Die Kino-Kritiker

«Mary Poppins' Rückkehr»: Es hätte so bezaubernd sein können

von   |  3 Kommentare

Eine fantastische Emily Blunt wertet dieses Familienmusical ungemein auf, das mit eigenen Impulsen beginnt und als mechanische Kopie des Originals endet.

Filmfacts: «Mary Poppins' Rückkehr»

  • Regie: Rob Marshall
  • Produktion: Rob Marshall, John DeLuca, Marc Platt
  • Drehbuch: David Magee; nach einer Story von David Magee, Rob Marshall, John DeLuca; basierend auf den Büchern von P. L. Travers
  • Darsteller: Emily Blunt, Lin-Manuel Miranda, Ben Whishaw, Emily Mortimer, Julie Walters, Dick Van Dyke, Angela Lansbury, Colin Firth, Meryl Streep
  • Musik: Marc Shaiman
  • Songs: Marc Shaiman, Scott Wittman
  • Kamera: Dion Beebe
  • Schnitt: Wyatt Smith
  • Laufzeit: 131 Minuten
  • FSK: ohne Altersbeschränkung
Über 50 Jahre, nachdem «Mary Poppins» Menschen rund um den Globus verzaubert hat, wird der unter anderem mit fünf Oscars gekrönte Disney-Evergreen weitererzählt. Die Aufgabe, das Filmmusical, welches in Deutschland zu den erfolgreichsten Vertretern seines Genres gehört, mit einer Fortsetzung zu versehen, wurde dem Regisseur Rob Marshall und seinen eingeschworenen Produktionspartnern zugesprochen. Marshall inszenierte zuvor bereits Disneys Adaption des Bühnenmusicals «Into the Woods» sowie die Filmversionen der Musicalstücke «Nine» und «Chicago», außerdem führte er Regie bei einer TV-Adaption des Musical-Dauerbrenners «Annie». Erfahrung bringt Marshall also allerhand mit, und mit seinem Milliarden-Dollar-Hit «Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten» dürfte er sich bei den Disney-Filmstudios eh einen Stein im Brett erarbeitet haben.

Damit, ihm «Mary Poppins' Rückkehr» anzuvertrauen, erfüllt der Disney-Konzern Marshall einen Lebenstraum: Der Musical-Liebhaber bezeichnet Robert Stevensons «Mary Poppins»-Film als einen der Filme, die ihn am meisten geprägt haben. Und dies ist mehr als nur Promogewäsch. Marshalls Liebe zur umfeierten Walt-Disney-Produktion ist dieser Fortsetzung in fast jeder Minute deutlich anzusehen. «Mary Poppins' Rückkehr» ist kein kalt kalkulierter, rein wirtschaftlich motivierter Schachzug, sondern eine intensive Verneigung vor dem auf den Büchern von P. L. Travers basierenden Kinoklassiker.

Das hat jedoch nicht nur gute, sondern auch sehr ärgerliche Folgen. In den besten Augenblicken ist «Mary Poppins' Rückkehr» nämlich eine zauberhafte Fortführung des Originalfilms. In den schlechtesten Passagen ist «Mary Poppins' Rückkehr» dagegen eine so sklavische Kopie dessen, was schon war, dass dieses Musical zu einer mechanischen Imitation ohne eigene Seele verkommt.

Besuch einer alten Bekannten: Die Handlung


London in den von der Wirtschaftskrise gerüttelten 1930er-Jahren: Michael (Ben Whishaw) und Jane Banks (Emily Mortimer) sind längst erwachsen geworden und haben nur noch vage Erinnerungen daran, was sie mit der Nanny Mary Poppins in ihren Kindestagen erlebt haben. Der sensible, verwitwete Michael lebt gemeinsam mit seinen eigenen drei Kindern (Pixie Davies, Nathanael Saleh und Joel Dawson) in seinem alten Elternhaus. Dabei, das Haus auf Vordermann zu halten, einen Überblick über die Haushaltszahlen zu bewahren und sich um den Nachwuchs zu kümmern, erhält er nicht nur von Haushälterin Ellen (Julie Walters) tatkräftige Unterstützung, sondern auch von seiner schüchternen Schwester.

Und dennoch bleibt Familie Banks nur schlecht als recht auf Kurs. Michael ist noch voller Kummer über den Verlust seiner Frau, die wirtschaftliche Depression macht sich in ganz London bemerkbar und dann kommt eines Tages auch noch die Bank mit zerrüttenden Nachrichten auf Familie Banks zu. Kurz nach diesem Tiefschlag kommt Kindermädchen Mary Poppins vom Himmel herab und bietet ihre Hilfe an. Zusammen mit dem munteren Laternenanzünder Jack (Lin-Manuel Miranda) führt Mary Poppins die besorgten Banks-Sprösslinge in magische Abenteuer und greift der Familie auf ihre ganz eigene Art auch in größeren Angelegenheiten unter die Arme …

Das von David Magee verfasste Drehbuch, nach einer Storyidee von Magee, Rob Marshall und John DeLuca, beginnt als liebevolle, stimmig konstruierte «Mary Poppins' Rückkehr»-Fortsetzung: Die 130-Millionen-Dollar-Produktion beginnt, ähnlich wie der im Sommer gestartete Disney-Film «Christopher Robin», mit einem melancholisch-süßen Tonfall. Wir lassen die unbesorgte Idylle von «Mary Poppins» hinter uns und bekommen einen neuen Grund geliefert, weshalb Mary Poppins ins Leben der Banks-Familie tritt: Im Disney-Klassiker verbietet es ein gestresster, herrischer Vater seinen Kindern, Kind zu bleiben. Dieses Mal sind es äußere Einflüsse außerhalb des Familienverbundes, die auf die Kinder einwirken: Ihr Vater und auch ihre Tante sind herzlich und verständnisvoll, allerdings werden die Kinder durch die dunkle Zeiten, die sie gerade durchleben, dazu gedrängt, Spaß und Unbekümmertheit aus ihrem Leben zu verbannen.

Aus dieser familiären und dennoch klar vom ersten Teil abweichenden Ausgangssituation spinnt Magee einen süßlich-bitteren Auftakt. Die Dynamik innerhalb der Banks-Familie ist respektvoll, dennoch wegen der vielen Stressfaktoren angespannt, und Whishaw sowie Mortimer ringen dem ein paar leise, charmante, Momente ab. Emily Blunt wiederum begeistert als Mary Poppins: Sie legt das fliegende Kindermädchen etwas anders an als Julie Andrews im Original, ohne aber so große Differenzen zu erzeugen, dass man die Figur nicht wiedererkennt. Sie adaptiert den stolzen, eleganten Gestus, den Andrews dieser Rolle mitgegeben hat, mit ihren eigenen Mitteln und ist als Poppins zunächst eine kleine Spur strenger. Sie verteilt kühlere Blicke und hält im alltäglichen Umgang mit der Familie Banks länger die Mundwinkel steif.

Im Gegenzug bezaubert es umso mehr, wenn ihre Augen vor Freude funkeln, etwa, wenn sich Mary Poppins rückwärts in eine Badewanne voller Abenteuer stürzt. Blunts Spiel ist zurückhaltend, und dennoch vibriert es vor Spielfreude und Magie – und es stärkt das anfängliche Versprechen, dass «Mary Poppins' Rückkehr» den alten Zauber einfängt, aber neue Tricks aufführt. Dieses Versprechen wird nach ein paar Lektionen Poppins' allerdings rüde gebrochen: Nach einem Ausflug in eine Zeichentrick-Wunderwelt, der sich anders gehabt als noch im Erstling, verlieren die «Mary Poppins' Rückkehr»-Schöpfer ihren ursprünglichen Kurs aus den Augen.

Der Rest des Films ist eine ohne eigene Seele versehene, erzählerisch notdürftig zusammengehaltene Abfolge von Humoreinlagen, Musicalnummern und Setpieces, bei denen es sich um fadenscheinige Abwandlungen ähnlicher Szenen aus dem Erstling handelt. Während Blunt unbeirrt weiter eine absolute Glanzleistung gibt, verblassen Mortimer und Whishaw angesichts dessen, dass das Drehbuch ihre Charaktere verwässert, und auch Lin-Manuel Miranda verliert die eigenen Akzente seiner Rolle, bis er nur noch Mimikry dessen betreibt, was Dick Van Dyke in «Mary Poppins» getan hat. Und die subtilen Bezüge, die «Mary Poppins' Rückkehr» zunächst aufs Heute nimmt, gehen ebenso verloren wie die Motivation von Colin Firths cartoonhafter Banker-Rolle. Ohne dramaturgischen Halt gerät «Mary Poppins' Rückkehr», aller spürbaren Liebe Rob Marshalls gegenüber dem Original zum Trotz, wiederholt außer Takt – und daran kann leider auch ein besonders dick aufgetragener Abschluss nichts ändern.

Disneys «Chicago» – und der Rest der Musicaleinlagen


Es mag unfair sein, aber es ist unvermeidlich, die Lieder in «Mary Poppins' Rückkehr» mit den genialen Stücken der Sherman-Brüder aus dem Originalfilm zu vergleichen – nicht zuletzt, da die Fortsetzung selbst schon so auffällig auf den Walt-Disney-Megaerfolg schielt. Bei dieser Gegenüberstellung können die neuen Lieder von Marc Shaiman & Scott Wittman jedoch nur verlieren, lassen die seichten Nummern doch zumeist den melodischen sowie den textlichen Pfiff missen, der die Sherman-Ohrwürmer ausmacht.

Vereinzelte Lieder stechen dennoch aus dem klanglichen Allerlei von «Mary Poppins' Rückkehr» heraus: "Can You Imagine That?" (in der deutschen Fassung: "Stellt euch das nur mal vor") ist ein großartiges Vehikel, um die Singstimme unserer neuen Mary Poppins vorzuführen und bezirzt mit einer mittelschnellen, munteren Melodie. Das Lied ist sogar so launig, dass es die enorme Fremdscham über die miesen Trickeffekte in der begleitenden Sequenz wenigstens etwas zu dämpfen vermag. Denn während dieses Songs schwimmt, fährt und taucht Mary Poppins durch eine unüberzeugend zusammengefügte, computeranimierte Trickwelt voller inkohärenter, digitaler Lichtgebung.

In der bereits besagten, überaus charmant gestalteten Zeichentrick-Wunderwelt stimmen die Komponenten hingegen: "A Cover is Not the Book" (bzw. "Der Einband kann täuschend sein") ist eine spaßige, leicht riskante Nummer voller Witz, bei der zudem Rob Marshall richtig aufzublühen scheint. Er orchestriert die fröhliche, mit Zeichentricktieren bevölkerte Szene als immer weiter ausufernde Vaudeville-Einlage und würzt dies ganz süffisant, dezent-frivol mit Referenzen an seinen Oscar-Abräumer «Chicago». Dies sollte in «Mary Poppins' Rückkehr» nicht nur die eigenwilligste Szene sein, sondern leider auch die letzte mit einer individuellen filmemacherischen Persönlichkeit. Und auch musikalisch lässt das von Oscar-Gewinnerin Sandy Powell mit so beeindruckenden, aussagekräftigen, fabelhaften Kostümen versehene Musical im Anschluss nach.

Zwar folgt recht kurz danach noch ein wenig eingängiges, jedoch rührendes Gute-Nacht-Lied, so sammeln sich aber die drei schlechtesten Songs von «Mary Poppins' Rückkehr» in dem Part nach dem Zeichentrickspaß: Meryl Streep keift und lacht sich durch eine anstrengende sowie uninspirierte Spaßnummer über eine schrille Verwandte unserer Titelheldin. Nicht lang danach verirrt sich der Film in eine langgezogene, inhaltlich verzichtbare Musicaleinlage, die das Lied der Schornsteinfeger aus Teil eins imitiert, aber den Pepp missen lässt. Und die große Finalnummer verliert musikalisch sowie vor allem in der filmischen Umsetzung jegliche Zurückhaltung, bis sie zur ungewollten Selbstparodie verkommt.

Die Choreografien jedoch sind zumeist sehr hübsch: Ihnen ist Marshalls große Erfahrung und seine Vergangenheit am Broadway anzumerken – altmodisch, aber nicht verstaubt, zelebrieren sie die Freude des minutiös einstudierten Tanzes. Und anders als in «Into the Woods» fängt Marshall diese Einlagen nicht zu bühnenhaft ein – gleichwohl verzichtet er auf den energetischen Schnitt aus «Nine». Marshalls getreuer Produktionsdesigner John Myre lässt sich ebenso wenig etwas anlasten: «Mary Poppins' Rückkehr» erzeugt auf haptischer Ebene eine durchweg glaubwürdige, detailverliebte Welt, die geräumige Sets und atmosphärische Außenaufnahmen nahtlos vereint – nur die Digitaltricks fallen halt häufig auf.

Fazit


Was wie eine bezaubernde Fortsetzung beginnt, wird schlagartig zu einem mechanischen Remake: «Mary Poppins' Rückkehr» verliert seine eigene Story und Tonalität aus den Augen, so dass dieses aufwändig und hübsch gestaltete Musical zur Nummernrevue verkommt. Emily Blunt jedoch ist hervorragend in der Titelrolle und szenenweise lässt «Chicago»-Regisseur durchschimmern, wie brillant sein «Mary Poppins»-Sequel sein könnte, hätte es sich durchweg gestattet, eigene Pfade entlang zu tänzeln.

«Mary Poppins' Rückkehr» ist ab dem 20. Dezember 2018 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
Quotermain
19.12.2018 09:26 Uhr 1
Zitat:
"...kein kalt kalkulierter, rein wirtschaftlich motivierter Schachzug..."

Wie sollte man bei einem Konzern wie Disney, wie er im Moment aufgestellt ist, überhaupt auf einen derart fiesen Gedanken kommen?
skyfreak1972
20.12.2018 11:00 Uhr 2
Also mal ehrlich, wie kann man eine Kritik von einer Seite ernst nehmen, die die herausragenden Qualitäten von Filmen wie A Quiet Place nicht erkennen? Ich war gestern in der Vorpremiere und habe einen wunderschönen Film gesehen. Punkt.
Sid
20.12.2018 14:11 Uhr 3
Der erste Schritt wäre es, sich nicht kurzargumentativ auf den Schlusstenor zu versteifen und mit der Schlussfolgerung "Ich finde Film X super, die fanden Film X enttäuschend, also sind die doof und haben nicht nur bei dem Film Unrecht, sondern sind generell ahnungslos" anzukommen. Der nächste Schritt wäre es, stattdessen mehr auf die Hinleitung der Kritiken zu achten. "A Quiet Place" wurde von mir für Blunts Spiel, die Weltenbildung, das Konzept und den ersten Akt intensiv gelobt - ich würde mutmaßen, dass das alles zu den herausragenden Qualitäten des Films gehört, von denen du sprichst.

Ich kritisiere "A Quiet Place" gleichwohl für seinen zwar interessanten, meiner Ansicht nach jedoch deplatziert-lärmenden Score und seinen den inszenatorischen Anspruch des Auftakts aufgebenden Abschluss. Dem musst du nicht zustimmen, allerdings halte ich es für sehr engstirnig, eine derart ausdifferenziert erläuterte Filmbesprechung als Argument zu sehen, direkt die ganze Seite zu diskreditieren.

Ähnliches gilt für "Mary Poppins' Rückkehr", dem ich diverse starke Pro-Argumente attestiere. Sets, Blunt, Kostüme, die erste Filmhälfte, die Zeichentrickszene. Danach halte ich ihn für eine Kopie des ersten Films, die ihre eigene Story außer acht lässt. Das kann einen ja noch immer verzaubern, und das ist völlig in Ordnung. Trotzdem unterscheidet sich das Skript in seiner Eigenständigkeit, wie es vor und nach der Trickszene ausfällt. Ich zeige das auf, und komme in meiner Kritik zu einem Schluss und die einen werden sagen: "Stimmt, dazu kam es bei mir auch" und dann gibt es jene, die wie du urteilen und sagen: "Aha, schade für euch."

Basierend auf diesen Beobachtungen könnte man einen spannenden Diskurs suchen. Oder man mosert einfach, weil ich einen Film trotz sehr starker Pluspunkte, die ich auch benenne, unterm Strich aufgrund seiner zweiten Hälfte enttäuschend finde, während man selbst wunschlos glücklich ist. Ist wohl einfacher so.

Aber was erwartest du bitte? Es geht in der Filmkritik nicht darum, dass ich magischerweise mit jeder Kritik deine Benotung jedes Films illustriere und seltsamerweise auch die Benotung jeder anderen Userin und jedes anderen Users. Wie soll ich das denn hinbekommen? :lol:

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