Serientäter

Wunder warten, doch noch nicht jetzt: Wohin geht’s, «Babylon Berlin»?

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«Babylon Berlin» nähert sich nun auch im deutschen Free-TV dem Ende seiner zweiten Staffel. Aber wohin führt die Zukunft der aufwändigen Ausnahmeserie?

Zu Asche, zu Staub: Was wir schon wissen


Fest steht: Ja, es geht weiter. Entsprechendes Gemunkel ging bereits 2017 los, im Sommer dieses Jahres folgten dann auch die heiß ersehnten, hochoffiziellen Statements der Serienverantwortlichen. Darüber hinaus ließ Tom Tykwer bereits verlautbaren, dass er, Achim von Borries sowie Hendrik Handloegten in der dritten Staffel unter anderem Motive aus Volker Kutschers Gereon-Rath-Roman «Der stumme Tod» übernehmen werden. Volker Bruch ist bereits für eine Rückkehr in die Rolle des zerknirschten und morphiumsüchtigen Kommissars bestätigt. Außerdem wird Liv Lisa Fries erneut vor der Kamera stehen, die sich als Charlotte 'Lotte' Ritter in den ersten beiden Staffeln als die wahre «Babylon Berlin»-Hauptdarstellerin erwiesen hat.

Sofern die Serienverantwortlichen die Handlungsverläufe von Kutschers Romanen übernehmen, wird Staffel drei rund zehn Monate nach dem Ende der zweiten Season einsetzen. Wir schreiben dann das Jahr 1930. Eine kommunistische Gruppe überfällt den Nationalsozialisten Horst Wessel, der später an seinen Verletzungen stirbt – ein Tod, den die NSDAP instrumentalisiert, so dass Wessel als Märtyrer betrachtet und der Rechtsruck im Deutschen Reich befeuert wird. Die Große Koalition zerbricht, weil sich die SPD und die DVP über das Thema 'Finanzierung von Sozialleistungen' zerstreiten. Und bald darauf wird die NSDAP bei der Wahl zur zweitstärksten Partei ...

Rath wird, während sich all dies abspielt, damit beauftragt, an einem Filmset zu ermitteln, an dem eine namhafte Schauspielerin von einem Scheinwerfer erschlagen wurde. Während manche von einem fatalen Unfall ausgehen, steht der bedrückende Verdacht im Raum, es handle sich um einen Mordfall. Wie Tykwer bereits andeutet, wird Raths Drogensucht während der Behandlung dieses Falls noch schlimmer – und er ist damit nicht allein. Die massenhafte Verbreitung von Heroin in unseren Breitengraden zu Beginn der 1930er-Jahre wird in Staffel drei laut Tykwer explizit thematisiert …

Es ist doch nur ein Traum: Was sich daraus spinnen ließe


Die Roaring Twenties, die Zeit der Vergnügungssucht, während Demokratie und Frieden dem Abgrund entgegen rauschen, was kaum jemand bemerkt: Einer der Reize von Volker Kutchers erstem Roman und der ersten beiden «Babylon Berlin»-Staffeln ist die hochbittere, dramatische Ironie, dass sich die Figuren dem ihnen nahenden Grauen nicht bewusst sind. Die mindestens ebenso bittere Dramatik an dieser Ironie: Wir sind den «Babylon Berlin»-Figuren, und somit den Ereignissen, die etwas weniger als 100 Jahre zurückliegen, wesentlich näher als uns lieb sein dürfte. Eine sich bestens unterhaltende Gesellschaft, innerhalb der es rumort. Extreme Rechtspolitik erstarkt, doch wenn von drohender Gefahr die Rede ist, wird vielerorts zuerst schockiert und erbost nach links geblickt. Und so ausgelassen die Partys sein mögen, herrscht in der Gesellschaft ein stetes Gefühl der Paranoia vor …

Dieser beunruhigende, faszinierende Aspekt an «Babylon Berlin» könnte in weiteren Staffeln noch stärker ausgebaut werden. Nicht nur, weil aus den sanften Parallelen zwischen Serienstoff und Gegenwart erst während der Dreharbeiten an den ersten beiden Seasons offensichtliche Parallelen wurden, und die Serienmacher daher erst jetzt den Vorteil (oder gar die Verantwortung) haben, aus den jüngsten Erkenntnissen kreativ zu schöpfen. Sondern auch, weil die Handlung der dritten Staffel sich noch deutlicher dafür anbietet.

Das anspruchsvolle europäische Kino 1920er- und der frühen 1930er-Jahre war auch geprägt von einer unterschwelligen Angst, einer Vorahnung. Ob Dr. Caligari, «Dr. Mabuse, der Spieler», «Nosferatu» oder etwa «Im Dunkel der Nacht»: Ein unerkanntes Grauen nähert sich. Nicht unähnlich der Filmlandschaft heute. Filme wie «Er ist wieder da», «Heil», «Der Hauptmann» oder «Elser – Er hätte die Welt verändert» und auch Fernsehproduktionen wie halt «Babylon Berlin» warnen vor einem Wiedererstarken des Nationalpopulismus, des Hasses – und allen Warnungen zum Trotz wird er größer und größer. Das bietet riesiges Erzählpotential, wenn «Babylon Berlin» auf die Filmlandschaft 1930 eingeht und so unter dem Deckmantel historischer Fiktion das Heute sowie sich selbst reflektieren kann.

So ließe sich auch etwas Ballast aus den ersten beiden Staffeln abwerfen: «Babylon Berlin» ist am wenigsten interessantest, wenn es zwischenzeitlich zu einem alltäglichen Kriminalfilm mit 1920er-Mode wird. Die Krimi-DNA lässt sich aufgrund der zentralen Figur nicht völlig von «Babylon Berlin» trennen, zudem ist das Element der Tätersuche ein verlässlicher Schlüssel, um Türen zu menschlichen Abgründen zu öffnen. Jedoch verlieren sich die ersten beiden «Babylon Berlin»-Staffeln (vor allem die zweite Hälfte der Auftaktstaffel) arg in diesem publikumstauglichen Aufhänger. DasFormat drosselt so seine kreative Freiheit. Das Thema Film jedoch bietet so viel Glanz, Glamour und Unterhaltungspotential, dass das Milieu der dritten Staffel bereits als Publikumsköder fungieren könnte, so dass das Lockmittel "Schaut «Babylon Berlin», es ist ein Krimi!" nicht mehr überreizt werden muss.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Familie Tschiep
27.10.2018 14:53 Uhr 1
Ich freue mich auf weitere Staffeln, denn es ist interessant, wie der politische Wandel sich auf die Figuren auswirkt.

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