Serientäter

«Raising Dion» und die Superheldengeneration 2.0 auf Netflix

von   |  2 Kommentare

Netflix hat nach der Absetzung seiner Marvel-Serien ein Problem. Wie bedient man den wachsenden Superheldenmarkt? Bieten neue, unabhängige Comicformate wie «Raising Dion» die Lösung?

Superheldenserien sind beliebt wie nie. Für Netflix, die bisher die Ausstrahlungsrechte an nicht weniger als sechs Marvel-Superheldenserien hielten, ist es da ein mittelschweres Drama, dass Disney nun mit dem hauseigenen Streamingdienst Disney+ auf den Markt drängt. Ob die Einstellung von erfolgreichen Serien wie «Daredevil» und «Jessica Jones» alleine auf diesen Umstand zurückzuführen ist, ist natürlich eine Frage für sich. Netflix ist immerhin dafür bekannt, zahlreiche spannende Formate, wie etwa «Sense 8» oder «Stranger Things» nach nur drei oder vier Seasons einzustellen.

Kein Marvel, keine Superhelden?


Ein Grund dafür dürfte sicherlich in den mit dem Erfolg steigenden Kosten liegen. Bekannte Schauspieler/innen verlangen bekanntermaßen wesentlich höhere Gagen, als Newcomer und können die Brieftaschen der Produktionsgesellschaften schon mal zum Glühen bringen. Dennoch ist es evident, dass Disney einen Teufel tun wird, die Konkurrenz an den starken Marken Marvel, Pixar und natürlich Star Wars mitverdienen zu lassen. Zum Glück hat der selbsterklärte Marktführer mit dem roten N noch ein Ass im Ärmel. Noch beschränkt sich WarnerMedia nämlich mit seinem Angebot DC Universe auf die USA und lizensiert seine Serien rund um das Arrowverse international teilweise für Amazon Prime, teilweise für Netflix. Dass aber auch diese Quelle in naher Zukunft versiegen dürfte und Warner ebenfalls den europäischen Markt erobern möchte, scheint im derzeit ausgebrochenen Separationswahn der Unterhaltungsindustrie nur eine Frage der Zeit. Was also tun? Eine gute Idee ist, sich auf Comicautoren zu stürzen, die sich nicht den beiden Superhelden-Comic-Giganten verschrieben haben. Netflix verfolgt diese Strategie bereits seit 2017.

Neue Formate, neues Glück


In jenem Jahr gab der Streamingdienst «Raising Dion» in Auftrag, eine innovative Superheldenserie, die auf einem Comic und Kurzfilm von Dennis Liu basiert. In der ersten Staffel der Serie geht es um den siebenjährigen Dion (Ja’Siah Young), der seine Superheldenkräfte von seinem verstorbenen Vater geerbt hat und mit diesen zunächst überhaupt nicht umgehen kann. Der Halbwaise wünscht sich nichts sehnlicher als Freunde und Anerkennung, stößt aber entweder wegen seiner schwarzen Hautfarbe, oder seines Geltungsdrangs bei anderen Kindern überwiegend auf Ablehnung. Dafür sind Dions Kräfte wahrhaftig super und wiegen locker die Fähigkeiten einer ganzen Riege von DC- oder Marvel-Superhelden auf. So beherrscht Dion Telepathie und Telekinese, kann Kugelblitze in seiner Hand erzeugen, oder Blitze verschießen. Als wäre dies nicht schon Power genug, ist er auch noch in der Lage, sich unsichtbar zu machen und von einem Ort zu jeder von ihm gewünschten Koordinate zu teleportieren.

Sidekicks und Helferlein


Der eigentliche Clou an der Serie ist allerdings die etwas ungewöhnlich besetzte Position des Sidekicks, der weder von einem Computer-Nerd, noch von einem weisen Mentor eingenommen wird. Dions Mutter (Alisha Wainwright) fällt diese undankbare Aufgabe, quasi vollkommen superheldenjungfräulich zu. Die verunsicherte Mama möchte ihrem Sohn natürlich eine unbeschwerte Kindheit bieten, wird aber von dessen neu entdeckten Superkräften förmlich überrollt. Ihr Versuch, ein normales Leben mit Kind, Job und Freunden zu führen und dabei noch ein wenig sie selbst zu bleiben, wird mit Dions aufkeimenden Fähigkeiten aber auf eine harte Probe gestellt.

Wie gut, dass Liu, der auch alle neun Episoden der ersten Season mitverfasste, oder komplett selbst schrieb, der geplagten Witwe und Jung-Mutter einen Helfer in Form von Dions Patenonkel Pat (Jason Ritter) zur Seite stellt. Er war der beste Freund von Dions Vater Mark (Michael B. Jordan) und hatte ihn auf eine Expedition nach Island begleitet, als ein Meteroitenschwarm diesen traf und Mutationen auslöste, die diverse Superkräfte in ihn freisetzten. Nun ist er eine Art zweiter Vater für Dion und schwer in Nicole verliebt. Zu ihrem Glück ist Pat aber noch mehr, nämlich ein Comic-Geek, der sich in den unterschiedlichsten Franchises heimisch fühlt. Gemeinsam gelingt es den beiden Erwachsenen, ihren Schützling in die richtigen Bahnen zu lenken und ihm zu helfen, Kontrolle über sich und seine Fähigkeiten zu erlangen.



Mit Sinn und Verstand in den Superhelden-Wahn


Als weiterer Helfer tritt Dions Schulfreundin Esperanza in Erscheinung, die rührend von Sammi Haney gespielt wird. Die lebensbejahende Neunjährige leidet unter einer schweren Form der sogenannten Glasknochenkrankheit und ist der perfekte Kandidat, um in die Serie bemerkenswert locker den oft unglücklichen und ungeschickten Umgang mit gehandicapten Menschen einfließen zu lassen. So lässt Dion Esperanza etwa in einer Folge fliegen, um ihr das Gefühl zu geben, laufen zu können – ohne sie vorher zu fragen natürlich. Esperanza reagiert, für Dion völlig unverständlich, verärgert über die naive Distanzlosigkeit ihres besten Freundes. Im Gegensatz zu ihm empfindet sie ihre Krankheit nämlich nicht als unerträgliche Last und findet es anmaßend, wenn jemand über ihren Kopf hinweg Entscheidungen trifft, anstatt einfach mit ihr zu reden. In einer rührenden Szene vergibt Esperanza Dion und stellt klar, dass wahre Freundschaft kein Mitleid braucht, sondern Gleichberechtigung. Das Thema wird so selbstverständlich abgehakt, dass man Dennis Liu und seinem Autorenteam ein großes Kompliment für die Demonstration darüber aussprechen möchte, wie selbstverständlich Inklusion funktionieren kann.

Ein weiterer Pluspunkt der Show ist ihr unverkennbar afroamerikanischer Touch, der sich allerdings weniger in einem fetzigen Hip-Hop-Soundtrack, oder coolen Moves der schwarzen Hauptfiguren manifestiert. Vielmehr weisen Liu und sein siebenköpfiges Team im Writers Room geschickt auf das unsägliche und immer noch viel zu häufig auftretende Negativphänomen Rassismus hin. Auch hier gelingt es, dem Zuschauer das Thema nicht aufzwängen, sondern es völlig natürlich in den Kontext der Serie einfließen zu lassen. Die Autoren sehen auch dieses Mal keine Notwendigkeit, in jeder Episode mit dem Finger auf die Unbelehrbaren zu zeigen. Ein abwertender Blick, oder ein eingestreutes Vorurteil hier und da reichen vollkommen aus. Da gerät eine Prügelei zwischen Dion und seinem weißhäutigen Schulkameraden nicht zu einem dramatischen Höhepunkt. Viel wichtiger erscheint es, dass sich die beiden nicht nur vertragen, sondern später Freunde werden.

Story und Technik: top


Ein vorbildliches Wertesystem und Sozialkompetenz sind allerdings nicht die einzigen Gründe, die für einen näheren Blick auf «Rasing Dion» sprechen. Die erste Staffel erzählt eine unterhaltsame und actionreiche Geschichte, bei denen der geneigte Superheldenfan voll und ganz auf seine Kosten kommt. Reichlich Science-Ficton- und Fantasyelemente, Superhero-Power ohne Ende und ein fast übermächtiger Bösewicht vom Feinsten sorgen für einen hohen Unterhaltungswert mit Fun-Faktor. Auf technischer Seite lassen sich eine routinierte, nicht zu offensive Kameraführung, schöne Spezialeffekte und motivierte, gut aufgelegte Schauspieler der Habenseite hinzufügen. Ein toller Soundtrack mit coolen Songs und einem passenden Score runden das überwiegend positive Bild ab. Lediglich die letzte Folge schwächelt im letzten Drittel merklich. Nachdem in der achten Episode noch mit einem spannenden Twist offenbart wird, wer sich hinter Dions Erzfeind, den er nur den «buckligen Mann» nennt, verbirgt, flacht das Finale mit einem Endkampf ab, der durchaus ein wenig dramatischer hätte ausfallen dürfen.



Fazit: «Raising Dion» ist ohne Frage ein schönes Beispiel für Superheldenserien, die sich abseits von Marvel und DC derzeit auf Netflix etablieren. Die überwiegend positive Resonanz bei Kritikern und Publikum zeigt deutlich, dass man bei dem Streaming-Riesen auf einem guten Weg ist, die durch Disney+ entstandene Lücke mit interessantem Stoffen auszufüllen. Die Tatsache, dass Netflix erst im Januar 2020 die Verlängerung um eine weitere Staffel bekannt gegeben hat und diesen Umstand stolz auf der offiziellen Serienwebseite feiert, spricht für ein neu erwachtes Selbstbewusstsein und die Tatsache, dass man durchaus in der Lage ist, eine neue Superheldengeneration 2.0 ins Rennen um den Serienthron zu schicken.

«Raisin Dion» gibt es bei Netflix zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/115337
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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Kingsdale
27.01.2020 13:42 Uhr 1
Sie kommen! Die meisten Serien von Marvel hatten mit dem MCU wenig bis gar nichts zu tun. Sich daran zu gewöhnen war Schwierig, wenn man Fan der Kinofilme ist. Daher kamen die Serien auch nicht wirklich gut an. Nur die Agents of SHIELD hatten eine direkte Verbindung zur Kinoreihe und erzählten sogar die Hintergrundgeschichte zu Captain America 2. Nach 7 Staffeln ist da jetzt aber auch Schluss. Ähnlich ergeht es DC, wobei man da in den USA dem Arrowverse noch Folgen kann und jetzt das Ultimative Crossover aller Serie kommt. Doch deutsche Free-TV Zuschauer haben das Nachsehen. Nie wird man diese Serien hier so folgen können und das Crossover auch nie so sehen können. Warum? Die meisten Serien laufen auf unterschiedlichen Sendern und völlig durcheinander! Dumm gelaufen! Daher kommen sie hier auch nicht gut an. Und es gab schon einige Crossovers (ähnlich wie bei Law & Order oder die Chicago-Serien). Nur Streamingnutzer haben da noch etwas Glück. «Raising Dion» war eine gute Serie (Staffel 2 ist schon beschlossen) hat aber nichts mit dem X-Men Universum zutun, sondern steht für sich alleine. Anders war es bei The Gifted (bereits abgesetzt) die die Nachgeschichte der X-Men weiter erzählte. Und das gar nicht mal Schlecht!

Doch die neue Serien auf Disney+ sind fest mit dem MCU verbunden, schließel Lücken der Kinofilme. Da ist es so gut, das man alle Kinodarsteller überreden konnte in den Mini-Serien (6 Folgen) ihre Rollen weiter zu spielen. Und darauf bin ich auch sehr gespannt!
CaptainCharisma
27.01.2020 19:21 Uhr 2
"Wachsenden Superheldenmarkt" finde ich persönlich...komisch. Ich finde dieser Markt ist brutal überreizt, bis zum bersten gefüllt und man wartet eher, bis die Blase platzt. Ich hätte jetzt eher gedacht, Sender befassen sich mittlerweile mit einer neuen Richtung.

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