Die Kritiker

«Der schwarze Diamant»: Netflix, Adam Sandler, wenig Ruhe

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Der im Original «Uncut Gems» betitelte Netflix-Film mit Adam Sandler ist ein zügiger Thriller über einen Wettsüchtigen, der dringend einen rettenden Sieg benötigt …

Filmfacts «Der schwarze Diamant»

  • Regie: Josh Safdie, Benny Safdie
  • Produktion: Scott Rudin, Eli Bush, Sebastian Bear-McClard
  • Drehbuch: Ronald Bronstein, Josh Safdie, Benny Safdie
  • Cast: Adam Sandler, Lakeith Stanfield, Julia Fox, Kevin Garnett, Idina Menzel, Eric Bogosian
  • Musik: Daniel Lopatin
  • Kamera: Darius Khondji
  • Schnitt: Ronald Bronstein, Benny Safdie
Obwohl das regieführende Brüdergespann Josh & Benny Safdie schon seit 2008 im Geschäft ist, erhielt es erst 2017 einen nennenswerten Bekanntheitsschub, nämlich als US-Indieverleih A24 ihren ebenso trocken-schwarzhumorigen wie spannenden Film «Good Time» ins Kino brachte. Die Geschichte eines brutal schief gehenden Überfalls mit Robert Pattinson in der Rolle eines wohlmeinenden, doch auch schusseligen Tagediebs wurde mit Kritikerlob überschüttet und stach als nahezu ruheloser Film heraus, der trotzdem auf viele klassische Thriller-Elemente verzichtet. Mit «Der schwarze Diamant» arbeiten die Safdie-Brüder und A24 erneut zusammen, bloß dass sich dieses Mal auch Netflix eingeschaltet und die internationalen Verwertungsrechte gesichert hat.

Die Grundidee zu «Der schwarze Diamant» hatten die Safdies schon 2009 und schon damals schwebte ihnen Adam Sandler als Idealbesetzung vor – zunächst lehnte er aber ab. Als die Idee zu «Der schwarze Diamant» 2016 wiederbelebt wurde und unter anderem Martin Scorsese als Executive Producer einstieg, löste man sich vom ursprünglichen Besetzungswunsch. Zwischenzeitlich sollte Jonah Hill die Hauptrolle des wettsüchtigen New Yorker Pfandleihers Howard Ratner übernehmen, doch schlussendlich ging die Rolle sehr wohl an Sandler. Ein Glücksfall, wie sich zeigen sollte. Gewiss hätte auch Hill diesem Part etwas abringen können, aber Sandler ist schlicht hervorragend: Er nutzt sein Können, quengelige, selbstüberzeugte Loser zu spielen, und verdreht es in «Der schwarze Diamant» ins Dramatische.

Howard ist nämlich ein schmieriger Typ, der seine Frau hintergeht, Wertgegenstände veruntreut und sich naiv (oder total selbstüberzeugt) unentwegt mit mächtigen, unerbittlichen Geldeintreibern anlegt. Doch durch seine humorvoll-daueroptimistische Art, die Sandler einfach liegt und süffisant rüber bringt, und eine im Umgang mit seiner verblendeten Affäre sowie seinen nach ihm schlagenden Kindern durchschimmernde, liebevolle Ader wird Howard trotzdem zum Sympathieträger.

Das Ergebnis ist eine gewinnende, markige Mischung die sich weit oben in Sandlers Figuren-Vita einordnet und eine elementare Stütze von «Der schwarze Diamant» darstellt. Denn ohne diesen Betonkopf von Spielsüchtigem, der sich selber eine Schlinge um den Hals legt, bei dem wir sofort glauben, weshalb Leute ihm an den Kragen wollen und der sich trotzdem mit der Energie eines Tricksters genauso gut Freunde schafft, würde sich unentwegt die Frage stellen: "Joah, was soll mich das jucken?"

Nachdem die Safdies in «Good Time» die absurde, halsbrecherische Geschichte eines Versagers und Kleinganoven erzählten, der ohne sein blasses Bubengesicht nicht einmal den ersten Akt des Films überlebt hätte, erzählen sie nun nämlich von jemandem, der andauernd mit Vollgas und ohne jegliche Entschuldigung ins Verderben steuert: Howard hat Schulden, wieselt sich von Notlüge zu Notlüge zu Betrug und macht andauernd ohne Not neue Schulden. Aber weil Howard, egal wie selbstverschuldet sein Elend ist, einen Funken Gutes in sich trägt, fiebert man mit.

Und so beginnen die Safdies einen Höllenritt durch die Glücksspieler- und Pfandleiher-Subkultur New York Citys im Jahre 2012. Bewusst schummrig ausgeleuchtet und auf körnigem 35mm-Material gebannt, und versehen mit einem schneidenden, subtil Druck aufbauendem Synthie-Score von Daniel Lopatin, schraubt sich «Der schwarze Diamant» schrittweise, aber stetig in Richtung eines Alles-oder-nichts-Finales. Naja – fast. Denn anders als bei «Good Time» gestatten die Safdies ihren Figuren und ihrem Publikum mehrere, ausgedehnte Ruhepausen, bevor der Film erneut Anlauf nimmt. Das hemmt etwas die Gesamtwirkung, nicht zuletzt, weil die ruhigeren Szenen den Druck drosseln, ohne im Gegenzug die Figuren sonderlich zu vertiefen – an Kontur gewinnen sie schon im Rest des Films. Trotzdem ist «Der schwarze Diamant» ein Highlight im Netflix-Portfolio und in Sandlers Schaffen.

«Der schwarze Diamant» ist auf Netflix abrufbar.

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