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„Winning“: Sheen blödelt in «Anger Management» weiter

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In den nächsten zwei Jahren bekommt Charlie Sheen viel zu tun: Bei «Anger Management» wird er noch 90 Mal als Therapeut Charlie Goodson blödeln. Aber könnte Sheen auch das gesamte Sitcom-Genre therapieren? Ein Blick auf die Quoten der ersten Staffel und das, was kommt.

Am Ende stand die Zahl 1,98: So viele Zuschauer hatte die zehnte und vorerst letzte Folge von Charlie Sheens Sitcom «Anger Management» in der vergangenen Woche. Für den Sender FX ist dies eigentlich eine hervorragende Reichweite – selten haben andere Programme des Senders ähnlich hohe Werte. Doch mit Sheen ist alles irgendwie ein bisschen anders, denn bei diesem Hollywoodstar sind einfach etwas andere Maßstäbe anzulegen als bei jedem anderen gewöhnlichen Schauspieler

Sicher also: 1,98 Millionen Zuschauer sind stark. Aber «Anger Management» begann bei 5,74 Millionen, welche die erste Doppelfolge der neuen Sitcom gesehen hatten. Zugegebenermaßen war dies damals die höchste Zuschauerzahl für eine Comedy-Premiere im US-Kabelfernsehen – aber de facto hat Charlie Sheen alias Anti-Agressionstherapeut Charlie Goodson innerhalb weniger Wochen fast zwei Drittel seiner Zuschauer verloren. Viele andere Serien wären im Networkfernsehen für Erosionen solchen Ausmaßes längst abgesetzt worden. Zumal die 1,98 Millionen Zuschauer für das Staffelfinale einen neuen Negativrekord abseits der Olympischen Spiele bedeuteten – trotz Gaststar Martin Sheen, den Vater von Charlie, der den Sitcoms seines Sohnes immer mal wieder Besuche abgestattet hat.

Letztlich haben die durchschnittlichen Zahlen aber ausgereicht, damit FX sein Wort hält und 90 (!) weitere Episoden bestellt. Denn vertraglich hatten Sheens Produktionsfirma und der Sender festgelegt, dass FX genau diese hohe Anzahl von Folgen ordert, sollten die ersten Sendungen über einem bestimmten Quotenniveau liegen. Öffentlich bekannt wurde nie, welche Marke Sheen hat knacken müssen – fest steht nur, dass die ersten beiden Folgen, die eben jene 5,74 Millionen Menschen sahen, fairerweise nicht in die Berechnung einflossen. Und dass die Schwelle des Erfolgs laut FX-Chef Chuck Saftler ziemlich hoch gelegen haben muss, wie dieser in kryptischen Worten verlauten ließ: „Wir haben eine sehr hohe Quotenbarriere festgesetzt, die einige zusätzliche Hürden für «Anger Management» beinhaltete, damit es sich seine 90-Episoden-Bestellung verdient – und die Serie hat diese Maße erfüllt und übertroffen.“

Laut FX haben durchschnittlich 4,53 Millionen Menschen die ersten zehn Folgen von «Anger Management» gesehen, davon 2,5 Millionen werberelevante 18- bis 49-Jährige. Damit ist die Sheen-Sitcom der erfolgreichste Comedy-Neustart 2012 im Kabelfernsehen der USA. Geplant ist nun, dass die kommenden 90 Episoden innerhalb von zwei Jahren produziert werden – an Drehbüchern arbeiten die Autoren schon seit Wochen, nachdem sich eine Verlängerung der Serie durch die guten Anfangsquoten bereits abgezeichnet hat. Wann und in welcher Weise FX die Serie ausstrahlt, bleibt dem Sender selbst überlassen. Vermutlich gehen neue Folgen im Frühjahr 2013 on air, ob diese dann allerdings langfristig und durchgehend gezeigt oder in Staffeln aufgeteilt werden, ist noch unklar.

Fest steht allerdings, dass sich das Produktionsteam ob des Großauftrags nicht auf seinen (Vorschuss-)Lorbeeren ausruhen darf. Denn wie bereits angesprochen zeigte der Quotentrend während der Staffel nach unten – auch wenn sich das Format zuletzt stabilisierte, nachdem die letzten drei Folgen konstant bei 1,98 bis 2,10 Millionen Zuschauern gelegen hatten. Die Bestellung von gleich 90 Episoden ist nun Fluch und Segen zugleich: Einerseits weiß das Team um sein quasi „gemachtes Nest“, das nun eigentlich nur noch mit – vermeintlich gleichgültigen – Drehbüchern gefüllt werden muss. Andererseits ist es in der TV-Landschaft quasi einmalig, so viel weitsichtige Planungsfreiheit besitzen zu können.

Das Genre Sitcom ist generell oft inkohärent und episodisch geprägt, lässt also keine größeren Storyfäden zu, wie sie sich – vor allem im Kabel- und Bezahlfernsehen in den USA – bei Drama-Serien längst durchgesetzt haben. Revolutioniert wurde das Sitcom-Genre zuletzt in den 90er Jahren von «Seinfeld» und NBCs Comedy-Offensive. Seitdem steckt es aber in einer Formelhaftigkeit fest, die niemand erfolgreich aufbrechen konnte – weshalb viele Zuschauer und Produzenten dem Genre langsam den Rücken kehrten und sich vermeintlich modernen Single-Camera-Comedys wie «30 Rock» oder «New Girl» zuwandten, die mehr inhaltliche und produktionstechnische Flexibilität versprechen.

Eine Neuerfindung der Sitcom ist quasi überfällig, und «Anger Management» hätte alle Zutaten für eine Therapie des Genres beisammen: eine feste Order von 90 Episoden, die beispielsweise weitgreifende Handlungsbögen über mehrere Staffeln zuließe; ein schöner Programmplatz außerhalb des restriktiven Network-Fernsehens; ein junges und für neue Wege bekanntes Produktionsteam mit Lionsgate Television, das unter anderem für die Serien «Weeds» und «Mad Men» verantwortlich zeichnet.

Warum wir mit «Anger Management» höchstwahrscheinlich trotzdem kein experimentelles Format, sondern nur eine allzu gewöhnliche Sitcom bekommen werden, liegt vor allem an: Charlie Sheen. Weshalb sollte gerade jener Schauspieler, der mit «Two and a Half Men» die oberflächliche Formelhaftigkeit des Sitcom-Genres der vergangenen Jahre wie kein zweiter prägte, jetzt eine TV-Revolution anzetteln? Nein, schon in der ersten Staffel deutete wenig darauf hin, dass wir mehr bekommen als den typischen Sheen: Fernsehkritiker bewerteten «Anger Management» aufgrund seiner altbekannten Art geradezu lustlos, Fans feierten ihren Charlie natürlich für seine neue Serie – denn sie bekamen, was sie wollten. Und letztlich spielen die Auslandsverkäufe der Sitcom eine große Rolle: Mit experimenteller Ware wollen die meisten internationalen Käufer wenig zu tun haben, weil sie (wie in Deutschland beispielsweise Lizenznehmer VOX) wieder mehr auf die Quote schauen müssen als der heimische Sender FX.

Die theoretische Möglichkeit aber bleibt, dass «Anger Management» das Genre aus den Angeln hebt oder zumindest für frische Impulse sorgt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Charlie Sheen, von dem wir eigentlich ohnehin nicht mehr viel Neues erwarten, uns alle überrascht – dann vielleicht nicht wieder negativ, sondern wirklich positiv.

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