Serientäter

'Ja, Rian, ich hab's kapiert!', oder: Die einzige schlechte Episode von «Breaking Bad»

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Bevor er mit «Star Wars – Die letzten Jedi» Monate an wütenden Internetdiskussionen auslöste, spaltete Rian Johnson bereits die Fanbase von «Breaking Bad».

Rian Johnson ist ein starker Regisseur. Sein erster Langfilm, «Brick», ist eine smarte Verquickung aus High-School-Drama und einem ins Heute verlagerten Film noir, eingefangen in atmosphärisch stimmigen, originellen Bildeinstellungen. Sein dritter Kinofilm, der Science-Fiction-Thriller «Looper», gilt als moderner Genreklassiker und eine der packendsten Zeitreisegeschichten, die das Medium Film zustande gebracht hat. Und Rian Johnson inszenierte zudem die sagenumwobene «Breaking Bad»-Episode «Ozymandias», die nicht nur einen Wert von 9,9/10 Punkten bei IMDb hat und von vielen «Breaking Bad»-Fans als Höhepunkt der gefeierten Dramaserie bezeichnet wird – sie wurde zudem wiederholt als eine der besten TV-Folgen überhaupt gewürdigt, so etwa hier.

Johnson hat allerdings zudem ein Händchen dafür, kontroverse Publikumsreaktionen zu provozieren. Seit Dezember 2017 schwillt in der online aktiven Filmgemeinde ein lautstarker Zank darüber, ob «Star Wars – Die letzten Jedi» einer der besten oder einer der schlechtesten «Star Wars»-Filme ist. Und die Fronten verhärten sich nur.

Nicht wenige Kinoanalysten mutmaßen, dass die in zwei Extreme tendierende Rezeption auf «Die letzten Jedi» am enttäuschenden Einspielergebnis von «Solo: A Star Wars Story» Schuld trägt. Extrem verärgerte Fans behaupteten, nach Johnsons Film mit «Star Wars» abgeschlossen zu haben, während «Solo» für «Die letzten Jedi»-Begeisterte zu konventionell aussah. Aber bevor Johnson die «Star Wars»-Fangemeinde entzweit hat, sorgte er schon auf einem anderen Spielfeld für zwiegespaltene Gemüter. Bei «Breaking Bad». Ja. Bei der Serie, bei der Johnson einen gigantischen Triumph gefeiert hat.

Die Rede ist von der Episode «Fly». Es ist die insgesamt 30. Folge, respektive die zehnte Folge aus Staffel drei der von Vince Gilligan erdachten Serie über Chemielehrer Walter White (Bryan Cranston), der nach seiner Krebsdiagnose beschließt, Crystal Meth herzustellen und zu verkaufen, um finanzielle Rücklagen für seine Familie zu schaffen. Die Episode kommt zu einem Zeitpunkt im Serien-Handlungsbogen, an dem Walter bereits allerlei dubiose bis unverzeihliche Dinge vollbracht hat, um seinen Stand im Drogengeschäft zu festigen, und zu dem sich bereits abzeichnet, dass Walter sich in seiner Rolle als Drogenbaron gefällt.

Die Episode «Fly» entstand in Mitten der sich zuspitzenden Story aus reiner Verlegenheit: Mit den vorhergegangenen Folgen aus Staffel drei hat das Team rund um Gilligan sein Budget maßlos überzogen. Um für den Rest der Staffel wieder in den genehmigten Rahmen zu gelangen, musste dringend eine sogenannte Flaschenepisode her – eine Folge, die auf beengtem Raum stattfindet, einen reduzierten Cast verwendet und somit kostengünstig zu produzieren ist. «Fly» verfolgt dieses Konzept äußerst streng und spielt größtenteils in Walter Whites Methlabor. Nach Erstellung einer weiteren Charge zusammen mit seinem Partner Jesse (Aaron Paul) bemerkt er, dass sie nicht seinen Qualitätserwartungen entspricht. Daher beschließt er, Überstunden zu schieben und nachts allein im Labor nach der Fehlerquelle zu suchen – als ihm eine Fliege auffällt, die durch das vermeintlich klinisch saubere Labor summt. Es beginnt eine Parade an zunehmend halsbrecherischeren Versuchen, das Insekt totzuschlagen, gelegentlich unterbrochen durch Gespräche zwischen Walter und einem zurückgekehrten Jesse …



Mit einem IMDb-Rating von 7,6 ist «Fly» die am schlechtesten benotete «Breaking Bad»-Serie auf dem Userportal, Tasha Robinson vom 'A.V Club' nannte sie die den Tiefpunkt der Serie und Diskussionsportale wie 'reddit' sind voll mit Zuschauerkommentaren, die «Fly» in der Luft zerreißen. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche Fans und TV-Kritiker, die diese Folge als genial, untypisch und smart feiern und daher zu den Highlights der «Breaking Bad»-Historie zählen und als eine der besten Flaschenepisoden überhaupt sehen. Das erinnert doch ziemlich an die zwiegespaltene Reaktion auf «Star Wars – Die letzten Jedi» …

Und im Falle von «Fly» bin ich vollkommen auf der Seite der Nörgler: «Fly» ist für mich mit großem Abstand der Tiefpunkt der Serie, die ich sonst zum Besten zähle, was es in Serienform je zu sehen gab. Mein Problem mit der Folge ist aber nicht der Mangel an Action, den manche Kritiker ankreiden. «Breaking Bad» ist für mich durchweg eine charaktergesteuerte Serie, da brauche ich nicht stets Zeter und Mordio. Mein Grundproblem mit der Episode ist, dass ich mich wie mit einer Wagenladung an Fliegenklatschen malträtiert fühle: «Fly» haut einem eine tiefere Bedeutung um die Ohren, immer und immer wieder – obwohl die große, erschreckende Erkenntnis dieser Flaschenepisode von blamabler Offensichtlichkeit ist.

Andauernd denkt Walter in der Folge über vergangene Fehltritte nach, wird an sie erinnert oder verheddert sich mit Jesse in Diskussionen darüber. Schnitt, Gedankenpause, die Fliege schwirrt durch den Raum und Walter jagt ihr über jeder Gebühr der Vernunft hinterher. Er bringt sich im Laufe seiner slapstickartigen Fliegenjagdeskapaden sogar mehrmals leichtsinnig in Lebensgefahr. Pause, Sinnieren, wieder summt die Fliege herum.

Die Fliege, dieser winzig kleine Störfaktor in seinem Königreich namens Drogenküche, symbolisiert sein Gewissen. Es meldet sich immer wieder zu Wort, nervt ihn in seinen Schandtaten, doch er kann es einfach nicht ausschalten, ebenso wenig wie es ihm gelingt, die Fliege zu erledigen. Und die übertriebene Art, mit der er ihr nachjagt, verdeutlicht Walts obsessive Art. Stoff genug für einen symbolisch aufgeladenen Akt einer Episode, nicht aber für 47 Minuten mit ungelenken Dialogen und einer Parade an albernen, kurzsichtigen Versuchen, die Fliege zu töten. Walter White, Verbrechergenie, bringt sich beinahe um, um einer Fliege nachzujagen. Klar …

Mir egal, wie sehr Rian Johnson dies mittels exzentrischer Kameraeinstellungen und visueller Referenzen auf semi-vergessene Filmklassiker symbolisch auflädt – die Aussage, Walters Ankämpfen gegen seine Gewissensbisse würde ihn fast umbringen, steht auf der Handlungsebene in einem zu krassen Widerspruch damit, dass Walter White sich niemals so kopflos verhalten würde. Die Episode sticht auch brutal aus den vorhergegangenen und nachfolgenden Folgen heraus, in denen sich dieser theatrale Kampf "Walter White gegen sein Gewissen" nicht nennenswert äußert.

Während im Mikrokosmos vielleicht Nuancen bezüglich Walters und Jesses Charakterisierung vorangetrieben werden, steht in «Fly» der «Breaking Bad»-Makrokosmos erstmals und letztmals vollkommen still – selbst wenn Johnsons verspielte Regieführung und das betont dramatische Flair dieser Episode anderes zu verkaufen versuchen. Was Parallelen zu «Star Wars – Die letzten Jedi» aufweist, der groß von der Wichtigkeit des Veränderns tönt und dann davor zurückschreckt, die Filmreihe in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Aber: Dies ist zu gewissem Grad nur Zufall. Denn während Johnson «Star Wars – Die letzten Jedi» inszeniert und geschrieben hat, stammt das Drehbuch zu «Fly» von Sam Catlin und Moira Walley-Beckett. Es ist also keine wiederkehrende Schwäche in Johnsons Fähigkeiten als Autor. Trotzdem ist es ein spannender Zufall, dass er durch sein inszenatorisches Können nun schon zwei Mal inhaltlichen Leerlauf aufgehübscht sowie überdramatisiert hat und beide Male damit die Fanbase der jeweiligen Popkulturmarke gespalten hat. Aber, hey, vielleicht wird sein nächstes Projekt keine «Fly»-Wiederholung, sondern wieder etwas vom Kaliber eines «Brick» oder «Looper»?

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