Hingeschaut

«Wie genial ist das denn?!»: Ein Lätzchen für die Brust

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Am Montag startete um 19.00 Uhr die neue Erfindershow «Wie genial ist das denn?!» in Sat.1 – und soll den gebeutelten Vorabend sanieren. Wie die Show auf dem Sendeplatz der bis dato gezeigten täglichen Ausgabe von «Genial daneben - Das Quiz» lief, lesen Sie hier.

Der Sat.1-Vorabend hatte es in den zurückliegenden Jahren schwer. Zahlreiche Flops pflasterten den Weg zwischen Day- und Primetime. Erst einige Stunden zuvor gab der Sender bekannt, die erfolglose Dailysoap «Alles oder Nichts» auf dem 18.30 Uhr-Sendeplatz abzusägen und die Serie mit sofortiger Wirkung durch Wiederholungen einer Scripted-Reality zu ersetzen. Darüber informierte auch ein Laufband, während «Die Ruhrpottwache» mal wieder den Dienst aufnahm. Die Senderbosse setzen nun alles auf die neue Erfindershow, die überpünktlich um 18.58 Uhr an den Start ging.

Das Konzept ähnelt der VOX-Shows am Nachmittag: Vier Mal die Woche gibt es normale Folgen, in denen jeweils drei Erfindungen vorgestellt werden. Es wird in diesen Shows ein Sieger ermittelt, freitags gibt es das Wochenfinale. Dem Sieger winken 3.000 Euro.

Moderiert wird das Format von Meltem Kaptan und Philipp Hageni – Die Comedienne und der aus dem «Frühstücksfernsehen» bekannte Reporter führen durch die neue Sendung. In der ersten Ausgabe hat man von Hageni allerdings wenig bis gar nichts gesehen, allerdings blieb ein Zitat von ihm durchaus hängen: Er erwarte in der neuen Show nur Dinge, die er „noch nie zuvor“ gesehen hat. Durchaus ambitioniert für eine Sendung, die werktäglich drei Erfindungen in einer Bruttosendezeit von 55 Minuten durchprügeln will. Bis auf eine kurze Einführung zu Beginn der Sendung hielt sich der männliche Part des Duos allerdings zurück. Man wechselt sich in der Moderation ab. Ganz anders Kaptan: Mit überzeugender Begeisterung für die Produkte und auch für die Menschen dahinter schafft sie es, direkt eine Verbindung zum Zuschauer aufzubauen. Manchmal mit vielleicht einer Spur zu überschwänglicher Inbrunst, dennoch nimmt man es ihr ab.

«Wie genial ist das denn?!» vergeudet keine Zeit und nach kurzen Momenten der Vorstellung geht es auch schon mit dem ersten Produkt los. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es durchaus Fragen aufwirft, wieso die Produktion und später auch der Sender selbst mit der Produktauswahl zufrieden waren. Rolf, 72, Rentner, erfand den „Jacken-Butler“. Ein Hosenträger mit dritter Klemme, der in die Jacke gepfriemelt wird, sodass man die Jacke wie einen Rucksack tragen kann. Rolf wird zuhause besucht, er stellt seine Erfindung vor, Meltem Kaptan ist vor Ort und testet. Ist natürlich alles super, alles ist ganz toll.

Groß angepriesen wird der „Experten-Check“, der daraufhin folgt. Natürlich mit eigenem Einspieler-Logo, Tusch und überhaupt. Es geht zum TÜV Rheinland und an dieser Stelle besteht absoluter Handlungsbedarf. Man erwartet jetzt einen Produkttest, eine handfeste Bewertung, ein Fazit, ein Qualitätssiegel oder Ähnliches. Aber falsch gedacht. Bei allen drei gezeigten Produkten war der Besuch beim TÜV nichts weiter als ein erstes Anfassen, eine optische Bewertung seitens der Qualitätsprüfer. Beim zweiten vorgestellten Produkt dauerte die offizielle Bewertung seitens des „Prüfers“ nicht länger ein Dutzend Sekunden. Hier darf man durchaus ausführlicher werden. Die optische Begutachtung mit ein paar „sieht gut aus“, „fühlt sich gut an“ und „sollte so und so sein“ hilft niemandem. Es hat null Mehrwert für den Zuschauer und als TÜV Rheinland sollte man sich die Frage stellen, ob die Mitwirkung bei diesem Format eine gute Idee war.

Wären wir bei «Schwiegertochter gesucht», würde Vera Int-Veen nun in Wallungen kommen: Rosi aus dem fränkischen Feucht hat einen Unterbrust-Schwitz-Schutz erfunden. Kurz: Ubssy. Das Y ist hinten nur für die bessere Aussprache angehängt, erfahren wir aus den sonst recht informativen Bauchbinden, die immer mal wieder eingeblendet werden. Da ist also nach dem umfunktionierten Hosenträger für die Jacke nun ein Baumwolltuch der Star, das unter den BH geklemmt wird. Kaptan fasst das weiße Stück Stoff passend zusammen und prustet „Ein Lätzchen für die Brust!“ und damit hat sie optisch gar nicht mal so Unrecht.

Wie auch zuvor kommen nach dem überflüssigen „Experten-Check“ nun die Verbraucher zu Wort. Gut zwei Dutzend Tester dürfen sich das Produkt ansehen und Fragen stellen. „Seid frech!“, fordert Kaptan für die Quote von ihren Schützlingen hinter den Stehpulten. In einem Western würde nun ein Heuballen durchs Bild rollen, denn die Rückfragen und Bemerkungen der Tester bleiben mehr als nur blass. Immerhin wirken die Verbraucher normal, ungecastet und aus der Mitte. Hilft allerdings nichts, der „Verbraucher-Check“ ist ebenso farblos wie die Produkte.

Da helfen auch die Schenkelklopfer nichts. Nachdem die faltbaren Küchenhelfer „KüchenOrigami“ vorgestellt werden, verkündet ein rüstiger Rentner in Hawaii-Polo-Hemd: „Ich mag lieber Oregano statt Origami“ und man muss unweigerlich an «Circus HalliGalli»s Parodie auf die Werbekampagne eines Provinzschwimmbads denken.

Zum Ende der Sendung werden die Bewertungen der Verbraucher aus dem Studio ausgewertet, Rosis Ubssy gewinnt das Tagesfinale und darf Freitag im Finale um 3.000 Euro kämpfen. Das war bis hierhin ganz nett – aber auch nicht mehr. Lobend sei erwähnt, dass jegliche Abkehr von Scripted-Reality-Formaten zu bejubeln ist. Und auch die Machart ist ansehnlich: Außendrehs bei den Erfindern, sympathische Moderation, nettes Studio – wäre der Test beim TÜV auch wirklich einer, wäre die Show konzeptionell eine wirklich runde Sache. Aber ein großes Manko weist der Auftakt auf: Die Produkte. Unter der Prämisse, dass bei der hohen Schlagzahl an Erfindungen pro Woche auch mal einige Rohrkrepierer dabei sind, ist dies legitim. Dass man – gerade bei der Premiere – auf diese Auswahl an Erfindungen setzt, ist bedenklich. Sollten das die Produkte sein, die das Segel der Sendung setzen, dürfte das Interesse recht schnell sinken. Zumal gerade bei der so wichtigen ersten Folge durchaus mehr zu erwarten gewesen wäre.

Niemand wird sich anmaßen, «Wie genial ist das denn?!» mit dem großen Bruder von VOX zu vergleichen. Dafür sind die Volumen der Produktionen natürlich zu verschieden. Aber der Vergleich wird sich unweigerlich in den Köpfen derer abspielen, die beide Formate kennen –in einer Sache hat das Sat.1-Format allerdings die Nase vorn. Meltem Kaptan führt engagierter durch die Sendung als der kumpelhafte Amiaz Habtu. Wie Philipp Hageni agieren wird, ist natürlich noch nicht überliefert. Sein Einsatz folgt erst noch.

Wer weiß, wo die Reise von «Wie genial ist das denn?!» hingeht. Gerade am Sat.1-Vorabend hat man immer eine Hand am Knopf für den Schleudersitz. Man kann nur hoffen, dass die Fehler der Auftaktfolge möglichst bald korrigiert werden. Es braucht einen intensiveren „Experten-Check“, damit sich dieser auch so schimpfen darf und einfach bessere Ideen. Nur ein Lätzchen für die Brust rettet den Vorabend leider nicht.

«Wie genial ist das denn?!» zeigt Sat.1 ab sofort immer werktags um 19.00 Uhr.

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