Die Kritiker

«Tatort: Du allein»

von

Ein Scharfschütze hat es auf unschuldige Passanten abgesehen. Das Stuttgarter «Tatort»-Team ermittelt.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Friederike Jehn
  • Drehbuch: Wolfgang Stauch
  • Cast: Richy Müller, Felix Klare, Katja Bürkle, Karl Markovics, Maja Beckmann, Carolina Vera
  • Produktion: Nils Reinhardt
  • Kamera: Andreas Schäfauer
  • Musik: Lorenz Dangel
  • Schnitt: Claudia Lauter
Ein Mord auf offener Straße, eine anonyme Geldforderung, die Androhung weiterer Erschießungen: Wird Stuttgart von einem Heckenschützen erpresst? »1«: Mehr steht nicht in dem Schreiben, das an „Die Ermittler im heutigen Mordfall“ adressiert ist. Was man für einen Scherz halten könnte, wird für Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) bald zur harten Realität. Denn noch am selben Vormittag wird eine Frau auf offener Straße erschossen. Ein zielgerichteter Weitschuss, offensichtlich von einem versierten Schützen; auf der Patronenhülse ist eine »1« eingraviert. Mehr Indizien gibt es nicht und die Ermittler ahnen Böses. Ein zweites Schreiben enthält eine Geldforderung: Drei Millionen, sonst folgt Mord Nummer zwei, an irgendeiner anderen Stelle der Stadt. Damit wächst der Druck auf Polizei und Staatsanwaltschaft, den Täter zu finden, bevor die anonyme Bedrohung zur Panik führt…

Für «Andere Eltern»-Autorin Friederike Jehn ist dieser «Tatort» der erste. Das von dem auf diesem Gebiet schon deutlich erfahreneren Wolfgang Stauch («Du allein» ist bereits seine achte «Tatort»-Arbeit) konzipierte Skript entwickelt sich für die Novizin zu einer echten Feuerprobe; enthält es doch so ziemlich alles, was man sich von einem gelungenen Sonntagabendkrimi wünscht. Und damit meinen wir eben so ziemlich alles, was in einer einzelnen Krimiepisode dann schon fast wieder zu viel ist. Aber der Reihe nach.

Der Stuttgarter «Tatort: Du allein» beginnt als waschechter Thriller. Im Fokus: ein Scharfschütze (übrigens auch nicht das erste Mal innerhalb der Sonntagabendkrimireihe; zuletzt 2015 und 2019), der aus weiter Entfernung (und scheinbar willkürlich) seine Opfer niedermäht. Es folgt die obligatorische Lösegeldforderung und schließlich der Versuch ebenjener Übergabe – doch wenn diese sich bereits in den ersten zwanzig Minuten des Films abspielt, sollte es nicht groß überraschen, dass es damit längst nicht getan ist. Denn die Übergabe geht schief und das Morden geht weiter; eine ziemlich perfide Ausgangssituation für die Kommissare Lannert und Bootz, die hier einmal mehr zweckdienlich ihre Arbeit verrichten, ansonsten aber nicht gerade zu den untereinander besonders charismatisch auftretenden Ermittlerteams gehören. Zum «Tatort: Du allein» passt das. Denn hier dominiert in der ersten Hälfte die nüchterne Suche nach dem Killer. Auch die Inszenierung bleibt betont bodenständig; keine aufgeregten Kamerafahrten, keine besonderen Farbfilter, keine Spielereien mit besonderen Perspektiven oder Schnitten. Es wirkt fast dokumentarisch, wie dieser Kriminalfall hier zu lösen versucht wird. Und diesen Stil behalten die Macher auch dann bei, wenn der Fall plötzlich eine Kehrtwende macht.

Wir schrieben ja zu Beginn dieser Kritik davon, dass im «Tatort: Du allein» so ziemlich alles vorkommt. Und das bedeutet im Falle dieses Sonntagabendkrimis, dass da eben auch der klassische Whodunit nicht fehlen darf. Irgendwann lässt sich die Suche nach dem Täter nämlich doch sehr wohl eingrenzen und die Auswahl der Opfer ist längst nicht mehr dem Zufall geschuldet. Zugegeben: Noch mehr sollte man nun nicht verraten, um nicht direkt die Auflösung des Falles vorwegzunehmen. Aber dieser Fokuswechsel von der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und schließlich den Ermittlungen in persönlichen Kreisen ist wichtig, zu erwähnen. Wenngleich Friederike Jehn an ihrer unaufgeregten Inszenierung festhält, ist es vielmehr das Skript, das nun sukzessive den Konventionen zum Opfer fällt. Und dazu gehört auch, dass man als Zuschauer diesmal recht schnell dahinter steigen dürfte, auf den es die Ermittler abgesehen haben; einfach, weil man irgendwann jeden einmal durchhat und es einer von denen ja eben sein muss.

So lässt sich der «Tatort: Du allein» qualitativ in zwei Hälften teilen. In einer gelungene erste, in der eine Bedrohung vorhanden und in ihrer Tragweite zu keinem Zeitpunkt einschätzbar ist – genau das macht sie so gefährlich, zumal insbesondere die Hinrichtung des ersten Opfers ziemlich brachial gezeigt wird. Doch je näher die Polizisten dem Täter auf die Pelle rücken, desto mehr offenbart sich, dass die vermeintliche Dimension dieses Falls gar nicht so riesig ist. Stattdessen ist es einmal mehr ein Fall wie jeder andere. Es geht um Schuld, Sühne und Rache, damit man als Zuschauer mit Einsetzen des Abspanns auch noch ein wenig was zum Nachdenken hat. So wirklich lang wird davon indes nichts haften bleiben; auch die Darstellerinnen und Darsteller machen leider nie einen Hehl daraus, dass sie schon mal spannendere Skripte zum Spielen bekommen haben.

Fazit


Nach einem spannenden Auftakt plätschert der «Tatort: Du allein» bis zum wenig spannenden Ende unaufgeregt vor sich hin und bleibt nur aufgrund des in den Sand gesetzten Potenzials länger im Gedächtnis.

Das Erste zeigt «Tatort: Du allein» am Sonntag, 24. Mai 2020 um 20.15 Uhr.

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