Der Reiz des Spiels liegt in der Kombination aus traditionellem Städtebau und gnadenlosem Survival. Während viele Genrevertreter auf dekorative Städtchen und gemächliches Wachstum setzen, verlangt «Farthest Frontier» Planung, Voraussicht und Verständnis für komplexe Zusammenhänge. Bereits der erste Winter kann ganze Familien hinwegraffen, wenn Brennholz fehlt oder Nahrung falsch gelagert wurde. Sommerdürre kann die Felder vernichten, Krankheiten können sich rasend schnell ausbreiten, ein Tierangriff kann Arbeiter töten, die man dringend braucht. Viele Herausforderungen sind nicht spektakulär inszeniert, aber in ihrer Konsequenz brutal – und genau das macht den besonderen Nervenkitzel aus.
Das Wirtschaftssystem von «Farthest Frontier» gehört zu den tiefsten und realistischsten im Genre. Alles beginnt mit der grundlegenden Sicherung von Nahrung, Wasser und Wärme. Jäger durchstreifen Wälder, Fischer werfen Netze aus, Sammler bringen Beeren und Kräuter. Doch keiner dieser Wege ist dauerhaft stabil, weshalb die Landwirtschaft schnell unverzichtbar wird. Die Felder gehören zu den Highlights des Spiels: Jede Parzelle hat eigene Bodenwerte, Fruchtfolgen beeinflussen Erntequalität, Unkraut und Steine müssen entfernt werden, und Krankheiten können ganze Jahrgänge vernichten. So wird das Bestellen der Felder zu einer Wissenschaft für sich – und zu einem strategischen Kern, der im Gameplay erstaunlich viel Tiefe entfaltet.
Parallel müssen Produktionsketten aufgebaut werden. Aus Holz wird Feuerholz, aus Lehm werden Ziegel, aus Getreide wird Mehl und schließlich Brot. Handwerker fertigen Kleidung, Werkzeuge, Rüstungen und Handelsgüter. Jede Kette hat Engpässe, jede benötigt Arbeitskräfte, Transportwege und Lagerfläche. Da Ressourcen verderben oder geklaut werden können, spielt die Anordnung der Gebäude eine entscheidende Rolle. Lange Wege führen zwangsläufig zu verlorener Zeit, ineffizientem Wirtschaften und im schlimmsten Fall zu Lücken in der Versorgung. So entsteht ein ständiges Austarieren zwischen Wachstum, Effizienz und Stabilität.
Doch die Natur ist nicht die einzige Bedrohung. Je größer und reicher die Siedlung wird, desto häufiger tauchen Räuberbanden auf. Sie greifen Handelsrouten an, plündern Vorräte oder zerstören Gebäude. Im Gegensatz zu vielen anderen City-Buildern ist der militärische Aspekt hier kein Beiwerk, sondern eine logische Konsequenz aus dem eigenen Fortschritt. Mauern, Wachtürme und geschulte Milizen sind nötig, um das Dorf zu schützen. Da Soldaten aus der eigenen Bevölkerung stammen, schwächt jede Verletzung oder jeder Verlust auch die zivile Wirtschaft. Kämpfe sind daher nicht nur taktisches Element, sondern erzählerischer Bestandteil einer Siedlung, die sich ihren Platz in einer gefährlichen Welt erkämpfen muss.
Die größte Stärke von «Farthest Frontier» liegt aber in seiner Atmosphäre. Die Welt wirkt lebendig, glaubwürdig und voller kleiner Details. Jahreszeiten verändern nicht nur Farben, sondern spielerische Bedingungen. Schnee dämpft Geräusche und zwingt Dorfbewohner in ihre Häuser, während Sommerblumen die Landschaft zum Strahlen bringen. Tiere ziehen in Herden über Felder, Kinder spielen auf Wegen, Rauch steigt aus Schornsteinen. Das Sounddesign verstärkt die Immersion: Das Knacken von Feuerholz, das Summen von Insekten, das Stampfen von Ochsenkarren – alles trägt zur Illusion einer echten Siedlung bei, die wächst, kämpft und leidet.
Die Lernkurve ist anspruchsvoll, aber belohnend. Fehler haben Konsequenzen, aber wer dazu lernt, wird mit dem befriedigenden Gefühl belohnt, eine Siedlung wirklich gemeistert zu haben. Kein Durchlauf verläuft gleich, denn Wetter, Ressourcen, Topografie und Zufallsereignisse prägen den Verlauf jeder Partie individuell. Experten loben «Farthest Frontier» deshalb als gelungene Mischung aus «Banished», «Anno» und «RimWorld» – nur realistischer, druckvoller und atmosphärisch dichter.
Am Ende ist «Farthest Frontier» ein Spiel über Verantwortung. Über das Überleben einer Gemeinschaft, die nichts besitzt außer Mut und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Über die Härte der Natur und die Kunst, ihr gerade genug abzutrotzen, um zu bestehen. Für die Pixelpunkt-Reihe steht der Titel exemplarisch für anspruchsvolle, aber tief befriedigende Aufbaukost: rau, authentisch, komplex und wunderschön in seiner gnadenlosen Konsequenz.






Jonathan Hutter: ‚Viele Stimmen sind laut – aber die Wahrheit ist oft leise‘

Ausbildung Kauffrau/ Kaufmann (w/m/d) für audiovisuelle Medien
Mediengestalter Digital & Print / Redakteur (m/w/d)
Praktikant im Bereich Redaktion in unserem Format "Shopping Queen" (m/w/d)




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