Serientäter

«Years and Years»: Das Serienereignis des Sommers

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Die Ko-Produktion von BBC und HBO entwirft eine erschreckend realitätsnahe Dystopie – und hat das Zeug zum Fernsehereignis des Sommers.

Der aussichtsreichste Kandidat auf das Amt des britischen Premierministers ist ein verlogener Altphilologe, dessen ernsthafte journalistische Karriere dadurch ein Ende fand, dass er in seinen Berichten frei erfundene Vorgänge schilderte, und dessen Popularität nahezu ausschließlich darauf fußt, dass er das Projekt der wirtschaftlichen und machtpolitischen Selbstkastrierung seines Landes am entschiedensten vorantreiben will. Derweil sieht sich Ivanka Trump bei internationalen Regierungsgipfeln als diplomatische Vertreterin des mächtigsten Landes der Welt und platzt in Gespräche zwischen dem französischen Präsidenten, der britischen Premierministerin und der Vorsitzenden des Internationalen Währungsfonds, weil sie meint, aufgrund ihres reichen Erfahrungsschatzes als Handtaschendesignerin und Verkäuferin hässlicher Schuhe auf Augenhöhe mitreden zu können. In Brasilien wird ein Mann zum Präsidenten gewählt, der sich die Diktatur zurückwünscht, im Parlament seine Stimmen dem ehemaligen Folterknecht der Ex-Präsidentin widmet und andere Abgeordnete als Nutten beschimpft. In Deutschland werden Bürger von Twitter-Accounts eines Bundestagsabgeordneten als kleine Halbneger abgekanzelt.

Noch vor einem halben Jahrzehnt wären diese Szenarien den Fieberträumen eines Cholera-Patienten vorbehalten gewesen. Dass sie allesamt eingetreten sind, beweist, dass die Welt aus den Fugen geraten ist.

In diese Welt passt keine Serie so gut wie «Years and Years», deren sechs Folgen die BBC bereits im Frühsommer zeigte und die jetzt dank der amerikanischen Ausstrahlung bei HBO eine noch größere internationale Beachtung hervorrufen. In ihnen sehen wir die sprachliche Figur auf die Spitze getrieben, mit der Slavoj Zizek die Präsidentschaft Trumps beschrieben hat: Regieren als postmoderne Performance.

Die charismatische Businesswoman Vivienne Rock (Emma Thompson) mäandriert sich mit markigen Sprüchen und einem zur Schau gestellten Desinteresse an diffizilen Sachzusammenhängen durch die Öffentlichkeit, als sie die Politik als neues Steckenpferd entdeckt. Sie ist eleganter als Trump, klüger, beredsamer, schlagfertiger, ohne seine Vulgarität, seine ständigen obszönen Ausfälle, aber genauso inhaltsleer, machtbesessen und demagogisch – und auch diese Einpeitscherin von Volkes Stimme hat Erfolg bei der Wählerschaft.

Es gibt viele Thesen und Erklärungsmodelle, anhand derer sich der Zusammenbruch der alten Ordnung und die prägenden Entwicklungen der nahen Zukunft verstehen ließen: jene von David Goodharts etwas einfachem und wenig trennscharfem Anywheres-Somewheres-Dualismus, Mark Blythes Ausführungen zum Global Trumpism, Steve Keens radikale Kritik der neoklassischen Wirtschaftstheorie, Yanis Varoufakis‘ vernichtende Dekonstruktion der intergouvernementalen Politmaschine, Ray Kurzweils grenzenloser Technooptimismus.

In «Years and Years» finden wir auch abseits von Vivienne Rocks Polit-Show zahlreiche Inkarnationen dieser Vorstellungen und Ausführungen: In der Makroperspektive wird unter der sicherheitspolitischen Schwäche Europas, amerikanischem Desinteresse und russischer Expansionsbestrebung die Ukraine zum russophilen Vorposten umfunktioniert – und Quell des nächsten Flüchtlingsstroms. Im südchinesischen Meer kulminieren die chinesisch-amerikanischen Spannungen schließlich im GAU – wie Steve Bannon das schon prophezeit hat, als er noch eine krude Radiosendung moderierte. In der Mikroperspektive stellen transhumanistische Entwicklungen die Normalbevölkerung nicht nur vor technologische oder ethische, sondern auch höchstpersönliche Entscheidungen, während Antibiotika-resistente Keime einen lange gefürchteten Rückschritt in der Medizin einleiten. Digitalisierung und Automatisierung sorgen derweil für tiefere ökonomische Verwerfungen als die meisten Finanzkrisen und die heilige Kuh des britischen Sozialsystems – die öffentliche Gesundheitsversorgung in Form der NHS – wird in Post-Thatcherischen Alpträumen bis zum Kern kaputtprivatisiert.

Das sind allesamt grässliche Aussichten – und nach dieser Serie kann niemand mehr sagen, er sei nicht gewarnt worden. Denn was davon ist abwegiger als der Umstand, dass Ivanka Trump mit Angela Merkel und Emmanuel Macron Diplomatie macht?

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