Hingeschaut

«Top Gear»: Der Anfang vom Ende beginnt

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Herausragende Landschaftsaufnahmen, heiße Karren und ein charismatisches Kult-Moderatorenteam: Mit dieser Mischung überzeugte der Auftakt zur letzten «Top Gear»-Staffel in aktueller Besetzung.

Seit 2002 läuft der britische Welterfolg «Top Gear» mittlerweile schon in seiner aktuellen Besetzung. In diesen 13 Jahren stellte man insgesamt 22 Staffeln mit insgesamt fast 180 Folgen auf die Beine, die weltweit von bis zu 350 Millionen Menschen gesehen wurden. Fast unmöglich also, diesem Megahit zu entgehen? Naja. Hierzulande mussten die Fans bis 2010 auf eine Ausstrahlung im linearen Fernsehen warten, seither war der Gipfel der Öffentlichkeitswirksamkeit eine mäßig erfolgreiche Ausstrahlung bei kabel eins, bevor das Format auf die vor eher überschaubarem Publikum operierenden Sender RTL Nitro, DMAX und n-tv abgeschoben wurden. Bei letzterem Kanal lief nun auch die finale Staffel an, die zum Auftakt gleich mal mit einem zweiteiligen Patagonien-Special aufwartet.

Gleich zu Beginn der Folge haben sich die Verantwortlichen einen kleinen Gag ausgedacht, der schon vieles von dem andeutet, das die Sendung zu ihrem beispiellosen Standing geführt hat. Das von der BBC inzwischen beurlaubte Trio Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May sitzt gemeinsam mit dem als Running Gag fungierenden Teammitglied "The Stig" an einem mäßig gedeckten Weihnachtstisch. Das Setting kommentiert Clarkson mit dem selbstreferenziellen Kommentar, das Special werde zur Weihnachtszeit ausgestrahlt - "es sei denn, sie zeigen wieder einmal eine Wiederholung". Oder man schaut halt außerhalb Großbritanniens zu, möchte der DMAX-Zuschauer seufzend hinzufügen eingedenk des Umstands, dass er bei brütender Sommerhitze wohl kaum in Festtagsstimmung sein dürfte.

Allzu dramatisch soll die gut siebenmonatige Differenz zwischen Welt- und Deutschlandpremiere im Anschluss allerdings nicht sein, sind die bisweilen traumhaft schönen Landschaften Südamerikas, durch die das beneidenswerte Trio cruisen darf, doch auch bei über 30 Grad im Schatten mehr als ansehnlich. Überhaupt merkt man der Produktion deutlich an, dass hier einiges investiert wurde - nicht nur in fette Karren und starke Schauplätze, sondern offenbar auch in gute Regisseure und Texter. Wer bei «Top Gear» nämlich ein Automagazin im Sinne der steifen Informationsvermittlung erwartet, wird wohl nicht die größte Freude mit dem haben, als das es sich in der Realität darstellt. Mitunter kann man beinahe schon von einem Roadmovie sprechen, das diverse Spielfilm-ähnliche Elemente aufweist und mit Information sowie einer üppigen Portion Humor aufwartet.

Viele der präsentierten Szenen wirken derart skurril und aufwändig inszeniert, dass sie eigentlich nur durch eine sorgfältige Vorausplanung zu erklären sind. Das tut dem Unterhaltungswert allerdings deshalb keinerlei Abbruch, weil hier nicht talent- und profillose "irgendwas mit Medien"-Möchtegerns vor der Kamera stehen, die steif Praktikanten-Texte aufsagen, sondern eines der eingespielten und charismatischsten TV-Trios der Welt. Zu jedem Zeitpunkt der Sendung merkt man ihnen die Freude an den Autos und an der Sendung an, die Chemie, die sich im Laufe der 13 Jahre bei der BBC entwickelt hat, die Erfahrung und das Gespür dafür, wie man das Fernsehpublikum mitreißt.

Dabei ist die Mixtur aus Gehässigkeit, offensichtlichem Macho-Getue und beträchtlicher Arroganz, die insbesondere Clarkson ausstrahlt, gewiss keine, die man als Fernsehender besonders sympathisch finden muss. Es ist nicht nur das Thema Autos, das den Männersender DMAX als perfekte Spartenplattform für die Sendung erscheinen lässt. Die gesamte Aufmachung ist männlich dominiert, der sarkastische Humor dürfte tendenziell eher Männer als Frauen ansprechen, die ausschließlich männlichen Protagonisten ohnehin. Ein leuchtendes Beispiel in Sachen Emanzipation stellt «Top Gear» also gewiss nicht da - eher wird das "Mannsein" zelebriert, wenngleich wohl nicht allzu aufdringlich und rückständig wirkend wie bei manch anderer Ware, die das Programm des Discovery-Kanals bestückt.

Kann «Top Gear» ohne sein Kult-Trio funktionieren?
Definitiv, ich halte es ohnehin für überschätzt.
6,8%
Schaun mer mal. Die Drei haben das schon gut gemacht, sind aber nicht unersetzlich.
13,0%
Auf keinen Fall, da sehe ich absolut schwarz für die Zukunft.
80,1%


Der Auftakt in die 22. «Top Gear»-Staffel dürfte genau den Menschen gefallen, die Format und Protagonisten ins Herz geschlossen haben. Ein Fall für Jedermann ist das mit etwa zwei Stunden Sendezeit doch recht üppig ausgefallene Patagonien-Special wohl eher nicht. Und wer sich nur schnell über die thematisierten Autos informieren möchte, sollte ebenfalls andere Quellen konsultieren, da diese teilweise regelrecht zur Nebensache verkommen. Die BBC-Produktion ist stattdessen irgendetwas zwischen Unterhaltungsshow, Roadmovie und Automagazin, wobei das dominierende Element schwer herauszuarbeiten ist. Und vor allem ist sie optisch wie stilistisch einzigartig - ein gewaltiger Teil ihres Erfolges dürfte hiermit sowie durch das Gespann Clarkson / Hammond / May erklärbar sein. Bald schon fällt zumindest ein bedeutender Mosaikstein dessen weg, weshalb Chris Evans vor einem schweren Erbe steht.

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