Die Kino-Kritiker

«Aladdin»: Hey, Will Smith hat wieder Spaß auf der Leinwand!

von

Guy Ritchie inszeniert eine Realfilmadaption des Disney-Zeichentrickklassikers «Aladdin» und bringt uns dabei endlich wieder den Will Smith der 90er-Jahre zurück. Aber sonst …

Filmfacts «Aladdin»

  • Regie: Guy Ritchie
  • Produktion: Dan Lin, Jonathan Eirich
  • Drehbuch: John August, Guy Ritchie
  • Darsteller: Mena Massoud, Will Smith, Naomi Scott, Marwan Kenzari, Navid Negahban, Nasim Pedrad, Billy Magnussen
  • Musik: Alan Menken
  • Kamera: Alan Stewart
  • Schnitt: James Herbert
  • Laufzeit: 128 Minuten
  • FSK: ab 6 Jahren
Es war höchst wahrscheinlich nicht so geplant, und doch ergibt sich ein stimmiges Bild: Nach Tim Burtons freiem «Dumbo»-Realfilm, aber noch vor Jon Favreaus fotorealistisch animierter «Der König der Löwen»-Neuerzählung, die sich allem bisherigen Marketingmaterial zufolge sehr eng am Zeichentrickoriginal orientiert, bringt der mammutgroße Mäusekonzern Disney Guy Ritchies «Aladdin» in die Kinos. Es ist ein Mittelding der anderen beiden Disney-Remakes des Jahres: Ritchies «Aladdin» schielt stärker auf den Storyverlauf seiner Zeichentrickvorlage als «Dumbo», macht sich jedoch nicht zu deren Sklaven.

Die Stützpfeiler der Erzählung bleiben gleich: Straßenjunge Aladdin verliebt sich in die freigeistige Prinzessin Jasmin, die jedoch von Gesetzes wegen einen Prinzen heiraten muss – oder wenigstens Großwesir Dschafar, der den Sultan manipuliert und auf der Suche nach einer Wunderlampe ist. Die aber befindet sich in einer Wunderhöhle, die nur einem "ungeschliffenen Diamanten" den Zugang gestattet. Dschafar schickt Aladdin in die lebende, denkende Höhle. Als er an der Lampe reibt, befreit er einen zu Späßen aufgelegten, schnell quasselnden, blauen Quatschkopf von einem Dschinni, mit dem er sich alsbald anfreundet. Der Dschinni gibt Aladdin das Auftreten eines Prinzen – aber auf einer Lüge lässt sich keine Liebesbeziehung aufbauen …

Das Remake-Skript übernimmt nicht nur die grundlegende Prämisse des Zeichentrickklassikers von 1992, sondern auch einen Großteil der einprägsamen Momente und Zitate. Von Aladdins abenteuerlustig-direktem "Vertraust du mir?", an dem Jasmin den prinzgewordenen Straßenjungen erkennt, über mehrere Späße Dschinnis bis hin zu den unvergesslichen Songs aus dem gezeichneten Megaerfolg. Allerdings werden die Plotelemente in Guy Ritchies Neufassung ein bisschen durchgemischt. So verläuft Aladdins und Jasmins Kennenlernen zügiger, während das gegenseitige Anzweifeln nach Aladdins "Verwandlung" in Prinz Ali etwas ausführlicher ausfällt.

Schwerpunktmäßig nimmt Guy Ritchie, entgegen seiner üblichen Sensibilitäten als Regisseur, etwas Fokus vom Abenteuercharakter des Zeichentrickfilms; die übrig gebliebenen Actionpassagen fallen zudem aufgrund eines Übermaßes an milchigen Computeranimationen völlig flach: 1992 sah etwa die gezeichnete Flucht aus der Lavahölle der Wunderhöhle deutlich packender aus als das "realistische" Pendant im Remake. Mehr Fokus legt der «Sherlock Holmes»-Regisseur in seiner «Aladdin»-Variante derweil auf den romantischen Aspekt sowie auf Jasmins Storybogen. Letztere Neuerung geht auf: Schon im Zeichentrickoriginal sorgte Jasmin mit ihrem positiven Disckschädel für frischen Wind in Disneys damaligem Prinzessinnenaufgebot, und dies wird im längeren Realfilmremake weiter ausgelotet.

«Power Rangers»- und «Lemonade Mouth»-Mimin Naomi Scott spielt die belesene, meinungsstarke Prinzessin, die von ihrem liebenden, doch strengen Vater in einen bildlichen goldenen Käfig gesteckt wird, mit Feuer, Temperament sowie trockenem Witz. Jasmins Sehnsucht, mitbestimmen zu können, wird im Remake zu einem neuen narrativen Motor; so sehr, dass sich die Frage aufdrängt, wieso sich dieser Film nicht noch stärker auf dieses neue Element einschießt, statt immer wieder für längere Strecken auf alte, betretene Pfade zurückzukehren. Zumal die neuen Aspekte in der Umsetzung eher punkten: Während Scott dann überzeugt, wenn Jasmin im Fokus steht, müht sie sich redlich, aber vergeblich ab, wenn es um die Romanze geht.

Mit Hauptdarsteller Mena Massoud will nämlich partout keine Chemie aufkommen, was nicht aber Scotts Versagen ist – Massouds Aladdin wirkt nahezu den gesamten Film über wie ein nasses Handtuch. Weder den verwegenen, wenngleich freundlichen Dieb bringt er überzeugend rüber, noch kann er Aladdins Gewissensbissen ob seiner Scharade oder auch seiner Schwärmerei für Jasmin griffige Momente abringen.

Allein in Gagszenen ohne direktes Pendant aus dem Zeichentrickfilm kommt Leben in Massouds Darbietung, was wohl auch Will Smiths Starpower zuzuschreiben ist: Der Superstar spielt in «Aladdin» endlich wieder mit der frischen, feschen, ansteckenden Spaßigkeit auf, die ihn in den 90er-Jahren vom Prinz von Bel-Air zum zeitweiligen König von Hollywood gemacht hat. Wenn Smiths Dschinni in Menschengestalt mit verschmitztem Grinsen Aladdin liebevoll aufzieht, sich alleinunterhaltend durch diverse Notsituationen ulkt oder er einen Impro-Monolog abhält, zieht Smith diese «Aladdin»-Version ein gutes Stück nach oben.

Das hat Ritchies «Aladdin» auch dringend nötig, denn abseits der Jasmin- und Dschinni-zentrischen Szenen holpert und stolpert dieses Disney-Remake. Das Erzähltempo der Parts, die den Zeichentrickfilm nacherzählen, ist konfus (Plotelemente und Figurenentwicklungen werden ohne erkennbares Konzept erst abgehetzt, dann im Schneckentempo weitergeführt), Marwan Kenzaris Dschafar hat noch weniger Profil und Ausstrahlung als Massouds Aladdin und die Neuarrangements der Klassikersongs sind belanglos-steril sowie kaputtgefiltert. Inszenatorisch lässt «Aladdin» darüber hinaus völlig Guy Ritchies Handschrift missen – oder generell jegliches Flair: Ritchie und Kameramann Alan Stewart verweilen häufig in Medium Shots und sparen so wortwörtlich an allen Ecken und Kanten:

Das fiktive Reich Agrabah besteht scheinbar nur aus zwei, drei kleinen Straßenzügen, die nur spärlich bevölkert sind. Während die Kostüme mit bunter, bollywoodesker Aufmachung positiv auffallen, ist die restliche Ausstattung nicht weiter der Rede wert – und da, wie schon erwähnt, die Trickeffekte halbgar sind, und Ritchie die Musicalszenen nur sehr steif über die Bühne bringt, bleiben somit die Schauwerte dieses Remakes auf ernüchterndem Niveau. Allein ausgerechnet die vorab lautstark verrissene "Prinz Ali"-Sequenz fällt positiv aus dem Rahmen, denn selbst wenn sie routiniert aneinandergereiht ist, erweckt Ritchie hier launigen Verve: Diese Prinzenparade mischt die Zeichentrickmentalität mit dem neu etablierten, an Will Smith angepassten Witz dieser «Aladdin»-Variante, all dies in einer für ein Disney-Realfilmremake breiten Farbpalette.

Langer Rede, kurzer Sinn: Guy Ritchies «Aladdin» macht vor allem im Mittelteil Laune, wenn der Plot ruht und Will Smith sowie Nasim Pedrad als Jasmins kecke Kammerdienerin Späße treiben, die im Original so nicht vorkommen. Und auch der gesellschaftspolitische Kommentar dieser Neuerzählung hat Drive – aber sowohl der erste als auch der dritte Akt dieser Abenteuermusicalromanze leiden unter mageren Digitaltricks, einem faden Storytelling und den äußerst laschen Darbietungen des Pro- sowie des Antagonisten. Aber, hey, endlich wieder eine lustige Will-Smith-Performance ..!

«Aladdin» ist ab dem 23. Mai 2019 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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