Die Kino-Kritiker

«Rio»

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Die Macher von «Ice Age» entführen das Kinopublikum ins sonnige «Rio». Dort soll sich das schüchterne Papageienmännchen Blu mit dem letzten Weibchen seiner Art paaren.

Die Animationsschmiede Blue Sky Studios ist bestens für ihre immens erfolgreichen «Ice Age»-Filme bekannt. Der vor «Ice Age 2» veröffentlichte «Robots» und der im Anschluss an das zweite Eiszeitabenteuer gestartete «Horton hört ein Hu» gerieten dagegen größtenteils wieder in Vergessenheit. Bevor «Ice Age 4» die Kinos unsicher macht, soll jetzt der von einer ansehnlichen Werbekampagne begleitete «Rio» dafür sorgen, dass Blue Sky für mehr als nur das Faultier Sid und seine Freunde die Anerkennung des Publikums erhält.

Der Spix-Ara Blu führt ein sorgfreies Leben als Haustier. Er kann zwar nicht fliegen, aber darüber macht er sich bei all der Liebe, die er von seiner Besitzerin Linda erfährt, keine Gedanken. Als aber ein brasilianischer Vogelexperte in Lindas gemütlichen Buchladen platzt und den beiden erklärt, dass Blu das letzte männliche Exemplar seiner Spezies ist, ist es Aus mit dem beschaulichen Haustier-Dasein. Der Vogelexperte schlägt vor, Blu zu einer Vogelschutzstation in Rio de Janeiro zu bringen, um sich mit seiner Artgenossin Jewel zu paaren. Blu und Linda ringen mit der Entscheidung, doch letztlich nehmen sie die Reise auf sich. Die ersten Anbändelversuche des schüchternen Blu gehen allerdings gehörig schief: Jewel ist die Freiheit gewohnt und missachtet den domestizierten Blu als verweichlichtes Plüschtier. Als die beiden von kriminellen Tierhändlern entführt werden, müssen sich die zwei ungleichen Papageien endlich zusammenreißen. Aneinandergekettet können sie zwar fliehen, ihr Abenteuer fängt damit allerdings erst so richtig an.

Ob «Rio» erfolgreich wird, und Blue Sky aus der «Ice Age»-Schublade rauskommt, stellt sich erst in den nächsten Wochen heraus. Bereits jetzt lässt sich hingegen sagen, dass der am Zuckerhut angesiedelte Animationsfilm die tricktechnisch eindrucksvollste Arbeit der Blue Sky Studios ist. Vom toll choreographierten und farbenfrohen Eröffnungssamba im Dschungel bis zur detaillierten nächtlichen Skyline Rios bietet «Rio» sehr schöne, reich gestaltete Hintergründe, deren Tiefe in der 3D-Version des Films treffend zur Geltung kommt. Auch die Figurenanimation ist äußerst gelungen, vor allem Blu ist enorm aussagekräftig und in seinen Bewegungen stets glaubwürdig. Bei den tierischen Nebenfiguren setzten die Animatoren fast durchgehend auf stärkere mimische und gestische Übertreibungen, was aufgrund deren knalligeren Charakteristik durchaus angebracht ist. Dennoch sind es weniger hektische Figuren, wie der stets einen Kronkorken mit sich tragende, sich elegant bewegende Piepmatz Nico, die das Augenmerk auf sich lenken.

Visuell lassen die Blue Sky Studios mit «Rio» ihren jüngsten Mitbewerber Illumination Entertainment («Ich – Einfach unverbesserlich») weit hinter sich. Wenn es stattdessen um die Atmosphäre des Films geht, zeigt sich wieder die ungeheure Leistung, die Illumination Entertainment mit ihrem Erstlingsfilm vollbrachten. Das könnte hinter den Kulissen Hollywoods für besonderen Unmut sorgen, denn «Ich – Einfach unverbesserlich»-Produzent Chris Meledandri war bis einschließlich «Horton hört ein Hu» bei den Blue Sky Studios tätig. Wie schon Meledandris Schurkenkomödie, versucht auch «Rio» einen stilistischen Spagat zwischen Disney/Pixar und Dreamworks, den beiden Platzhirschen in der Animationswelt. Der brasilianische Regisseur Carlos Saldanha bietet alle Zutaten, für einen gelungenen Stil-Cocktail, seine eigene Note bringt er, im Gegensatz zu den «Ich – Einfach unverbesserlich»-Regisseuren, jedoch nicht mit ein. Von der schwelgerischen Darstellung Brasiliens einmal abgesehen.

Natürlich braucht «Rio» nicht zwingend eine eigene, überdeutliche Identität, um zu unterhalten. Die Romanze zwischen Blu und Jewel ist recht süß, hält sich aber eher im Hintergrund des Fluchtabenteuers und der zumeist sehr treffsicheren Comedy-Anteile des Films. Der Humor von «Rio» ist eine die ganze Familie zufrieden stellende Mischung aus Slapstick, Wortwitz, visuellen Kuriositäten und der gelegentlichen Zote. Durch seine Bemühungen, ja niemanden hinten anstehen zu lassen, versäumt «Rio» es schließlich, beim älteren Publikum wahre Begeisterung auszulösen. Während Kinder durch den Farbenrausch, die gute Portion Humor und dem schwer zu widerstehenden Charme von Blu und einigen der Nebenfiguren kaum auf die Idee kommen werden, zu klagen, werden ältere Semester die „Alles muss drin sein“-Mentalität von «Rio» durchschauen und sie, sei es auch nur unterbewusst, bemängeln. Beispielsweise wird es während der Gesangssequenzen schnell nervig, wenn die Figuren direkt vor der Kamera kleben und mit aufgetragener Hip-Hop-Attitüde in sie hinein singen. Man sieht den schmierigen Produzenten schon direkt vor sich, der mit einigen Marktforschungsergebnissen diese nicht zum restlichen Stil des Films passenden Raps eingefordert hat. Und man möchte ihm nur zu gerne eins auf den Deckel geben.

Dank seiner liebenswürdigen Hauptfigur, einer Fernweh auslösenden Optik und der clever ausgenutzten Exzentrik der Nebenfiguren, ist «Rio» klar eine überdurchschnittliche Animationskomödie. Dadurch, dass «Rio» sich zu sehr verstellt, um wirklich jeden Zuschauer anzusprechen, versäumt er es aber, auf eine seiner vielen Zutaten einen markanten Schwerpunkt zu setzen. Deswegen ist «Rio» zwar äußerst massentauglich, aber auch glatt und schnell wieder vergessen. Zum Anfang der Schönwetter-Saison ist «Rio» also gut genug für einen gelungen Familienausflug ins Kino, weit darüber hinaus wird der Film allerdings nicht fliegen. Daran ändert auch die mit Promis wie Johanna Klum und Roberto Blanco ausstaffierte deutsche Synchronfassung nichts. Die fällt nämlich weder positiv, noch negativ ins Gewicht.

«Rio» ist seit dem 7. April in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/48888
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