Die Kritiker

«Astrid»

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Das ZDF zeigt ein bewegendes Biopic über die Jugendjahre von Astrid Lindgren. Der dänisch-schwedische Film «Astrid» lief Ende 2018 in den Kinos und hat bereits damals bei Filmkritikern für Begeisterung gesorgt.

Eine Reise in die unbekannten Lebensjahre der Astrid Lindgren


Cast & Crew

  • Darsteller (Auszug): Alba August, Trine Dyrholm, Magnus Krepper, Maria Bonnevie Henrik Rafaelsen
  • Regie: Pernille Fischer Christensen
  • Musik: Nicklas Schmidt
  • Drehbuch: Pernille Fischer Christensen, Kim Fupz Aakeson
  • Box-Office weltweit: rund 940.000 US-Dollar, etwas mehr als ein Drittel davon in Deutschland
Eine alte Frau sitzt an einem Schreibtisch und öffnet Briefe. In einem der Umschläge, auf dem mit krakeliger Kinderhand „Grattis, Astrid“ („Herzlichen Glückwunsch, Astrid“) geschrieben steht, befindet sich eine Kassette. Astrid Lindgren legt die Kassette ein und aus den Boxen ertönt eine Mädchenstimme: „Liebe Astrid, wir möchten dir zum Geburtstag gratulieren und dir für all deine Geschichten danken.“ Dann fragt ein Junge: „Ich frage mich, warum du so gut darüber schreiben kannst, wie es ist, ein Kind zu sein, obwohl es so lange her ist, dass du selbst ein Kind warst.“

So beginnt eine Reise zurück zu einem der weniger bekannten Lebensabschnitte der schwedischen Kinderbuchautorin und Nationalheldin Astrid Lindgren. Lindgren hatte bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 ein bewegendes Leben hinter sich gebracht, über das man viele spannende Geschichten erzählen könnte. Anstatt auf ihre geheime Arbeit beim schwedischen Nachrichtendienst während des zweiten Weltkriegs, konzentriert sich die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen aber lieber auf die Jahre zwischen Winter 1925 und Sommer 1928. Astrid erlebt eine glückliche Jugendzeit auf dem Pfarrhof ihrer Eltern, bis sie der Chefredakteur der ansässigen Ortszeitung als Volontärin einstellt und die 17-jährige schließlich schwängert. Um einer Anzeige wegen Unzucht zu entgehen, bezahlt ihr der verheiratete Zeitungsinhaber eine Ausbildung als Sekretärin in Stockholm. Hier reift das Mädchen langsam zur Frau heran und träumt den, aber letztlich doch unerfüllbaren, Traum einer Ehe mit dem Vater ihres Kindes. Weil in Dänemark Frauen bei der Geburt eines Kindes nicht verpflichtet sind, den Namen des Vaters anzugeben, bringt Astrid ihren Sohn heimlich in Kopenhagen zur Welt und gibt das Kind in Pflege. Mühsam erkämpft sie sich ihren Weg als arbeitende, alleinstehende Mutter in einer Zeit, in der ein uneheliches Kind gleichbedeutend mit einer schweren Sünde ist.

Autorenfilm auf höchstem Niveau


Keine heroischen Taten also, keine Fanfaren für die große Millionensellerin, die nun schon seit fast drei Generationen Kinderherzen höherschlagen lässt. Fischer Christensen ist es zwischen dem Entlanghangeln von biografischen Eckdaten und freier Interpretation grandios gelungen, einen Film voller Emotionen, aber mit Respekt für Astrid Lindgren zu inszenieren. Mit viel Herz und Leidenschaft zeichnet die Regisseurin das Bild einer jungen, willensstarken Frau, die trotz aller Hindernisse und gut gemeinter Ratschläge die Liebe zu ihrem Kind nicht verleugnen kann und dennoch ihre Karriere im Auge behält. Der Film ist keine Lobeshymne auf die Erfinderin von «Pippi Langstrumpf» oder «Michel aus Lönneberga» und schon gar kein romantischer Ausflug nach Bullerbü. Vielmehr steht «Astrid» ganz im Zeichen des Autorenfilms mit biografischen, dramatischen und historischen Elementen. Unterstützt wird das Werk von einer sparsam instrumentierten, leisen, aber auch eindringlich anmutenden Musik des dänischen Komponisten Nicklas Schmidt, die ausgezeichnet zum Werk passt und seine inhaltlichen Aussagen dezent zu unterstreichen versteht.

Ein neuer Star am Schauspielhimmel


Im Mittelpunkt steht allerdings ohne Zweifel Alba August, die seit einiger Zeit in der Netflix-Serie «The Rain» als Simone Andersen von sich reden macht. Die schwedisch-dänische Schauspielerin präsentiert in «Astrid» eine mitreißende Intensität und nahezu unglaublich große künstlerische Bandbreite. Die unstillbare Lebensfreude und kindliche Neugier der ersten halben Filmstunde streift Alba August beinahe mühelos ab, um ihrer Astrid neue Facetten zu verleihen, die zwischen jugendlicher Naivität, Lust, Angst, Verzweiflung, Wut, Sturheit, Stolz, Glück und Liebe zu ihrer Familie und ihrem Sohn fast die gesamte Palette der menschlichen Gefühlswelt abdecken. Vor allem in den letzten 25 Minuten, die sich ganz dem Wiedersehen und der Zusammenführung Astrids mit ihrem Sohn Lasse (als Zweijähriger anrührend knuffig von Isak Lydik Radion gespielt) widmen, möchte man beinahe gar nicht, dass der Film schon endet. Die Bilder gehen so nah, dass man noch Stunden damit verbringen könnte, den kleinen Lasse bei seiner stolzen und glücklichen Mama heranwachsen zu sehen.

Fazit: «Astrid» ist lebensnah und gefühlvoll inszeniert und mit hervorragenden Schauspielern gesegnet. Der Film ist mehr, als eine Retrospektive auf eine der bekanntesten Kinderbauchautorinnen der Welt. «Astrid» berührt, nimmt den Zuschauer zwei Stunden lang gefangen und lässt ihn mit dem Gefühl zurück, doch noch nicht genug gesehen zu haben.

«Astrid» ist am Donnerstag, 21. Mai 2020 um 20:15 Uhr im ZDF zu sehen.

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