Die Kino-Kritiker

«Spider-Man - A New Universe» - Reizüberflutung oder Geniestreich?

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In «Spider-Man: A New Universe» steht nicht bloß ein einziger Superheld im Mittelpunkt, sondern gleich die mehrmalige Verkörperung ein und derselben Figur. Doch was kann der Film noch, außer ein zweistündiger Metakommentar auf das Marvel-Universum zu sein?

«Spider-Man - A New Universe»

  • Start: 13. Dezember 2018
  • Genre: Animationsfilm/Abenteuer
  • Laufzeit: 117 Min.
  • FSK: 6
  • Musik: Daniel Pemberton
  • Buch: Phil Lord, Rodney Rothman
  • Regie: Bob Persichetti , Peter Ramsey, Rodney Rothman
  • OT: Spider-Man: Into the Spider-Verse (USA 2018)
Nicht nur die Filme innerhalb des Marvel Cinematic Universe springen von Beitrag zu Beitrag munter durch die Genres, auch die (noch) an andere Studios ausgelagerten Marken haben sich in der Vergangenheit vor allem dadurch hervorgetan, ein wenig Varianz zum handelsüblichen Superheldenallerlei zu bieten. Unter der Flagge von 20th Century Fox startete mit «Deadpool» beispielsweise die erste R-Rated-Superheldenkomödie auf Basis einer Figur, die aus dem Geburtshaus der Avengers stammt. Und auch «Logan» entsprach in seiner düsterromantischen Western-Ästhetik so gar nicht dem Usus aktueller Popcornunterhaltung. Sony Pictures hat Mitte dieses Jahres nicht ganz so viel Mut bewiesen: War «Venom» doch ursprünglich als mindestens genauso harter Antiheldenfilm angedacht, wurde der parasitär befallene Tom Hardy letztlich doch nur in einer wenig zufriedenstellenden PG-13-Fassung auf die Zuschauer losgelassen. Das Ergebnis war zwar keine Vollkatastrophe, aber blieb trotzdem weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Das lässt sich für die neueste Marvel-Produktion aus dem Hause Sony nun beim besten Willen nicht mehr behaupten: Wer dachte, der Konzern habe sich in den vergangenen Jahren bereits genug an der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft abgearbeitet, den belehren die Regisseure Bob Persichetti, Peter Ramsey («Die Hüter des Lichts») und Rodney Rothman mit «Spider-Man: A New Universe» eines Besseren, denn einen Film wie diesen hier gab es bislang einfach noch nicht.

Nicht ein, nicht zwei, nicht drei...


Der Teenager Miles Morales lebt ein ganz normales Leben in Brooklyn, bis er bei einem nächtlichen Graffiti-Streifzug unter die Erde von einer mysteriös leuchtenden Spinne gebissen wird. Fortan besitzt er die Kräfte, von denen er glaubte, nur sein Lieblingsheld Spider-Man sei mit diesen ausgestattet – und der ist erst vor wenigen Tagen bei einem dramatischen Zwischenfall ums Leben gekommen. Während sich Miles mit seinen neuen Fähigkeiten zu arrangieren versucht, geschehen in der Stadt seltsame Dinge: Mitten in Brooklyn hat sich eine Art Portal geöffnet, durch das verschiedene Spinnenmenschen aus allen möglichen Universen vereint werden – unter ihnen auch der tot geglaubte Spider-Man Peter Parker. Gemeinsam mit Spider-Gwen, Spider-Man Noir und noch einigen anderen skurrilen Comicgestalten setzt Miles alles daran, jeden von ihnen wieder in ihr jeweiliges Universum zu befördern, das Portal zu schließen und dem Schurken Kingpin für immer das Handwerk zu legen.

«Spider-Man: A New Universe» basiert auf dem sämtliche Inkarnationen der Spider-Man-Figur erwähnenden «Spider-Verse»-Event aus dem Jahr 2014, zu dem unter anderem die fünfteilige Comicbook-Reihe «Edge of the Spider-Verse» gehört. Jeder Band stellt eine andere Verkörperung des bekannten Spider-Man-Helden vor, die in dem anschließenden, insgesamt sieben Bände umfassenden Abenteuer «Spider-Verse» eine wichtige Rolle spielen und sich darin gemeinsam verbünden müssen, um einen mächtigen Feind zu besiegen. Zumindest von der Grundidee her stand das Event für den Film Pate: Hier treffen ebenfalls verschiedene Spider-Man-Varianten aufeinander um gegen einen übermächtigen (und leider sehr austauschbar motivierten) Bösewicht zu kämpfen. Gleichzeitig ist «Spider-Man: A New Universe» im Kern eine viel konventionellere Heldengeschichte als es die absurd klingende Prämisse ankündigt. Mit Miles Moralis hat der Film einen klar definierbaren Protagonisten. Peter Parker als die beste Zeit hinter sich gelassener, „klassischer“ Spider-Man übernimmt die Aufgabe des Mentors, Gwen Stacey, Spider-Man Noir, Peni Parker und Spider-Ham sind Sidekicks; nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Allein die Zusammensetzung dieser tonal vollkommen verschiedenen Spider-Man-Variationen birgt selbstverständlich genug Zündstoff für Meta-Humor und Selbstreflexion. Doch nach der anfänglichen Überraschung und dem gemeinsamen Ausloten individueller Vor- und Nachteile der einzelnen Figuren pendeln sich die Anspielungen und Meta-Gags auf dem soliden Niveau eines «The LEGO Movie» ein, bei dem sich die Macher leider früh darauf verlassen, dass die kuriose Prämisse allein sicher schon lustig genug sein wird. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass gerade im Detail, etwa im Hinblick auf das Auftreten bekannter Figuren, Fanservice geboten wird, der Liebhaberherzen (zu Recht) höher schlagen lässt.

Ein Fest für Fans, ein Graus für Epileptiker


Der Vergleich mit «The LEGO Movie» kommt natürlich nicht von ungefähr: Für die Produktion und Teile des Drehbuchs von «Spider-Man: A New Universe» zeichneten nämlich die «LEGO Movie»-Masterminds Phil Lord und Christopher Miller verantwortlich. Wie man es von den beiden kennt, sprüht «Spider-Man: A New Universe» an allen Ecken und Enden vor kreativen Ideen – und ruht sich gleichzeitig zu oft genau darauf aus. So amüsant und gewitzt die Interaktion unter den Spider-Man-Figuren hier auch sein mag, so wenig Variation bringen die Autoren in die eigentliche Story. Denn trotz eines sehr einprägsam inszenierten, emotionalen Paukenschlags zu Beginn des Films, in dem Spider-Man nicht bloß vor den Augen des Zuschauers getötet, sondern sein Tod sogar von der ganzen Stadt betrauert wird, kehren die Macher viel zu schnell auf bewährtes Terrain zurück. Da kann das altbekannte Credo „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung!“ mit noch so viel Augenzwinkern vorgetragen werden: Am Ende nimmt es dieser Film ernster als jeder andere Film zuvor.

Das ist auf der einen Seite bemerkenswert, denn trotz der offensichtlichen Blödelei, die in «Spider-Man: A New Universe» klar im Fokus steht, verlieren die Verantwortlichen nie den Ursprung des Comicuniversums aus den Augen. Und doch fühlt sich der Film bisweilen an wie eine Mogelpackung, denn die Varianz des Stoffes geschieht lediglich auf oberflächlicher Ebene, im Kern hat man das hier alles schon dutzendfach gesehen – nur eben ohne alle drei Sekunden eine neue Meta-Anspielung präsentiert zu bekommen.

Wo wir gerade bei Oberfläche sind: Wodurch sich «A New Universe» klar von den bisherigen «Spider-Man»-Leinwandadaptionen abhebt, ist natürlich die Optik. Eins zu eins der inneren wie äußeren Logik eines Comicbuchs (und eben auch der stilistischen Historie der Vorlage) entlehnt und auf elegante Weise zum Leben erweckt, ist dieser Film die Quintessenz dessen, woran man vermutlich in Zukunft denken wird, wenn man davon spricht, dass ein Comic verfilmt wurde. Das hat übrigens sowohl Vor-, als auch Nachteile: Wenn hier Gedankenblasen und die Lautmalerei krachender Geräusche ganz selbstverständlich in die Welt integriert werden, ergibt sich oftmals schon allein hieraus (visueller) Humor; hin und wieder werden auch Seiten umgeblättert, oder die Kamera zoomt so lange aus der Szenerie heraus, bis man erkennt, dass sich alles nur in einem Comic abspielt. Es ist die Liebe zum Detail und das genaue Wissen um das zu adaptierende Medium, die Lord und Miller zu solchen Meistern auf ihrem Gebiet der Inszenierung machen.

Weniger gelungen ist dagegen die optische Qualität im Gesamten. Die Bewegungen der Figuren wirken abgehackt und das Bild ist so sehr auf den 3D-Effekt ausgelegt, dass Vorder- und Hintergrund in der 2D-Version klar voneinander getrennt sind, was immer wieder drastische Unschärfen zur Folge hat. Gemessen an seinen bisherigen Kompositionen, ist auch der Score von Komponist Daniel Pemberton («King Arthur: Legend of the Sword») eine Enttäuschung. Dessen theatralische Orchesterkompositionen mäandern irgendwo zwischen lärmend und austauschbar – seine energetische, klar strukturierte Handschrift sucht man hier ausnahmsweise vergebens.

Gleichzeitig passt dieser musikalische Brei aber auch sehr gut zu den Szenen, in denen er angewandt wird. «Spider-Man: A New Universe» arbeitet nämlich nicht bloß auf einen spektakulären Showdown hin (den gibt es auch, keine Sorge!), sondern liefert direkt mehrere krachende Actionsetpieces ab, die alle von unterschiedlicher Qualität sind, oder besser: sein könnten. Das Problem: Während sie sich in Aufbau und Ausführung alle sehr klar voneinander unterscheiden und die Macher die Stärken ihrer durch das Stilmittel Animation quasi ungehinderten Kreativität freien Lauf lassen können, plustert sich am Ende doch immer alles zu einer gleichermaßen hektisch wie unrhythmisch geschnittenen und in grellen Farben gehaltenen Hysterieexplosion auf, die mitunter so unübersichtlich und lärmend ausfällt, dass sie gar einer Epileptikerwarnung bedürft hätte. Im Comic ist fehlende Übersicht nicht das Problem; hier kann jeder ganz nach eigenem Ermessen so lang an dem entsprechenden Strip verharren, bis er alle Details erfasst hat. In Filmform dagegen überflutet dieser Stil den Zuschauer mit schier endlosen Reizen. Die einen werden genau diese Reize lieben, die anderen hassen – beides ist nachvollziehbar.

Fazit


«Spider-Man: A New Universe» ist eine durch den Meta-Fleischwolf gedrehte Superheldengeschichte nach Schema F, bei dessen Inszenierung Zuschaueraugen leuchten werden – entweder, weil man sich über all das freut, was man da geboten bekommt, oder weil einem die Synapsen durchknallen.

«Spider-Man: A New Universe» ist ab dem 13. Dezember bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen – auch in 3D!

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