Schlüter sieht's

«Schlüter sieht's»: 565 Mal «Navy CIS»

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Die US-Serie ist das beste Beispiel dafür, wie deutsche TV-Sender in einfallslosen Wiederholungswahn verfallen.

Wenn die Fernsehlandschaft in den vergangenen Jahrzehnten eines geworden ist, dann vielfältiger – zumindest auf den ersten Blick. Nach den Privatsendern und bundesweit empfangbaren dritten Programmen kamen die Spartensender im Digitalfernsehen, seit einigen Jahren zudem die Bezahlsender im wachsenden heimischen Pay-TV-Markt. Das Problem dieser Fülle an TV-Programmen offenbart sich aber schnell: Oft steht viel zu wenig neues oder gutes Material zur Verfügung, das gesendet werden kann – weshalb die Sender oft auf massenhafte Wiederholungen zurückgreifen und vereinzelte Neustarts als Portfolio-Highlights stark bewerben. Selbst auf großen Privatsendern wie Sat.1 ist diese Strategie längst Usus. Die Anzahl der Folgen von Auftragsproduktionen wird zurückgefahren, stattdessen landen mehr alte Episoden im Programm. Zudem versendet man Archivware wie «Richterin Barbara Salesch» im Morgenprogramm.

Bestes Beispiel für den exzessiven Wiederholungswahn hiesiger TV-Sender ist die US-Produktion «Navy CIS», die es mittlerweile auf zehn Staffeln gebracht hat und sich daher für Mehrfach-Ausstrahlungen geradezu anbietet – zumal in Deutschland die Einschaltquoten meist immer noch gut sind. In den nächsten sechs Wochen, bis zum 28. Dezember 2012, wird «Navy CIS» auf sechs deutschsprachigen Sendern, darunter das österreichische Puls 4 und das schweizerische 3+, laut dem Portal Wunschliste.de satte 565 Mal ausgestrahlt (Stand: 13. November, 20 Uhr). In dieser Zahl inbegriffen sind auch Vortags- und Nachtwiederholungen. Berücksichtigt man nur die deutschen Sender (Sat.1, kabel eins, 13th Street, FOX), kommt man auf ungefähr 500 Episoden bis zum Ende des Jahres, also pro Tag knapp zwölf. Wohlgemerkt befindet sich darunter keine einzige Erstausstrahlung. Kaum eine andere Sendung wird im deutschsprachigen Fernsehen so oft gezeigt wie «Navy CIS».

Geradezu perfide an dieser Ausstrahlungspolitik ist aber, dass den Sendern selbst kein offensichtlicher Vorwurf gemacht werden kann: Bei kabel eins holt «Navy CIS» am täglichen Nachmittag überdurchschnittliche Quoten, in der täglich von Quotenmeter.de veröffentlichten Top5 der Pay-TV-Sender landet das Format oft auf den vorderen Plätzen. Und alte Folgen kommen in Sat.1 derzeit auf dem konkurrenzstärksten Sendeplatz der Woche – am Sonntagabend um 20.15 Uhr – auf zufriedenstellende Zuschauerzahlen. Das TV-Publikum verlangt offenbar nach «Navy CIS» in hundertfacher Dosis – und zahlt, überspitzt ausgedrückt, im Falle der Pay-TV-Sender sogar dafür.

Grundsätzlich sind Wiederholungen beliebter Serien nichts Verwerfliches, im Gegenteil: Wenn sich so viele Zuschauer bei einer Serie heimisch und auch bei der x-ten Wiederholung gut unterhalten fühlen, gibt es auf den ersten Blick kaum ein Argument dagegen. Aber müssen es pro Tag wirklich zwölf Stunden sein, oder 565 Ausstrahlungen bis Ende Dezember?

Der Punkt, unter dem eine solch exzessive Ausstrahlungspolitik äußerst kritisch betrachtet werden muss, ist vor allem jener der Nachhaltigkeit. Unabhängig von den aktuellen Quoten dürfte der anhaltende Wiederholungs-Hype um «Navy CIS» irgendwann abflachen – und dann werden es die Sender schwer haben, die zahlreichen freien Sendeplätze ähnlich erfolgreich und einfach zu füllen. kabel eins hatte zuletzt solche Probleme mit «Two and a Half Men», dessen rückläufige Quoten indirekt die komplette Umstrukturierung des Nachmittags vorangetrieben haben. Für die Profilschärfung eines Senders ist es zudem kaum nachhaltig, wenn ein Programm wie «Navy CIS» am gleichen Tag mehrmals auf noch vielen anderen Kanälen läuft. Andere prominente Beispiele für die Versendung alter Folgen sind auch die öffentlich-rechtlichen Telenovelas wie «Sturm der Liebe» und «Rote Rosen», die auf dritten Programmen wöchentlich dutzendfach wiederholt werden, aber auch Sitcoms wie «How I Met Your Mother» sowie andere Krimi-Formate wie «Criminal Minds» oder «CSI».

Wie steht es also um die Vielfalt der deutschsprachigen Fernsehlandschaft? Offenbar nicht so gut, wie es auf den ersten Blick scheint. Zwar hat sich die Zahl der TV-Kanäle – und damit der Entscheidungsalternativen – weiter vervielfacht, aber die eigentlichen Inhalte werden repetitiver. Immer mehr Sender zeigen immer weniger verschiedene Formate. Ganzheitlich betrachtet kann diese Entwicklung – wenn sie in dieser Form voranschreitet – keine zukunftsfähige sein. Die Sendezeit müsste, wenn es schon keine Erstausstrahlungen gibt, umverteilt werden auf viele Serien, die dann aber allesamt nicht so exzessiv wiederholt werden wie die genannten prominenten Beispiele.

Ansonsten wäre das Problem langfristig vielleicht sogar die Gewöhnung des Zuschauers an diese Art von Fernsehen: Anstatt neuen Sendungen eine Chance zu geben und offen zu sein für Innovatives und Anspruchsvolleres, gibt er sich lieber dem Grundrauschen der x-ten Wiederholung des bekannten Formats hin. In diesem Umfeld hätten andersartige Serien – beispielsweise das jüngst gestartete «Person of Interest» bei RTL – kaum eine Chance, sondern müssten sich an die Massenkompatibilität bekannter Serienkonzepte anpassen. Was dann wieder verloren ginge, ist die angesprochene Vielfalt – diesmal auch auf inhaltlicher Seite.

Jan Schlüters Branchenkommentar gibt es jeden Mittwoch nur auf Quotenmeter.de.

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