First Look

«For all Mankind»: Nicht für die Menschheit – für Amerika

von

Die Apple-TV+-Serie erzählt das Space Race der 60er Jahre neu: mit beeindruckenden Bildern. Aber kann die Geschichte genauso überzeugen?

Cast & Crew

Produktion: Tall Ship Productions und Sony Pictures Television
Schöpfer: Ronald D. Moore, Matt Wolpert und Ben Nedivi
Darsteller: Joel Kinnaman, Michael Dorman, Wrenn Schmidt, Sarah Jones, Shantel VanSanten, Jodi Balfour, Colm Feore u.v.m.
Executive Producer: Ronald D. Moore, Matt Wolpert, Ben Nedivi, Maril Davis und Seth Gordon
Ein heißer Tag im Hochsommer 1969. Ganz Amerika sitzt vor den Empfangsgeräten. Mit besonders viel Würde in der Stimme begleiten die Nachrichtensprecher die Geschehnisse, die Menschheitsgeschichte schreiben werden, live und in Farbe. Das Raumschiff nähert sich der Mondoberfläche, verweilt dort einen Moment. Sodann steigt ein Mann aus, als Erster seiner Art berührt er extraterrestrischen Boden, ein unglaublicher Triumph für die ganze Menschheit – und dann faselt er irgendwas von der Überlegenheit des Marxismus. Auf Russisch. Woraufhin der ehrwürdige amerikanische Anchorman erst einmal die Übersetzung abwarten muss, bevor er God’s Own Country die vielleicht bedeutendsten Worte des Jahrtausends verkünden kann. Eine Demütigung.

In «For All Mankind» hat Amerika das Space Race verloren. Der hektische Aktionismus im Jahrzehnt nach dem Sputnik-Schock hat den sowjetischen Vorsprung nicht einholen können. Doch wer Amerika kennt, weiß, dass dieses Land sogar aus seinen dunkelsten Stunden unbändige Kraft schöpft. Jimmy Ruffins What Becomes of the Broken-Hearted? wird zur Hymne der Apollo-Astronauten und ihrer Mission-Control-Kollegen: In einem Monat sollen Neil Armstrong und Buzz Aldrin endlich die amerikanische Flagge auf dem Mond hissen – und Richard Nixon, dessen machtbesessene Tiraden diese Serie perfekt zu imitieren versteht, hat ohnehin größenwahnsinnige Ideen: Erst eine bemannte militärische Mondbasis wird Amerikas Vorherrschaft im Universum zementieren können.

Auch als Amazon vor vier Jahren auf den bei US-Online-Konzernen beliebten Zug aufsprang, eigenproduzierte Serien zu streamen, kürte es mit «The Man in the High Castle» einen Alternate-History-Stoff zu einem seiner ersten Projekte. Während in der Philip-K-Dick-Adaption die USA dem imperialen Japan und Nazi-Deutschland unterlegen waren, scheitern sie in «For All Mankind» an der Mondlandung, und die Weltordnung droht eine sowjetische zu werden. Beide Serien zeichnet eine geniale Grundidee aus, die schon in den ersten Assoziationen ein schier endloses Gedankenspiel ermöglicht, eine nie versiegende Quelle von spannenden Was-wäre-wenn-Szenarien. Doch stattdessen verlor sich schon «The Man in the High Castle» rasch im vertikalen Plot-Kleinklein und vernachlässigte es sträflich, am großen Rad zu drehen und zumindest zu versuchen, das amerikanische Leben unter einer japanogermanischen Diktatur in toto darzustellen. Leider scheint auch «For All Mankind» nach einer glänzenden Eröffnung das große Ganze aus den Augen zu verlieren: Werner von Braun wiegelt Nixons Mondbasis-Pläne als größenwahnsinnigen Quatsch ab, Astronaut Edward Baldwin (Joel Kinnaman) muss mit seiner Strafversetzung klarkommen, nachdem er in einem Interview über die Führungsinkompetenz bei der NASA vom Leder gezogen hat, und Margo Madison (Wrenn Schmidt) geht den langen Weg zur First Woman in Mission Control.

Doch diese Geschichten werden nicht nur dramaturgisch ungeordnet erzählt, ohne einprägsame Motive zu setzen, sie auf übergeordnete Themen zurückzuführen oder zu einem verständigen Ganzen zusammenzuführen: Es gibt im großen Figurenensemble auch keinen einzigen Charakter, der die Zuschauer sofort in seinen Bann ziehen würde oder in dem sich subtil, aber weitsichtig seine ganze Epoche spiegeln könnte.

Wie es im Idealfall klappen kann, macht eine Serie vor, die darauf verzichtete, ihren historischen Abschnitt weiträumig umzuschreiben: «Mad Men» stand und fiel mit seiner Hauptfigur Don Draper und den sukzessive präzisierten Nebenfiguren in seinem Umfeld. Schon in seiner ersten Szene hatte Draper eine solch enorme Ausstrahlung und Präsenz, dass man sich ihm nicht mehr entreißen konnte. Und während die Serie zahlreiche Gelegenheiten bot, anhand ihrer Figurenstrukturen und Handlungsstränge die 60er Jahre (sowie die heutige Zeit) zu reflektieren, durfte dies beim Seherlebnis genauso gut in Vergessenheit geraten: «Mad Men» war nicht in erster Linie eine Serie über die 60er Jahre als Ganzes, sondern eine Serie über einen ganz bestimmten Ort, eine ganz bestimmte Bevölkerungsschicht, ein ganz bestimmtes Milieu und einen ganz bestimmten Menschenschlag in dieser Zeit. Dieser reduzierte Ansatz und der Verzicht auf das unbedingte 60er-Jahre-Panoptikum verhinderte die Verwässerung in der Beliebigkeit – und genau dadurch gelang das schier Unmögliche: der reibungslose Nachbau des Lebensgefühls der vergangenen Zeit.

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Ein Ansatz, den auch «For all Mankind» (richtigerweise) verfolgt: War «Mad Men» klar auf das PR-Milieu in Manhatten reduziert, nimmt sich das Apple-TV+-Format das Militär- und Spitzenwissenschaftsmilieu in Florida im selben Zeitabschnitt vor. Doch während «Mad Men» zeigte und erlebbar machte, was es sagen wollte, kommt «For all Mankind» selten über das behelfsmäßige Erklären hinaus. Trotz seiner beeindruckenden Ästhetik wirkt das Format seltsam unfilmisch.

Wenn die Serie tatsächlich auch narrativ brilliert, dann fast nur in ihren schwülstigeren Momenten, wenn sie etwas pathetisch, aber durchaus mitreißend den besonderen Geist des unermüdlichen Frontier Spirit herausstellt. Bemerkenswert, dass ein Format, das mit einer ausgedachten amerikanischen Niederlage beginnt, rasch zu einer Ode an Amerikas Größe wird – und so doch noch erstaunlich erhaben wirken kann.

«For All Mankind» ist bei Apple-TV+ verfügbar.

Kurz-URL: qmde.de/113391
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