Die Kino-Kritiker

Nach dem unverfilmbaren Roman: «Vom Ende einer Geschichte»

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In seiner starbesetzten Romanadaption «Vom Ende einer Geschichte» verknüpft Regisseur Ritesh Batra elegant zwei Zeitebenen und erzählt anhand dieser von Schuld und Vergebung.

«Vom Ende einer Geschichte»

  • Start: 14. Juni 2018
  • Genre: Drama
  • Laufzeit: 108
  • FSK: o.Al.
  • Kamera: Christopher Ross
  • Musik: Max Richter
  • Buch: Nick Payne
  • Regie: Ritesh Batra
  • Darsteller: Jim Broadbent, Charlotte Rampling, Harriet Walter, Matthew Goode, Michelle Dockery, Emily Mortimer
  • OT: The Sense of an Ending (UK 2017)
Julian Barnes‘ Bestseller «Vom Ende einer Geschichte» wurde 2011 mit dem prestigeträchtigen Man Booker Prize ausgezeichnet und wurde rund um den Erdball mit wohlwollenden Kritiken überhäuft. Trotzdem galt der über mehrere Zeitebenen erzählende Roman lange Zeit als unverfilmbar. Zu komplex sei der Aufbau und zu präzise die im Buch geschilderten Ereignisse. Eine Leinwandadaption könne schnell Gefahr laufen, die subtile Auseinandersetzung mit der emotionalen Verfassung der Figuren gegen Eindeutigkeiten auszutauschen. Vieles an «Vom Ende einer Geschichte» lebt von seinen Andeutungen. Die verschachtelte Erzählstruktur tut ihr Übriges, um den Zuschauer lange Zeit im Unklaren darüber zu lassen, worum genau es hier eigentlich geht. Doch genau darin bestand für Bühnenautor Nick Payne («The Crown») die Faszination am Stoff, der «Vom Ende einer Geschichte» während eines Meetings mit der Produktionsfirma für ein mögliches neues Filmprojekt ins Spiel brachte. Auch Regisseur Ritesh Batra («The Lunchbox») zeigte sich angetan von dem Drama und so wagte dieses Duo die Herausforderung des vermeintlich Unmöglichen.

Es ist immer noch unübersehbar, worin die Schwierigkeiten einer Verfilmung bestanden haben dürften. «Vom Ende einer Geschichte» schaut sich bisweilen ein wenig holprig und in geschriebener Form dürften die Gefühlswelten der facettenreichen Figuren noch ein wenig einprägsamer daherkommen. Davon einmal abgesehen, haben wir es hier allerdings mit einem wirklich schönen und spannenden Drama zu tun, das zu Recht seinen Weg ins Kino gefunden hat.

Wenn einen die eigene Vergangenheit einholt...


Tony Webster (Jim Broadbent) ist glücklich geschieden und lebt ein zurückgezogenes, ereignisloses Leben. Vor vielen Jahren waren er und die schöne Studentin Veronica ein Paar, bis sie sich damals überraschend für seinen besten Freund Adrian entschied. Was nach dessen Selbstmord aus seiner großen Liebe wurde, hat er nie herausgefunden. Doch die unerwartete Erbschaft von Adrians Tagebuch, das sich im Besitz von Veronicas Mutter Sarah (Emily Mortimer) befand, stellt plötzlich sein ganzes Leben auf den Kopf und weckt ungeahnte Zweifel an den vermeintlich sicheren Tatsachen der eigenen Biografie. Als er sich nach all den Jahren mit Veronica (Charlotte Rampling) trifft, erhofft er sich Aufklärung über das, was damals tatsächlich geschah. Und je tiefer Tony in seiner Vergangenheit gräbt, desto mehr beginnt er, sein bisheriges Leben infrage zu stellen…

«Vom Ende einer Geschichte» lebt, wie auch schon die Romanvorlage, von der verzahnten Erzählung über zwei verschiedene Zeitebenen. Der Film beginnt in der Gegenwart und zeigt Tony Webster als sympathischen, wenn auch einsiedlerischen Zeitgenossen, den Jim Broadbent («Paddington 2») vollkommen abseits des Klischees vom mürrischen alten Mann verkörpert. Der trotz seiner Scheidung in einem festen familiären Umfeld lebende Kamerahändler (seine schwangere Tochter begleitet er ganz selbstverständlich zum Geburtsvorbereitungskurs und trotz gewisser Differenzen kann er auch seine geschiedene Ex-Frau jederzeit um Rat respektive um ein gemeinsames Mittagessen bitten), hat eine aufregende Lebensgeschichte hinter sich, die er sich in sein Gedächtnis zurückruft, als ihn eines Tages ein Brief erreicht. In ausführlichen, authentisch inszenierten Rückblenden in die Sechziger schildert Ritesh Batra Tonys Jugendjahre an einer britischen Universität und zeigt auf, was ihn zu jenem Mann gemacht hat, der er heute ist.

Erzählt wird dabei zunächst aus der rein subjektiven Perspektive Tonys, die nach und nach immer neutraler und objektiver wird. Das passt zu einer der wichtigsten Aussagen des Films: Wenn wir unsere Lebensgeschichte erzählen, rücken wir sie zurecht, schmücken wir sie aus und verheimlichen Ereignisse ganz so, wie es uns beliebt, um uns in einem möglichst guten Licht zu präsentieren. «Vom Ende einer Geschichte» nimmt seinem Protagonisten sukzessive diese Schutzreflexe, bis am Ende nur noch das Eingeständnis der ganzen Wahrheit übrigbleibt.

Eine ambitionierte Erzählung über Schuld und Vergebung


Die Ereignisse der Rückblenden ergänzen dabei hervorragend das Geschehen in der Gegenwart. Auch dank eines starken Castings, das dafür sorgt, dass man ein gutes Gespür für die Verwandlung des jungen Tony (Billy Howle, «Dunkirk») zum alten bekommt, fügen sich die einzelnen Erzähletappen wie Puzzleteile nach und nach zusammen und ergeben ein großes Ganzes. Trotzdem wird man hier und da das Gefühl nicht los, dass vereinzelte Momente unterbelichtet bleiben. Mitunter brechen die Flashback-Szenen radikal ab oder lassen explizite Fragen offen, sodass sich der Zuschauer selbst zusammenreimen muss, was an gewissen Stellen zu dieser oder jener Handlung geführt hat. Dieses sehr offene Erzählen sorgt allerdings auch für einen vorwiegend intuitiven Zugang zu den Figuren, der es ganz dem Zuschauer überlässt, wie er zu vereinzelten Taten und Gedanken der Charaktere steht.

Nicht einmal die abschließende „Pointe“ – wenn man sie im erzählerischen Zusammenhang denn so nennen kann – fühlt sich endgültig an. Das Skript überlässt dem Zuschauer die Auslegung und so wird aus Tony Webster am Ende entweder ein großes, berechnendes Arschloch, oder ein unwissender Jüngling, der einst ohne die notwendige Vorrausicht etwas tat, deren Folgen ihn nun viele Jahre später einholt. Vermutlich liegt die Antwort auf die Frage zwischen diesen beiden Extremen.

Obwohl sogar der Regisseur selbst betont, «Vom Ende einer Geschichte» fühle sich (zumindest in Schriftform) an wie ein Psychothriller, inszeniert er seine Verfilmung dennoch angenehm zurückhaltend. Aufgrund der nach und nach immer deutlicher in den Vordergrund gerückten Frage nach dem „Was“ ergibt sich mit Näherrücken der Auflösung zwar eine gewisse Grundspannung, doch in erster Linie fühlt sich das Drama an wie eines dieser – im besten Sinne – typisch britischen Schauspielstücke. Vor allem in den Rückblenden steht die Authentizität der Szenerie im Mittelpunkt. Das Leben an der Schule, die erste Liebe, der Besuch bei den Schwiegereltern – das alles ergibt ein stilechtes Kaleidoskop vom Leben eines britischen Jugendlichen in den Sixties, das Kameramann Christopher Ross («Black Sea») lebensecht einfängt. Weniger originell geraten die Aufnahmen der Gegenwart. Ein weitgehend unspektakuläres, frei von jedweder Überstilisierung eingefangenes London hat man schon oft gesehen. Besondere Facetten kann Ross seinen Bildern hier nicht abgewinnen. Doch diese Reduktion auf das Wesentliche kommt der Geschichte auch zu Gute.

Die Filmemacher legen den Fokus auf das Innenleben der Charaktere und bleiben somit der Vorlage treu. Hier und da muss zwar ausgesprochen werden, wovon im Buch eine Beschreibung ausreichte. Doch insgesamt können Jim Broadbent, Charlotte Rampling («Euphoria») und die Darsteller ihrer jüngeren Pendants auf bemerkenswerte Weise eine Story tragen, die zeigt, wie sich Konsequenzen auf noch Jahrzehnte später ihren Weg an die Oberfläche bahnen können.

Fazit


Ritesh Batra erweckt den vermeintlich unverfilmbaren Roman «Vom Ende einer Geschichte» zum Leben. Das Ergebnis ist ein stark gespieltes, clever erzähltes Drama, das trotz einiger Holprigkeiten mitreißt und berührt.

«Vom Ende einer Geschichte» ist ab dem 14. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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