Pixelpunkt

«The Roottrees Are Dead»

von

Zwischen alten Webseiten, Foren und digitalen Spuren entsteht ein leises, aber fesselndes genealogisches Mysterium.

Mit «The Roottrees Are Dead» erscheint ein Detektivspiel, das sich radikal von klassischen Krimi- oder Rätselabenteuern absetzt. Statt Tatorten, Verhören oder Actionsequenzen führt der Titel zurück ins Jahr 1998 – in eine Zeit knarzender Modems, primitiver Webseiten und digitaler Aufbruchsstimmung. Das zentrale Werkzeug ist kein Revolver und kein Notizbuch, sondern ein Browser. Die Aufgabe: den Stammbaum der rätselhaften Familie Roottree rekonstruieren und dabei ein genealogisches Mysterium aufdecken, das tiefer reicht, als es zunächst scheint.

Der Ausgangspunkt ist bewusst unspektakulär. Ein Familienname, einige verstreute Hinweise und der Auftrag, Ordnung in ein chaotisches Geflecht aus Beziehungen zu bringen. Doch schnell wird klar, dass «The Roottrees Are Dead» kein simples Logikspiel ist. Hinter der scheinbar trockenen Aufgabe, Geburtsdaten, Verwandtschaftsgrade und Nachnamen zusammenzusetzen, verbirgt sich eine Geschichte über Geheimnisse, Identität und das Vergessen. Das Spiel erzählt diese Geschichte nicht linear, sondern fragmentiert – über Fundstücke im frühen Internet.

Spieler bewegen sich durch eine simulierte Online-Welt der späten 1990er-Jahre. Primitive Suchmaschinen, handgebaute HTML-Seiten, Foren, Gästebücher, Fanpages und private Homepages bilden die Spielumgebung. Jeder Klick fühlt sich an wie eine kleine archäologische Ausgrabung. Hinweise verstecken sich in alten Zeitungsartikeln, obskuren Forenposts, digitalisierten Jahrbüchern oder beiläufigen Erwähnungen auf längst vergessenen Webseiten. Nichts wird explizit erklärt, nichts wird markiert. Wer Fortschritt will, muss lesen, vergleichen, zweifeln.

Der eigentliche Kern des Spiels ist der Stammbaum selbst. Namen, Lebensdaten, Beziehungen und Abzweigungen müssen korrekt zugeordnet werden. Doch das Spiel macht es einem nicht leicht. Menschen wechseln Namen, lügen über ihre Herkunft, verschwinden aus öffentlichen Aufzeichnungen oder tauchen unter neuen Identitäten wieder auf. Manche Informationen widersprechen sich, andere sind bewusst irreführend. Die Wahrheit ergibt sich nicht aus einem einzelnen Beweis, sondern aus der Summe vieler kleiner Indizien.

Besonders faszinierend ist, wie «The Roottrees Are Dead» das Gefühl des frühen Internets einfängt. Die Benutzeroberfläche ist bewusst sperrig, Suchanfragen liefern unpräzise Ergebnisse, Seiten laden langsam, Links führen ins Leere. Dieses Design ist kein Gimmick, sondern Teil der Erzählung. Es zwingt zur Geduld und verstärkt das Gefühl, in einer Zeit zu recherchieren, in der Information noch nicht allgegenwärtig war. Das Spiel wird so zu einer Meditation über Recherche selbst – und über die Mühe, Wahrheit aus unvollständigen Daten zu rekonstruieren.

Narrativ entfaltet sich das Mysterium leise, fast unmerklich. Es gibt keine Cutscenes, keine Sprachausgabe, keine dramatischen Wendepunkte im klassischen Sinn. Stattdessen entsteht Spannung aus Erkenntnis: dem Moment, in dem zwei Namen plötzlich Sinn ergeben, eine Jahreszahl nicht passen kann oder ein unscheinbarer Forenpost eine ganze Familienlinie infrage stellt. Das Spiel vertraut darauf, dass Spieler diese Momente selbst entdecken – und belohnt genau das.



Thematisch geht es um mehr als nur Ahnenforschung. «The Roottrees Are Dead» verhandelt Fragen von Identität, Erinnerung und digitaler Vergänglichkeit. Was bleibt von Menschen, wenn sie nur noch als Datenfragmente existieren? Wie leicht lassen sich Biografien manipulieren, wenn Dokumente fehlen oder absichtlich verfälscht werden? Und wie zuverlässig ist das Internet als Archiv der Wahrheit? Diese Fragen schwingen ständig mit, ohne je explizit ausgesprochen zu werden.

Visuell bleibt das Spiel minimalistisch, aber stilsicher. Die Darstellung orientiert sich an realen Betriebssystemen und Webdesigns der späten 90er-Jahre. Fenster überlappen sich, Text dominiert über Bilder, Farben wirken ausgewaschen. Genau diese Zurückhaltung sorgt dafür, dass die Inhalte im Vordergrund stehen. Der Soundtrack ist dezent, fast meditativ, und verstärkt das Gefühl, allein vor einem flackernden Bildschirm zu sitzen, während draußen die Welt weiterläuft.

Die Rezeption fällt entsprechend positiv aus, vor allem bei Spielern, die Freude an investigativem Denken und narrativen Experimenten haben. Gelobt wird der Mut, ein ganzes Spiel auf Lesen, Denken und Kombinieren aufzubauen – ohne Action, ohne Zeitdruck, ohne offensichtliche Belohnungssysteme. Kritik gibt es vereinzelt an der Einstiegshürde: Wer ungeduldig ist oder klare Zielmarker erwartet, könnte schnell frustriert sein. Doch genau diese Sperrigkeit ist Teil der Identität des Spiels.

«The Roottrees Are Dead» ist kein Spiel für zwischendurch. Es verlangt Konzentration, Neugier und die Bereitschaft, sich in Details zu verlieren. Dafür bietet es ein ungewöhnlich intensives Erlebnis, das lange im Kopf bleibt.

Mehr zum Thema... The Roottrees Are Dead
Kurz-URL: qmde.de/168178
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger Artikel«The Rip»: 20 Millionen Gründe für einen Diebstahlnächster ArtikelDiana Amft: ‚Wir dürfen erzählen, was Frauen Mitte vierzig bewegt‘
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung