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Spielfilm schlägt Serie: Netflix erlebt deutsches Film-Halbjahr der Superlative

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Während Serien vor allem langfristig binden, sorgen Spielfilme im zweiten Halbjahr 2025 für massive Nutzungsspitzen und verschieben die Gewichte im deutschen Netflix-Portfolio spürbar.

Netflix hat seinen neuen Watching-Report für den Zeitraum 1. Juli bis 31. Dezember 2025 veröffentlicht – und liefert damit erneut einen tiefen Einblick in das tatsächliche Nutzungsverhalten seiner Abonnentinnen und Abonnenten. Anders als klassische Quotenmessungen, die Reichweiten zu einem festen Zeitpunkt abbilden, erlaubt der Netflix-Report eine kumulierte Betrachtung von Hours Viewed, durchschnittlicher Sehdauer und hochgerechneten Haushaltsabrufen. Gerade für den deutschen Markt ergibt sich daraus ein spannendes Bild: Zwischen bewährten Marken, überraschenden Neustarts und international anschlussfähigen Stoffen zeigt sich, welche Strategien für den Streamingdienst weiterhin funktionieren – und wo erste Ermüdungserscheinungen sichtbar werden.

Unangefochten an der Spitze der deutschen Serienproduktionen stehen weiterhin die beiden Staffeln von «Die Kaiserin». Obwohl beide Staffeln bereits deutlich vor dem Betrachtungszeitraum veröffentlicht wurden, sammelte Staffel 1 noch einmal 24,1 Millionen Stunden bei rund 4,2 Millionen Abrufen, Staffel 2 kam auf 20,2 Millionen Stunden und etwa 3,7 Millionen Haushalte. Diese Zahlen sind bemerkenswert, da es sich klar um keine Neuware handelt. Netflix profitiert hier sichtbar von einer langfristigen Katalogwirkung: Historische Prestigeformate mit internationalem Appeal altern deutlich langsamer als viele andere Serien. Auffällig ist zudem die stabile durchschnittliche Sehdauer von jeweils über fünfeinhalb Stunden. Das spricht dafür, dass neue Zuschauerinnen und Zuschauer die Serie nicht nur antesten, sondern vollständig durchsehen. Für Netflix ist «Die Kaiserin» damit weiterhin ein Vorzeigeprodukt deutscher Fiction – sowohl für die heimische Nutzung als auch für die internationale Vermarktung.

Einen Achtungserfolg erzielte der Neustart «Alphamännchen». Die Comedyserie kam auf 13,7 Millionen Stunden und rund 2,9 Millionen Abrufe. Damit positioniert sich das Format klar hinter den großen Prestigeproduktionen, aber deutlich vor vielen anderen deutschen Neustarts der vergangenen Jahre. Die relativ kompakte durchschnittliche Sehdauer von knapp fünf Stunden deutet darauf hin, dass «Alphamännchen» vor allem als kurzweilige Unterhaltung funktioniert – weniger als langfristiger Binge-Klassiker. Auch «Achtsam Morden» bleibt ein solider Faktor im Netflix-Portfolio. Trotz fehlender Neuveröffentlichung im zweiten Halbjahr generierte die Serie 8,1 Millionen Stunden bei 1,9 Millionen Abrufen. Für eine schwarze Comedy mit vergleichsweise spezifischem Tonfall ist das weiterhin ein respektables Ergebnis. Netflix beweist damit einmal mehr, dass auch ungewöhnlichere Stoffe im Katalog ihre Nische finden können.

Deutlich verhaltener fallen die Zahlen für «Crooks» aus. Mit 3,5 Millionen Stunden und rund 500.000 Abrufen bleibt die Serie klar hinter den Erwartungen zurück, die Netflix selbst an seine internationalen Crime-Produktionen stellt. Zwar liegt die durchschnittliche Sehdauer mit über sieben Stunden vergleichsweise hoch – wer einschaltet, bleibt also dran –, doch die Reichweite bleibt überschaubar. «Crooks» ist damit ein Beispiel für ein Format, das eher Kritikerlob und Genre-Fans anspricht als ein breites Mainstream-Publikum.

Im Reality-Segment zeigt sich ein differenziertes Bild. Besonders erfolgreich bleibt «Kaulitz & Kaulitz». Staffel 2 erreichte 8,8 Millionen Stunden und 1,5 Millionen Abrufe, während Staffel 1 weiterhin auf 4,4 Millionen Stunden und 700.000 Abrufe kommt. Damit bestätigt sich, dass personenbezogene Reality-Formate mit klarer Markenidentität auch über mehrere Staffeln hinweg funktionieren können. Vor allem wurde die zweite Staffel schon im Juni 2025 veröffentlicht, weshalb zahlreiche Abrufe schon im ersten Report standen.

International adaptierte Formate wie «Too Hot to Handle: Germany» und «Love Is Blind: Germany» bleiben hingegen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Beide Serien bewegen sich mit Abrufen zwischen 500.000 und 600.000 Haushalten in einem Bereich, der zwar solide ist, aber keine echte Wachstumsgeschichte erzählt. Der deutsche Markt scheint bei Dating-Reality stärker zu selektieren als andere Regionen.

Besonders eindrucksvoll sind die Zahlen im Spielfilmsegment. Während «Exterritorial» (Veröffentlichung Ende April 2025) mit 32,8 Millionen Stunden und 18,1 Millionen Abrufen bereits ein starkes Ergebnis erzielte, wurden diese Werte von den Sommer- und Herbst-Neustarts deutlich übertroffen. Allen voran «Brick»: Der Film kommt auf unglaubliche 112,2 Millionen Stunden und 66,7 Millionen Abrufe. Das ist nicht nur ein deutscher Spitzenwert, sondern auch im internationalen Vergleich beachtlich. «Brick» ist damit der klare Beweis dafür, dass deutsche Spielfilme auf Netflix nicht nur mithalten, sondern zeitweise sogar dominieren können – sofern Genre, Timing und Marketing zusammenpassen.

Ähnlich erfolgreich verlief der Start von «Fall for Me» mit 92,2 Millionen Stunden und 52,7 Millionen Abrufen. Der Film zeigt, dass auch romantische Stoffe weiterhin ein enormes Publikum finden, wenn sie zeitgemäß erzählt sind und den Nerv der Zielgruppe treffen. Mit «She Said Maybe» folgt ein weiterer Neustart, der mit 43,9 Millionen Stunden und 24,6 Millionen Abrufen ebenfalls klar in der Erfolgskategorie landet. Netflix scheint im zweiten Halbjahr 2025 gezielt auf leicht zugängliche Spielfilme gesetzt zu haben – mit durchschlagendem Erfolg.

Nicht alle Filme erreichen diese Dimensionen, doch auch kleinere Titel leisten ihren Beitrag. «Delicious» vom 7. März kommt im zweiten Halbjahr auf 2,9 Millionen Stunden, was angesichts der kürzeren Laufzeit immerhin 1,7 Millionen Abrufen entspricht. Solche Titel sind weniger Leuchttürme, füllen aber den Katalog und sorgen für kontinuierliche Nutzung. Einen Sonderfall stellt «Babo – Die Haftbefehl-Story» dar. Die Reality- bzw. Doku-Produktion erreichte 11,4 Millionen Stunden und 7,4 Millionen Abrufe. Das zeigt, wie stark Musik- und Popkultur-Stoffe in Deutschland nach wie vor ziehen – insbesondere, wenn sie mit einer bekannten Persönlichkeit verbunden sind.

Der Watching-Report für das zweite Halbjahr 2025 macht eines deutlich: Der größte Hebel für Reichweite liegt aktuell im Spielfilmsegment. Während Serien vor allem langfristig wirken und ihre Stärke im Katalog entfalten, sorgen Filme für schnelle, massive Nutzungsspitzen. Netflix hat diese Dynamik offenbar erkannt und gezielt in deutsche Filmproduktionen investiert – mit messbarem Erfolg.

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