Totale Isolation, enorme psychische und körperliche Belastung. Mit «Solitary» hat ProSieben die wohl härteste Reality-Show der Welt auf den deutschen Markt gebracht und dabei wie so oft in letzter Zeit nach der Devise verfahren: Wieso eine Stunde senden, wenn es doch auch zwei werden können? Das Resultat war eine Auftaktshow, deren Längen wie aber auch Stärken mehr als offensichtlich waren.
Bis es zu all dem kam, dauerte es allerdings geschlagene 50 Minuten, in denen die Kandidaten ausführlich vorgestellt wurden, sich zum Sektfrühstück trafen, mit Lincoln Hiatt, dem Erfinder der Show, sprachen, während Moderatorin Sonya Kraus jeden Winkel der neuen Mini-Wohnheime vorstellte und unzählige Ausschnitte aus den kommenden Wochen als Appetitanreger eingespielt wurden. Offenbar orientierte man sich hier mehr an den ausgiebigen Einzugshows von «Big Brother» als am eigentlich adaptierten Format. Besonders spannend war das alles nicht, denn die meisten Kandidaten dürften aufgrund ihrer Prominenz ohnehin schon bekannt gewesen sein und statt ausgiebige Erklärungen über das Showkonzept wurden viel mehr Dinge wie die Toilettenräume in den Fokus gerückt, die in der Show ohnehin keine spielrelevante Rolle spielen. Dass man ausgerechnet in einer Show, in der die Kandidaten räumlich voneinander getrennt und ohne jegliche Möglichkeit zur Kommunikation untereinander, auch noch ein Kennenlernen beim Sektfrühstück zeigte, hatte dann fast schon eine selbstironische Note.
Was die weiteren Kandidaten angeht, zeigte sich, dass alles in allem eine gute Auswahl getroffen wurde. Insbesondere bei den vier Kandidatinnen wurde offenbar viel Wert auf starke Persönlichkeiten gelegt, die dem anstehenden Stress gewachsen sein sollten: die ehemalige Spitzenturnerin Magdalena Brzeska, «Galileo»-Reporterin Funda Vanroy, Playmate Doreen Seidel und Sängerin Liza Li, deren überbordendes Selbstbewusstsein ihr vor wenigen Jahren eine Karriere als Viva-Moderatorin beschert hatte. Nur einer fiel von vornherein aus der Reihe: Benny Kieckhäben, Paradiesvogel der sechsten «DSDS»-Staffel gab fast schon erwartungsgemäß bereits in der ersten Stunde der Show auf ohne überhaupt durch ein einziges Spiel gefordert worden zu sein. Geplant war das offenbar nicht, denn problemlos hätte noch ein Ersatzkandidat einspringen können - doch den gab es nicht. Diesen Ausfall hätte die Redaktion aber wirklich vorhersehen müssen.
In der zweiten Stunde der Auftaktsendung begann das, was «Solitary» eigentlich ausmacht: Isolation, sportliche Grenzerfahrung und das Ausreizen der psychischen Belastbarkeit. Und quasi auf einen Schlag wandelte sich die zuvor recht gemütliche, aber eben auch furchtbar unspektakuläre Sendung zum aufregenden Psychotrip. Mit dem ersten Entscheidungsspiel zeigte sich schnell das Potential, das in «Solitary» steckt: Die Kandidaten durften schlafen - aber nur bis zum Ertönen eines musikalischen Alarms: ein Ausschnitt der titelgebenden Refrainzeile von David Hasselhoffs "Looking For Freedom" als Dauerschleife, die erst endete nachdem ein vor der Schlafphase ausgegebener Code eingegeben wurde. Der Code wurde von Runde zu Runde länger und die mentale Erschöpfung unter Schlafentzug den Kandidaten immer mehr anzusehen. Die Reaktionen eines Martin Kesici, der als erster seinen Code falsch eingab und fortan bis Ende des mehrere Stunden dauernden Spiels unter der Permanentbeschallung zu leiden hatte, nahmen schon beinahe beängstigende Züge an. Und plötzlich wurde auch klar, wieso die Show als so hart eingestuft wird. Unangenehm an Shows wie «Popstars» erinnerte allerdings, dass das Spiel - immerhin nach einer wirklich bemerkenswerten Leistung von Mr. Germany 2009 Dirk Schlemmer - damit beendet wurde, dass niemand die Sendung verlassen muss. Offenbar musste hier der frühzeitige Verlust von Kieckhäben ausgeglichen werden.
Eine Frage bleibt allerdings offen: Wozu braucht die Sendung Sonya Kraus? Hat sie in der ersten Hälfte als Moderatorin noch eine tragende Rolle, so dient sie in der zweiten Hälfte nur noch dazu, zwischen den einzelnen Programmblöcken relativ sinnleere Phrasen zu dreschen oder das gerade Gesehene noch einmal in ein oder zwei Sätzen zu wiederholen und steht dabei ziemlich verloren in einem Studio, dass sonst nie zu sehen ist. Interviews sind unmöglich, Spielkommandos gibt es von Alice, nicht einmal den ausgeschiedenen Kieckhäben begrüßte oder interviewte sie. Sonya Kraus scheint überhaupt keine relevante Funktion mehr zu erfüllen.• Solitary
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