Filme des Grauens

«Tornado – Der Zorn des Himmels»

von

ProSieben wollte 2006 den großen Hollywood-Katastrophenfilm ins deutsche Fernsehen holen. Heraus kam ein Zweiteiler, der zwischen spektakulären Effekten und erstaunlich flachen Figuren hin- und hergerissen ist.

Katastrophenfilme haben im Kino eine lange Tradition – von «Twister» bis «The Day After Tomorrow». Doch im deutschen Fernsehen sind sie eine seltene Spezies. «Tornado – Der Zorn des Himmels» sollte genau das ändern: ein Event-Zweiteiler, der zeigt, dass auch hierzulande große Naturgewalten über den Bildschirm fegen können. Mit solider Besetzung, internationalem Vertrieb und ordentlich Budget war alles angerichtet. Und tatsächlich: Der Film wurde ein Quotenerfolg. Doch Qualität und Quote sind bekanntlich zwei verschiedene Dinge.

Im Zentrum steht der Meteorologe Jan Berger, gespielt von Matthias Koeberlin, der nach Jahren in den USA nach Berlin zurückkehrt – und dort eine Bedrohung erkennt, die niemand ernst nehmen will: Tornados in Deutschland. Schon dieser Ansatz hat Charme. Er verbindet wissenschaftliche Warnungen mit politischer Ignoranz, persönliche Konflikte mit einer heraufziehenden Katastrophe. Das Problem ist nur: Der Film weiß nicht so recht, was er daraus machen will.

Denn während die erste Hälfte noch versucht, Spannung aufzubauen, verliert sich die Handlung schnell in altbekannten Mustern. Der einsame Warner, dem niemand glaubt. Der zerstrittene Vater, der langsam Einsicht gewinnt. Die Ex-Freundin, die zwischen zwei Männern steht. All das hat man schon unzählige Male gesehen – und selten so vorhersehbar wie hier. Besonders deutlich wird das bei den Figuren. Jan Berger ist der klassische Katastrophenfilm-Held: klug, unbeirrbar, emotional angeschlagen. Doch echte Tiefe bekommt er kaum. Seine Konflikte wirken konstruiert, seine Entwicklung ist vorhersehbar. Ähnlich geht es den Nebenfiguren: Sie erfüllen ihre Funktion, bleiben aber blass. Selbst dramatische Situationen – eingestürzte Gebäude, Lebensgefahr, familiäre Krisen – entfalten kaum emotionale Wucht.

Dabei hätte der Film durchaus Potenzial gehabt. Die Idee, Tornados durch Berlin fegen zu lassen, ist reizvoll. Bilder vom Brandenburger Tor im Sturm oder vom zerstörten Fernsehturm haben einen gewissen Reiz. Und tatsächlich sind die Effekte für eine TV-Produktion dieser Zeit überraschend solide. Gerade im zweiten Teil zeigt sich, dass hier technisch einiges möglich war. Doch genau hier liegt die Ironie: Die Effekte sind oft das Beste am Film – und gleichzeitig sein größtes Problem. Denn sie können nicht kaschieren, dass die Dramaturgie schwächelt. Wenn ein Tornado spektakulär durch die Stadt zieht, aber die Figuren dabei egal bleiben, verpufft die Wirkung. Es ist, als würde man ein großes Feuerwerk ohne Publikum zünden.

Hinzu kommt ein Tonfall, der nie ganz passt. Die Musik ist oft überdramatisch, fast schon aufdringlich. Dialoge wirken hölzern, manchmal unfreiwillig komisch. Und immer wieder schleicht sich das Gefühl ein, dass der Film mehr sein möchte, als er tatsächlich ist. Statt echter Bedrohung entsteht häufig unfreiwillige Leichtigkeit – ein Tornado, der eher „tanzt“ als zerstört. Interessant ist auch die Einbettung in die damalige Fernsehlandschaft. ProSieben setzte bewusst auf Event-Programmierung, wollte mit großen Zweiteilern Zuschauer binden. Und das funktionierte: Über vier Millionen Menschen schalteten ein, in der werberelevanten Zielgruppe waren die Quoten sogar sehr stark. International wurde der Film in zahlreiche Länder verkauft – ein Erfolg auf dem Papier.

Doch inhaltlich bleibt «Tornado – Der Zorn des Himmels» hinter seinen Möglichkeiten zurück. Kritiker bemängelten vor allem die schwache Dramaturgie und die flachen Figuren. Während einige die Effekte lobten, die noch gar nicht auf den Presse-DVDs vorhanden waren, waren sich viele einig: Das Fundament stimmt nicht. Ein Katastrophenfilm braucht mehr als nur spektakuläre Bilder – er braucht Figuren, mit denen man mitfiebert. Und genau daran scheitert dieser Zweiteiler letztlich. So bleibt am Ende ein Film, der mit 300 Minuten Laufzeit noch nicht einmal kurzweilig unterhält. Das Fazit: Kein Sturm, der Spuren hinterlässt, sondern eher ein laues Lüftchen mit viel Getöse.

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