Serientäter

«Élite» Staffel 2: Von denen, die glauben, dass ihnen die Welt gehört … und doch so sind wie du und ich

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Auch in der zweiten Season des spanischen Netflix-Hits wird Langeweile klein- und originelle, die Grenzen des Genres „Teenie-Soap" auslotende Unterhaltung großgeschrieben.

Über Élite

  • Staffel 1 stammt aus dem Jahre 2018
  • für das Format verantwortlich zeichnen Darío Madrona und Carlos Montero
  • zweite bedeutende spanische Netflix-Original-Produktion neben «Haus des Geldes» (Jaime Lorente, Miguel Herrán und Maria Pedraza wirk(t)en sogar in beiden Serien mit)
  • weitere wichtige Akteurinnen/Akteure sind: Itzan Escamilla, Miguel Bernardeau, Álvaro Rico, Arón Piper, Mina El Hammani, Ester Expósito, Omar Ayuso und Danna Paola
  • in Staffel 2 stoßen überdies Claudia Salas, Jorge López und Georgina Amorós zum Haupt-Cast hinzu
Eine der größten Herausforderungen für Serienmacher – neben dem Ersinnen eines packenden Staffel-1-Plots, der aus Zuschauern Fans werden lässt, und einem Ende, das ebendiese zumindest nicht als Anlass nehmen, um Petitionen auf den Weg zu bringen – ist die inhaltliche Ausrichtung der zweiten Season. In diesem Zusammenhang sind folgende Fragen von entscheidender Bedeutung: Was hat bisher warum funktioniert, was warum nicht, welche Figuren haben sich zu Publikumslieblingen entwickelt, welche sollten ausgebaut werden, was muss unbedingt beibehalten werden, wo existiert Raum für neue Ideen, wie erwartbar soll erzählt werden, was zeichnet das Format (aus Anhängersicht) in besonderem Maße aus und was soll Staffel 2 im Gesamtkontext der Serie (auch mit Blick auf künftige Staffeln) leisten?

So viel kann man schon einmal vorwegnehmen: Die beiden Männer, auf die «Élite» zurückgeht, Darío Madrona und Carlos Montero, haben im Prinzip auf alle gute bis sehr gute Antworten gefunden, und das ist selten. Dies dürfte jedoch auch daran liegen, dass das Grundkonzept sehr ausgereift ist, und man schnell eines Besseren belehrt wird, wenn man leichtfertig von „der nächsten Teenie-Soap“ spricht. Natürlich wurde in keiner der mittlerweile insgesamt 16 Episoden auf klassische, das Genre ausmachende Elemente wie Liebe, Drama, Luxus und Verbrechen verzichtet, dennoch hat das spanische Kreativteam nun schon zum zweiten Mal bewiesen, wie man aus diesen Zutaten ein leckeres, zugleich anspruchsvolles, vor allem aber überraschendes Menü zaubern kann.

Über allem steht dabei eine regelrechte Unaufgeregtheit, womit man nicht nur gegen den Strom schwimmt, sondern dafür sorgt, dass «Élite» eine völlig eigene Tonalität und Bildsprache hat. Bereits in Season 1 bildete eine polizeiliche Ermittlung die Rahmenhandlung; damals sollte der Mord an Marina (Maria Pedraza), in der zweiten nun das Verschwinden von Samuel (Itzan Escamilla) aufgeklärt werden. Anfangs spielte man selbstverständlich mit dem Wissensvorsprung gegenüber dem Zuschauer, allerdings weit kürzer als viele (vermeintlich) ähnliche Formate. Die Enthüllungen erfolgen auch ohne den ganz großen Knall, die Namen fallen einfach zu einem Zeitpunkt X, was ungewohnt und gleichsam eine interessante dramaturgische Entscheidung ist. Wenn sich das Thema „Was-Spannung“ erledigt hat, wird es normalerweise von der „Wie-Spannung“ abgelöst. Der spanische Netflix-Hit biegt jedoch auch an dieser Kreuzung anders ab, als es wohl die meisten erwartet hätten.

Die Suche nach Verdächtigen, Tätern und Spuren steht keineswegs im Vordergrund, die Serie schafft es im Gegenteil sogar häufig, dass man vergisst, dass zu großen Teilen retrospektiv erzählt wird. Die zweiten 8 Episoden befreien sich aber gegen Ende der Staffel von dieser Art „Korsett“ und behandeln von dem Moment an das gegenwärtige Geschehen – so viel sei verraten: Die letzten Bilder von Folge 16 würden es erlauben, in der nächsten erneut mit Rückblenden zu arbeiten oder komplett auf sie zu verzichten. Dieser plötzliche „Switch“ sorgt in jedem Fall für eine nochmalige Steigerung der Unmittelbarkeit, dem zweiten großen „U“ (neben der Unaufgeregtheit) von «Élite». Diesen beiden „Us“ in Kombination ist es in erster Linie zu verdanken, dass sich die Serie von anderen Genrevertretern abhebt. Es mag etwas abgedroschen klingen, wenn zum hundertsten Mal in den unpassendsten Situationen die Augen als „Spiegel der Seele“ beschrieben werden, im Zusammenhang mit diesem Netflix-Original passt dieses Bild allerdings wie die berühmt-berüchtigte „Faust aufs Auge“.

Samuel und dessen fälschlicherweise unter Mordverdacht stehende und daher inhaftierte Bruder Nano (Jaime Lorente) unterscheiden sich rein optisch sehr. Auf der einen Seite der kleine, sympathisch wirkende Junge, dort der verlebt und beinahe wie der Prototyp eines „Bad-Boys“ anmutende Charakter, zwei, die auf den ersten Blick scheinbar fast nichts verbindet. Auf den zweiten hingegen sieht das Ganze schon deutlich anders aus, denn ihre Darsteller legen in ihre Augen all den Schmerz, der nach Marinas Tod das Leben ihrer Rollen bestimmt. Die feinen Nuancierungen hin zu Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Zorn oder gar Hass geraten so authentisch, dass der Zuschauer vollumfänglich zum Beteiligten, zu einem der nur wenige Meter neben den Trauernden stehen könnte, wird. Nicht nur diese beiden Schauspieler, sondern nahezu der gesamten Cast verzichtet auf die überdimensionalen Gesten, ein überzogenes Minenspiel, kurz: auf den „Holzhammer“. Und das so konsequent durchzuziehen, ist wesentlich schwieriger, als man zunächst annehmen könnte, weshalb die größtenteils noch recht jungen und unerfahrenen Akteure eigentlich nicht oft genug gelobt werden können – wobei nicht vergessen werden sollte, dass sie offensichtlich auch von ihren Regisseuren (etwa Ramón Salazar oder Dani de la Orden) vor ihren Szenen stets die richtigen Sätze mit auf den Weg bekommen (haben).



Die Meisterin der Blicke war, ist und bleibt jedoch Ester Expósito: Von emotionaler Kälte und einer offenbar Normalität gewordenen Überheblichkeit über Sinnlichkeit und Verführungswille bis hin zu Zerbrechlichkeit, Unsicherheit, Angst oder dem innigen Wunsch nach Geborgenheit, all diese Emotionen lassen sich im richtigen Moment von dem Gesicht der von ihr verkörperten Carla (teilweise nur für einen kurzen Augenblick) ablesen. Doch damit nicht genug: Die Mimin spielt diese Sekunden, in denen die stets so sehr um Haltung und die Wahrung des Scheins bemühte Adlige die Kontrolle verliert, so gekonnt aus, dass man nur seinen imaginären Hut vor dieser Leistung ziehen kann. Die Marquesa, wie sie aufgrund des Titels, den eigentlich ihre Mutter trägt, zumeist genannt wird, weiß oftmals selbst nicht, wie sie sich warum fühlt, woraus logischerweise eine Unsicherheit erwächst, die sie sich selbstverständlich zu keinem Zeitpunkt anmerken lassen möchte. Im Grunde genommen will Carla aber lediglich das, was alle wollen: geliebt werden.

Erfahren Sie auf der zweiten Seite mehr über die Entwicklung der übrigen Protagonisten und die Alleinstellungsmerkmale von «Élite».

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