Filme des Grauens

«Class of Nuke 'Em High»

von

Atomunfall, Mutanten-Marihuana und explodierende Highschool. Troma liefert 1986 ein grelles Trash-Manifest.

Wenn es ein Studio gibt, das schlechten Geschmack zur Kunstform erhoben hat, dann ist es Troma Entertainment. Mit «Class of Nuke ’Em High» brachte das Independent-Label 1986 eine Science-Fiction-Horror-Komödie in die Kinos, die alles vereint, was das Troma-Universum ausmacht: überdrehte Satire, Splatter, pubertären Humor und eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik – serviert mit einem Budget von rund 400.000 Dollar.

Regie führten Richard W. Haines und Lloyd Kaufman (unter Pseudonym), die das Geschehen in der fiktiven Stadt Tromaville ansiedelten – jenem Ort, der auch die Heimat von «The Toxic Avenger» ist. Schon das Setting gibt die Richtung vor: Die Tromaville High School steht direkt neben einem Kernkraftwerk. Als es dort zu einem Zwischenfall kommt, sickert radioaktives Wasser in die Schule mit tödlichen und grotesken Folgen.

Ein Schüler stirbt qualvoll am Trinkbrunnen, während die Schulgang „The Cretins“ zunehmend gewalttätig wird. Ursache ist offenbar eine radioaktive Marihuana-Pflanze auf dem Gelände des Kraftwerks. Wer davon raucht, erlebt nicht nur halluzinatorische Visionen, sondern auch körperliche Veränderungen – inklusive monströser Schwangerschaft und einer Kreatur, die sich durch Toilettenrohre kämpft und in einem Fass Atommüll zum ausgewachsenen Monster heranwächst.

Parallel dreht Hauptfigur Warren durch, begeht im Rausch Morde und kann sich später an nichts erinnern. Die Highschool wird belagert, Geiseln werden genommen, Laserstrahlen aus dem Physikraum kommen zum Einsatz – und am Ende explodiert das Schulgebäude in bester B-Movie-Manier. Doch natürlich bleibt eine letzte radioaktive Überraschung zurück. Was nach chaotischem Unsinn klingt, ist tatsächlich bewusst überzogen. Troma spielt mit 1980er-Ängsten – Atomkraft, Umweltverschmutzung, Drogen, moralischer Verfall und überspitzt sie ins Absurde. Das Kraftwerk wird von einem skrupellosen Unternehmer geführt, der Sicherheitsprobleme vertuscht. Die Jugend wird zur mutierenden Gefahr. Autoritäten sind entweder korrupt oder komplett überfordert. Unter dem Splatter liegt also eine satirische Ader, die das Reagan-Jahrzehnt karikiert.

Kritisch wurde der Film überwiegend verrissen. Auf Rotten Tomatoes pendelt er im unteren Bereich, viele Rezensenten bemängelten die grobe Schauspielkunst, die grellen Effekte und den platten Humor. Doch gerade in Fankreisen genießt «Class of Nuke ’Em High» Kultstatus. Das liegt weniger an technischer Perfektion als an Energie und Haltung. Die Miniaturmodelle des Kernkraftwerks wirken charmant handgemacht, die Effekte sind blutig, aber kreativ. Kameramann Michael Mayers gelingt es stellenweise sogar, dem Chaos eine überraschend ästhetische Note zu verleihen. Der Film weiß, dass er billig ist – und zelebriert genau das. Er will keine Hochglanzproduktion sein, sondern anarchischer Gegenentwurf.

Trotz – oder gerade wegen – seiner Geschmacklosigkeit spielte der Film rund 1,9 Millionen Dollar ein und wurde damit zum Erfolg für Troma. Es folgten mehrere Fortsetzungen: «Class of Nuke ’Em High 2: Subhumanoid Meltdown» (1991) und «Part 3: The Good, the Bad and the Subhumanoid» (1994) setzten stärker auf Comedy als auf Horror. In den 2010er-Jahren kehrte Kaufman selbst mit «Return to Nuke ’Em High» zurück. Das Franchise entwickelte sich zur langlebigsten Highschool-Horrorsatire jenseits des Mainstreams. Bemerkenswert ist auch der Soundtrack, der erst 2014 offiziell veröffentlicht wurde – als limitierte Vinyl-Edition für Sammler. Auch das passt zum Troma-Mythos: Nichts verschwindet endgültig, alles wird irgendwann wiederentdeckt.

«Class of Nuke ’Em High» ist kein „guter“ Film im klassischen Sinn. Er ist laut, grob, sexuell aufgeladen und oft geschmacklos. Aber er ist auch ein authentisches Produkt seiner Zeit – ein Mix aus Atomangst, Teenie-Rebellion und Independent-Geist. Während Hollywood in den 1980ern Superhelden noch vorsichtig behandelte, ließ Troma seine Highschool gleich explodieren.

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