Die Kritiker

«Angst in meinem Kopf»

von

Eine Gefängniswärterin macht für ihre Knackis Kurierdienste und ist überrascht, als sie von ihnen damit erpresst wird. Eine intellektuelle Zumutung – für Hauptfigur und Zuschauer gleichermaßen.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Claudia Michelsen als Sonja Brunner
Ralph Herforth als Michael Zeuner
Matthias Koeberlin als Jens Brunner
Charly Hübner als Robert Sturm
Torsten Michaelis als Walter Thiel
Marco Hofschneider als Joachim Feininger
Adrian Topol als Frank Albrecht

Hinter der Kamera:
Produktion: Filmpool Fiction GmbH
Drehbuch und Regie: Thomas Stiller
Kamera: Marc Liesendahl
Produzentin: Iris Kiefer
Sonja Brunner (Claudia Michelsen) arbeitet schon seit einiger Zeit als Schließerin in einer Justizvollzugsanstalt (auch wenn sie diese Berufsbezeichnung hasst). Ein besonders brutaler Häftling, Michael Zeuner (Ralph Herforth), wagt einen Fluchtversuch und nimmt sie dabei zusammen mit einigen ebenso hilflosen Kollegen als Geiseln. Bald stürmt die Polizei, Sonja kommt als einziges der Opfer körperlich unverletzt aus der Situation, aber das seelische Trauma sitzt tief. Sie lässt sich in die niedersächsische Provinz versetzen; ihr Mann und ihre Stieftochter ziehen widerwillig mit.

Weil Sonja nicht nur traumatisiert, sondern auch ein bisschen doof ist, lässt sie sich bald breitschlagen, einem nicht unsympathischen, vielleicht gar charismatischen Insassen ein paar Gefälligkeiten zu erweisen: Backpulver in den Knast schmuggeln etwa, damit die schweren Jungs einem der Wärter einen Überraschungskuchen backen können. Der Insasse zeigt sich bald erkenntlich und vermittelt Sonja einen Kumpel, der ihr billig – und natürlich völlig legal – einen Gebrauchtwagen vermittelt. Das kommt wie gerufen, denn weil man sich von der Besoldung als frisch versetzte Schließerin keine Yacht leisten kann und ihr Ehemann den Tag damit verbringt, amateurhafte Romane von sich abzusondern, ist im Hause Brunner die Kohle knapp.

Jeder außer der intellektuell besonders schwerfälligen Sonja kann ahnen, wohin das führen wird: Die Knackis werden von ihr immer mehr Kurierdienste verlangen und sie ihr notfalls mithilfe ihrer bisherigen Rechtsbrüche abpressen. Sollte sie sich weigern, werden sie ihr systematisch das Leben zur Hölle machen.

Störend an dieser Geschichte ist weniger ihr von Anfang an offensichtlicher Verlauf, sondern vielmehr der exkulpierende Duktus, der Sonja Brunners Verhalten systematisch entschuldigen soll. Das Drehbuch lässt kaum ein Motiv aus, um seine Hauptfigur als Opfer äußerer Umstände darzustellen, und geht fast so weit, ihr einen eigenen Willen abzusprechen. Dass an ihr ein schreckliches Verbrechen begangen wurde, lässt sie freilich tiefes Mitgefühl verdienen. Doch dass sie sich aus kaum begreiflicher Dummheit zum Büttel von Schwerverbrechern macht, ist doch ihre eigene Schuld.

Diese realitätsverzerrende Wertung ist nicht nur dramaturgisch und thematisch sonderbar, sondern im Hinblick auf die Konstellation „Frau in konfrontativem Männerberuf“ unanständig tendenziös, weil sie eine eigentlich starke weibliche Figur ihrer gesamten Handlungsmacht beraubt und sie als armes Opfer darstellt: Dabei ist sie kein Opfer, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie an dem intellektuell überschaubaren Schritt scheitert, die offensichtlichsten Konsequenzen ihrer saugefährlichen Rechtsbrüche kommen zu sehen.

Dieser Problemstellung ist sich der Film sogar bewusst. Doch er ist nicht bereit, sie eingehend zu thematisieren, und nimmt sie lieber als plakativen Vorwand, um didaktisch ein paar abgeschnittene Zöpfe vorzutragen: „Turnt euch Frauen das an?“, muss Sonja sich von einem Freund fragen lassen, der bei einer weiblichen Schließerin im Männerknast nur an eine säftelnde infantile Erotik denken kann. Hauptsache, ihr Mann Jens (Matthias Koeberlin) hat danach Gelegenheit, den Beschützer raushängen zu lassen und vorsichtig durchklingen zu lassen, dass ihn das ja schon irgendwie störe, seine Frau den ganzen Tag unter gemeingefährlichen Typen.

Nur in einer Figurenkonstellation geht der Film über seine kindische Küchenpsychologie hinaus und wagt ein Minimum an Komplexität: Der einzige Häftling, zu dem Sonja in ihrem neuen Knast auch auf einer persönlichen Ebene Zugang findet, ist Robert Sturm (Charly Hübner), ein kluger, eloquenter, ja menschlicher Triebtäter, der mehrere Frauen bestialisch ermordet hat. Obwohl er zu Beginn als langhaariger Hannibal Lecter für Arme eingeführt wird, erlaubt ihm das Drehbuch zunehmend Komplexität, und kann auch der Versuchung widerstehen, den scheinbaren Widerspruch zwischen seiner persönlichen Sanftheit und seiner viehischen perversen Mordlust aufzulösen. Die wenigen aufrichtig psychologischen Momente dieses Films ergeben sich aus den Dialogszenen zwischen diesen beiden Figuren. Der Rest dagegen ist ein Fall für die televisionäre Sicherheitsverwahrung.

Das Erste zeigt «Angst in meinem Kopf» am Mittwoch, den 10. Oktober um 20.15 Uhr.

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