First Look

«The Morning Show»: Guten Morgen, Serienwelt, Apple TV+ ist da

von   |  4 Kommentare

Die US-Stimmen sind eher durchwachsen, doch unser Serienkritiker Sidney Schering ist von der Dramaserie über das Haifischbecken Frühstücksfernsehen angetan.

Executive Producer bei «The Morning Show»

  • Jennifer Aniston
  • Reese Witherspoon
  • Kerry Ehrin
  • Michael Ellenberg
  • Mimi Leder
  • Kristin Hahn
  • Lauren Levy Neustadter
Lang angekündigt, da ist es nun: Apple TV+, das Streamingangebot des Mega-Technologiekonzerns Apple. Eine der ersten Produktionen, die Apple für die Plattform angekündigt hat, ist «The Morning Show», eine auf erzählerischer Ebene im besten Sinne altmodische Dramaserie: Keine enge Verquickung mit dem Thriller- und/oder Kriminalgenre, so wie sie die meisten großen Dramaserien der Ära FX, AMC und Netflix mitbringen. Stattdessen erzählt «The Morning Show» in einem unaufgeregten Tonfall, ohne ständige Eskalationen, aber mit komplexen und ansprechenden Charakterisierungen vom Haifischbecken namens Frühstücksfernsehen.

Diesem Quadranten der Medienwelt setzte unter anderem Produzent J. J. Abrams ein filmisches Denkmal – mit der romantischen Dramödie «Morning Glory», in der Rachel McAdams eine quirlige Newcomerin spielt, die ein in Quotensorgen gestolpertes Morgenmagazin retten will, sich aber an einem von Harrison Ford gespielten, strengen Kollegen reibt. «The Morning Show» handelt ebenfalls vom Konflikt zwischen schweren Nachrichten und Infotainment, zwischen Sorgfaltspflicht und Quotendruck sowie zwischen einer jungen Wilden und einer erfahrenen sowie angesehenen Senderpersönlichkeit. Ist aber die zentrale Charakteristik (und sogar ein wiederkehrendes Thema) von «Morning Glory» "fluffig", so ist «The Morning Show» thematisch relevanter und stärker um aktuelles gesellschaftspolitisches Geschehen besorgt.

Die Serie kommt ins Rollen, als der langjährige Frühstücksfernsehen-Moderator Mitch Kessler (Steve Carell) informiert wird, dass Nachrichtenberichte über seine sexuellen Eskapaden veröffentlicht werden und sein Sender ihm mit sofortiger Wirkung kündigt – nämlich unter Berufung auf die "Moralklausel" in seinem Vertrag. Seine Moderationspartnerin Alex Levy (Jennifer Aniston) erfährt erst auf dem Weg zur Arbeit davon – und geht deshalb an die Decke. Üblicherweise möchte sie abseits der Arbeitszeiten ihre Ruhe haben und hat daher die Verantwortlichen instruiert, die Kommunikationswege bestmöglich frei zu halten. Aber das wollte sie dann doch früher erfahren – schließlich war Mitch für sie mehr als ein Arbeitskollege. Er war ihr "Arbeitsehemann", wie sie selber sagt. Und hinzu kommt: Ohne das eingespielte Power-Doppel Alex & Mitch könnten die Quoten weiter sinken, die Notwendigkeit für Änderungen in der Show würden steigen – und auch Alex' Stelle würde damit auf der Kippe stehen.

Der zweitgrößte Medienskandal an diesem Tag betrifft Reporterin Bradley Jackson (Reese Witherspoon), die sich bei einer Anti-Kohle-Demonstration mit einem uninformierten Demonstranten anlegt. Dass sie aus ihrer Reporterrolle fällt, geschenkt. Dass sie ihm eine Liste an Fakten ins Gesicht brüllt? Na gut, darüber könnte man hinwegsehen. Doch dass sie zwei Mal innerhalb weniger Sekundenbruchteile live im Fernsehen "fuck" sagt? Einfach unerhört! (Tja, die Serie spielt halt in Amerika.) Bradley wird zum Nachrichtenthema und daher zu einem Interview in Alex' Morgenmagazin geladen, während Mitch Pläne schmiedet, seine Karriere zu retten. Diese drei Personen und Berufslaufbahnen sind fortan eng miteinander verbunden …

Inspiriert von Brian Stelters Enthüllungsbuch «Top of the Morning: Inside the Cutthroat World of Morning TV» und gestemmt von «House of Cards»-Kopf Jay Carson, schlängelt sich «The Morning Show» durch die außer Kontrolle geratenen beruflichen Schicksale seiner drei Hauptfiguren. Alex, die ihren Job bislang zwar zweifelsohne ernst genommen hat, sich aber sonst keine größeren Gedanken gemacht hat, befindet sich auf einmal in einer völlig neuen Position. Ohne eingespielten Moderationspartner ist sie angreifbarer, gleichzeitig ist sie nun das alleinige prominente Aushängeschild der Newssparte ihres Heimatsenders, was ihr neue Macht gibt.

Jennifer Aniston, die vielen Film- und Fernsehfans primär für ihre komödiantischen Rollen bekannt ist, spielt diese widersprüchliche Lage Alex' sehr gut: In einer Serie, in der viel gebrüllt, geschimpft und geschrien wird, macht Aniston das emotionale Chaos, durch das ihre Figur aufgrund des ständigen "Ein Schritt vor, ein Schritt wieder zurück" marschiert, durch Sorgenfalten, die Strenge ihrer Blicke und reine Körperhaltung deutlich.

Reese Witherspoon derweil meistert die diffizile Aufgabe, einer sehr widersprüchlichen Figur eine griffige Charakteristik zu verleihen: Als verkrampfte, aber engagierte, erfahrene, doch lange kaum beachtete, meinungsstarke und dennoch uneitle, weder liberale noch konservative Reporterin, die durch einen ungewollt viralen Hit die Karriereleiter hochstolpern könnte, droht Bradley Jackson, eine beliebige Ansammlung an Journalistinnen-Charakterkonzepten darzustellen. Doch dank der konzentrierten, intuitiven Performance Witherspoons erweckt Bradley Jackson zum Leben – zum Leben als herrlich ehrliche, nicht in Schubladen passende Einzelkämpferin, die nun austesten muss, wie gut ihre Fähigkeiten als Teamplayer sind.

Steve Carell letztlich kann in «The Morning Show» aus seiner Erfahrung mit «Battle of the Sexes – Gegen jede Regel» schöpfen: In der herausragenden Sport-Dramödie nach wahren Begebenheiten spielt Carell einen Tennisstar, der zum Zweck eines Showkampfes seinen inneren Chauvi überbetont. Carells Spiel in «Battle of the Sexes» meistert einen Drahtseilakt zwischen Charisma, Dreistigkeit und gespielter Widerlichkeit. Dieses moralische Verbiegen findet sich, wenngleich auf ganz andere Weise, auch in «The Morning Show»: Mitch Kessler hatte innerhalb der Senderfamilie mehrere (wie er vehement betont einvernehmliche) außereheliche Affären, die ihm nun das Karriereaus bescheren. Deshalb findet er sich ungerecht behandelt:

In "seiner" Sendung ist in seiner Abwesenheit nämlich nur von sexuellem Fehlvergehen die Sprache, so dass die Öffentlichkeit ganz andere Verbrechen vermutet – in Mitchs Augen wird sein Fall mit #MeToo-Schandtaten wie von Harvey Weinstein, Brett Ratner und Louis C.K. (die nicht namentlich genannt werden, aber klar referenziert) gleichgesetzt, obwohl er doch "nur" mit Mitarbeiterinnen ein bisschen fremdgevögelt hat. Mitch begeht daher einen ungelenken Mitleid-Reue-Attacke-Tango, den Carell dank seiner Stimmfarbe und seinem nahtlos von Wehleidigkeit zu Zorn zu Einsicht und wieder zurück tänzelndem Gestus griffig darstellt: Mitch ist ehrlich ratlos, weshalb er direkt gefeuert wird, statt hinter den Kulissen einen auf die Finger zu kriegen, verheddert sich in seinem Zorn aber in schädliche Argumentationen. Einer der ersten "Wow"-Momente in «The Morning Show» dreht sich etwa darum, wie ein zunächst Einsicht zeigender Mitch im Gespräch mit einem früheren Weggefährten, der Mitch gegenüber hart bleibt, sich in seiner neuen Böser-Bube-Rolle hochschaukelt und letztlich ein legendäres Martin-Niemöller-Zitat widerlich zweckentfremdet.

Wie schon der flottere, gewitztere Kinofilm «Late Night», zeigt nun «The Morning Show», dass sich das Thema #MeToo sehr gut beiläufig aufbereiten lässt: Dadurch, dass es der dramatischste Strang in einer Erzählung mit vielen Strängen ist, wird «The Morning Show» nie didaktisch und vermeidet zudem das Problem, schon wieder den Tätern die Oberhand zu lassen, und sei es "nur", dass sie die dominantere Geschichte darstellen. Das Hauptaugenmerk von «The Morning Show» liegt im komplexen Mit- und Gegeneinander von Anistons und Witherspoons Rollen sowie in ständigen, geschliffen geschriebenen Verhandlungs- und Vorbereitungsgesprächen.

Kleinere Schönheitsfehler gibt es dennoch. Regisseurin Mimi Leder, die schon den ebenfalls von weiblicher Selbstverwirklichung erzählenden Kinofilm «Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit» inszeniert hat und bei «The Morning Show» unter anderem die ersten beiden Folgen verantwortet, hätte in der Auftaktepisode etwas Fett wegschneiden können – bis wir die Figuren richtig kennenlernen und somit ihre Gefühlswelten wirklich begreifen können, gibt es ein paar hübsche, doch den Erzählfluss ausbremsende inszenatorische Schnörkel. Sobald «The Morning Show» aber in Gang kommt, ist es richtig gutes Fernsehen über das Fernsehen. Guten Morgen, Apple TV+, bleib uns in dieser Form bitte gewogen!

«The Morning Show» ist via Apple TV+ verfügbar. Unsere Review stützt sich auf den ersten drei Episoden.

Kurz-URL: qmde.de/113342
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Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
berlinertyp
01.11.2019 15:37 Uhr 1
Eine dieser Serien, die mich thematisch überraschend reizt ... mal schauen, ob ich mir dafür mal das Testabo gönnen werde.
Wolfsgesicht
01.11.2019 17:47 Uhr 2
Irgendwie fehlen bei Apple kombinierte Abos. Sowas wäre wohl ein Zugpferd für ? Music, wenn man für 2€ Aufpreis auch ? TV+ bekommt.

Das ist das, was YouTube Music attraktiv macht (für nicht-Studenten). Für 2€ mehr spart es die Werbung bei YouTube und vergrößert den Nutzen (Musik der Videos abspielen bei geschlossener App). Spotify trumpft hingegen mit exklusiven Podcasts auf. Also würde ich mich für Spotify oder YouTube Music entscheiden als Neukunde. Für ? Music spricht da wenig. Mit einem 2€ Aufpreis für einen ganzen streamingdienst hingegen...



Die Morning Show kommt aber ja schlecht weg. Würde mich freuen wenn mal jemand (der kein Kritiker ist) reinschaut und sagt wie es so ist :D Wobei mich eher die anderen Serien interessieren.



Aber Marc-Uwe Kling ist bestimmt schon Fan.
Sentinel2003
01.11.2019 19:00 Uhr 3
Wer ist Marc-Uwe Kling??
Wolfsgesicht
06.11.2019 20:04 Uhr 4
Gerade auf der Apple Seite gesehen und das hab ich noch nirgendwo gelesen (obwohl es durchaus geschrieben wurde wie man durch kurzes googeln feststellt):



Wer als Student ein Apple Music Abo hat kann ?TV+ kostenlos (!) nutzen.

Also für 4,99€ im Monat Musik und Serien streamen - geiler Deal!



Es steht allerdings im Kleingedruckten dass dieses Angebot jederzeit enden kann.

Und etwas schade dass das Angebot nicht für den normalen Nutzer gilt.

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