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Marvel-Aus bei Netflix: Darum scheiterte die Zusammenarbeit wirklich

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Ist die beendete Beziehung zwischen dem Comic-Verlag und dem Streaming-Dienst Disneys Schuld? Nicht nur, denn die eigentliche Vision beider Partner zerschlug sich schon davor.

Die Abschlussbilanz von Marvel bei Netflix

  • «Marvel's Daredevil»: 3 Staffeln
  • «Marvel's Jessica Jones»: 3 Staffeln (1 ausstehend)
  • «Marvel's Luke Cage»: 2 Staffeln
  • «Marvel's Iron Fist»: 2 Staffeln
  • «Marvel's The Defenders»: 1 Staffel
  • «Marvel's The Punisher»: 2 Staffeln
Mitte Februar vollzog sich das, was sich über Monate abgezeichnet hatte: Mit der Einstellung der letzten verbleibenden Marvel-Serien «The Punisher» und «Jessica Jones» endete die Kooperation zwischen Marvel und Netflix ein für alle Mal. So zerschlug sich eine Partnerschaft, die 2013 mit einem bis dahin einmaligen Deal ins Leben gerufen worden war.. Im Jahr 2019 wird noch die letzte Staffel von «Jessica Jones» erscheinen, danach werden die Marvel-Serien bei Netflix nach insgesamt 13 Staffeln von sechs Formaten Geschichte sein.

Für viele Branchenkenner wirkte das Ausscheiden der Marvel-Serien bei Netflix allein von den Anbieterkonstellationen her folgerichtig. Nachdem bekannt gegeben worden war, dass Disney Ende 2019 einen eigenen Streaming-Dienst starten würde, mutmaßten viele Beobachter schon früh, dass der Konzern keine Serien seiner Tochter Marvel bei der Konkurrenz dulden würde. Doch das war nur die halbe Wahrheit, denn die Marvel-Serien bei Netflix beinhalteten nach einem vielversprechenden Start viele qualitative Mängel, die Interessenten und selbst Fans nach und nach abschalten ließen. Im Jahr 2018, als Disneys Pläne zu einem eigenen Angebot bereits konkreter geworden waren, verhinderten vorrangig das stark gesunkene Zuschauerinteresse und die wachsenden Bedenken von Netflix eine Verlängerung der Serien, die im Falle von «Luke Cage» und «Daredevil» hinter den Kulissen eigentlich schon an weiteren Staffeln arbeiteten.

Dieser Umstand war dann auch die Mühen von Netflix nicht mehr wert, irgendwie doch zu einem Übereinkommen mit Disney zu kommen. Für die Fans endete die Zusammenarbeit höchst unbefriedigend, denn ihnen bleibt nun eine Sammlung nicht auserzählter Geschichten, die jedoch ein umso frustrierendes Charakteristikum gemein haben – nämlich, dass sich die Serienprotagonisten eigentlich gerade an der Schwelle zu neuen und aufregenden Kapiteln befinden. Nur «Jessica Jones» hat jetzt noch die Chance zu einem würdigen Ende zu gelangen. In «Daredevil» hatten Foggy, Karen und Matt gerade eine neue Anwaltskanzlei gegründet. In «Iron Fist» hatten Danny Rand und Colleen Wing gerade neue Kräfte entdeckt, während Frank Castle in «The Punisher» endlich voll seine Identität als Antiheld akzeptiert hatte. Besonders unvollkommen wirkt das Ende von «Luke Cage», der am Ende von Staffel zwei gerade seine dunkle Seite entdeckt hatte.

Für die Zusammenarbeit hatte Netflix einst große Pläne geschmiedet, welche aber umso schwieriger umzusetzen waren. Als Netflix mit «Daredevil» im Jahr 2015 die erste der Marvel-Serien veröffentlichte, stand bereits der große Masterplan fest, dass die folgenden drei Formate später in einer «Avenger»-ähnlichen Zusammenkunft kulminieren sollten. Gepaart mit der deutlich härteren und realistischeren Gangart der Netflix-Serien sollten diese auch ein Komplementärangebot zu den eher fantastischen Kinofilmen bieten und dem Marvel-Universum mehr Breite verleihen.

Kritikerspiegel der Marvel-Netflix-Serien

  1. «Jessica Jones» - S1: 81/100
  2. «Luke Cage» - S1: 79/100
  3. «Daredevil» - S1: 75/100
  4. «Daredevil» - S3: 71/100
  5. «Jessica Jones»: S2: 70/100
  6. «Daredevil» - S2: 68/100
  7. «Luke Cage» - S2: 64/100
  8. «The Defenders»: 63/100
  9. «The Punisher» - S2: 58/100
  10. «The Punisher» - S1: 55/100
  11. «Iron Fist» - S2: 39/100
  12. «Iron Fist» - S1: 37/100
Metacritic
Der Plan, das neue Serien-Franchise mit «The Defenders» auf eine neue Stufe zu heben, scheiterte streng genommen schon vor dem Start der Serie im August 2017. Denn während die zu diesem Zeitpunkt bereits gestarteten Formate «Daredevil», «Jessica Jones» und «Luke Cage» überwiegend positive Kritiken erhalten hatten, sollte «Iron Fist» der letzte Baustein für «The Defenders» sein. Allerdings kennzeichnete die Serie um den Martial-Arts-Kämpfer mit mystischen Kräften den ersten großen qualitativen Fehlschlag. Dummerweise entschied sich «The Defenders» dazu, ausgerechnet dieser neuesten Figur im Superhelden-Ensemble auch in «Defenders» am meisten Platz einzuräumen.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Der erste Versuch, die Charaktere zu versammeln war alles andere als ein Kritikerliebling im Vergleich zu den Einzelformaten und zerstörte wohl den lange gehegten Enthusiasmus vieler Zuschauer, die Figuren wieder zusammen auf dem Bildschirm zu erleben. Schlimmer noch: Viele Fans wandten sich zu diesem Zeitpunkt ganz von den Marvel-Serien bei Netflix ab, denn welchen Sinn erfüllten diese noch, wenn der eigentliche große Plan der Zusammenkunft krachend gescheitert war? Letztlich lag es wohl auch am logistischen Aufwand, statt eines Spielfilms eine achtteilige Staffel zu produzieren, die alle vorangegangenen Formate irgendwie sinnvoll vermischt.

Ein kritischer Aspekt, der für viele Zuschauer nicht unmittelbar sichtbar war, waren auch die turbulenten Vorgänge hinter den Kulissen. «Jessica Jones» stellte die einzige Marvel-Serie dar, deren Showrunnerin Melissa Rosenberg für alle Staffeln verantwortlich zeichnete. So stieg und fiel die Qualität der Serien teilweise mit ihren Serienschaffenden. Des Weiteren wurde Netflix mutmaßlich auch ein sonst so gelobtes Markenzeichen zum Verhängnis – nämlich diesen Showrunnern relativ freie Hand bei der Ausarbeitung der Serien zu lassen. Bis zur Produktion von «The Defenders» hatten sich die Einzelformate aufgrund der sehr verschiedenen Visionen ihrer Macher in komplett andere Richtungen bewegt, sodass eine natürlich wirkende Mischung der Serien ohnehin nur noch schwer zu realisieren war. Deshalb beschränkten sich auch die vereinzelten Crossovers später mehr oder weniger nur auf Cameo-Auftritte der anderen Helden, weil mehr gar nicht in die Geschichte gepasst hätte.

Der Rückblick auf den Verlauf der Marvel-Netflix-Kooperation zeigt, wie hochtrabende Pläne häufig auch scheitern können. Gerade Netflix legte seinen Nimbus der Unfehlbarkeit schon vor einigen Jahren ab und blickt neben vielen großartigen Serien mittlerweile auch auf viele Reinfälle zurück. Im Falle dieser groß angelegten Kooperation tut er besonders weh. Oder auch nicht? Schließlich hätte sich Netflix angesichts des nahenden Starts von Disney+ ohnehin etwas überlegen müssen, hätte der Dienst die Marvel-Serien halten wollen. Auch für Marvel stellt das Kapitel Netflix einen bittersüßen Moment in der so erfolgreichen Geschichte des Unternehmens dar. Die Serien hatten ihre Hochs und Tiefs, doch sie repräsentierten eine bislang ungesehene Perspektive auf Marvels Superhelden-Reich. Die Hoffnungen, dass Marvel bald mehr dieser Geschichten einer etwas anderen Couleur erzählen könnte, zerschlugen sich somit ein wenig.

Zumindest macht Netflix nun keine Anstalten sich von Comicbuch-Adaptionen zu verabschieden. Viele weitere Projekte stehen schon in den Startlöchern. Gerade erst debütierte «The Umbrella Acadcemy» mit großem Erfolg. Im Jahr 2017 erstand Netflix außerdem Millarworld von Mark Millar, dessen Comics etwa «Kick-Ass» oder «Kingsman» inspirierten. Schon jetzt kündigte Netflix an, zwei Serien und drei Filme aus der Millarworld-Sparte veröffentlichen zu wollen. Wird es das zweite Marvel? Davon scheint zumindest Netflix-Chef Ted Sarandos überzeugt zu sein. Der bezeichnete Millar bereits als „modernen Stan Lee“.

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