr unterhaltsame Filme, die er exklusiv vorgeführt bekommt. Daraufhin wird er von seinen besten Freunden besucht, die er viel zu selten zu sehen bekommt, die ihm nun aber (einem Hauch Magie sei dank) Ländergrenzen übergreifende Reisen an wunderschöne Orte ermöglichen. Es kommt zu Musik, Tanz und Gesang, bildhübsche Frauen gesellen sich dazu und das Ende dieses wilden Geburtstags markiert ein spektakuläres Feuerwerk! Wow! Wenn ich schon nicht so einen Geburtstag erleben kann, dann will ich wenigstens Donald jedes Jahr dabei zuschauen, wie er diese Party genießt, während ich vor meinem Fernseher sitze und mich von diesem losgelösten, im Disney-Kanon einmaligen Feeling mitreißen lasse!

«Drei Caballeros» begeistert mich nicht nur, weil meine liebster Disney-Star Donald mal endlich Pause von seinen üblichen Unglückseskapaden nehmen darf und es viel gute, vergnügte Musik zu hören gibt. Die rund 70 Minuten lange Produktion fasziniert mich auch aufgrund ihrer filmhistorischen Position. Denn eins ist klar: Ein Film wie «Drei Caballeros» konnte in dieser Form bei Disney nur in den frühen 40er-Jahren entstehen. Heutzutage wäre es völlig undenkbar, dass die Walt Disney Animation Studios als große Kinoproduktion eine filmgewordene Party anpacken, in der Donald Duck die Länder Mexiko und Brasilien besser kennenlernt, menschlichen Frauen hinterherhechelt und durch einen psychedelischen Schlussakt fliegt.

Doch in den 40er-Jahren war der Disney-Stil noch nicht so sehr festgelegt und das Image des Studios nicht so unantastbar wie heute. Dies erlaubte den Konzertfilm «Fantasia». Und selbst wenn er seinerzeit ein Flop war, ließ sich im Anschluss an ihn die Sehnsucht nach enger Verschmelzung aus Animation und Musik sowie der Mut zum Experimentieren nicht gänzlich aus den Disney-Filmemachern vertreiben. Und nur dadurch, dass während des Zweiten Weltkrieges die Disney-Studioressourcen vornehmlich genutzt wurden, um Ausbildungsfilme und Propagandacartoons für das US-Militär zu verwirklichen, war es für Disney denkbar, keinen aufwändigen Langfilm mit einer durchgehenden Handlung zu verwirklichen. Stattdessen wurden die verbliebenen Ressourcen genutzt, um sogenannte „Package Movies“ zu machen, also Langfilme, die sich aus mehreren Kurzfilmen zusammensetzen, gegebenenfalls verbunden durch eine Rahmenerzählung. «Drei Caballeros» aber ist für eine Notlösung ungeheuerlich ambitioniert, mit fantasievoller Animation und immensem Findungsreichtum.

Als Projekt, das wegen einer „Good Will Tour“ entstanden ist, die Walt Disney und ausgewählte Mitarbeiter nach Südamerika führte, um dort die Bande zwischen den USA und Südamerika enger zu knüpfen, hätte «Drei Caballeros» niemals solch ein Juwel werden müssen. Es hätte eine trockene, belehrende Angelegenheit werden können. Doch die unbändige Kreativität der Disney-Crew, wie etwa der Regisseure Norman Ferguson, Clyde Geronimi, Jack Kinney, Bill Roberts und Harold Young, hat es möglich gemacht. Und das ist sogleich ein ziemlich inspirierender Gedanke, der mich somit bei meiner Geburtstagstradition Jahr für Jahr vereinnahmt!


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