Als Nui war es wie Nachhausekommen. Ich habe dort viele Menschen vor und hinter der Kamera ins Herz geschlossen. Als Schauspielerin war ich trotzdem aufgeregt, gerade weil Lien diesmal mit sehr viel emotionalem Gepäck zurückkommt. Sie weiß nicht, wer noch zu ihr steht und was sie mit ihren Entscheidungen aus der Ferne angerichtet hat. Gleichzeitig kehrt sie an den Ort zurück, wo sie sich bisher am wohlsten auf der Welt gefühlt hat.
Ihre Figur Lien Thi hat sich in den vergangenen Jahren vom Gast in Lansing zu einem festen Bestandteil der Serie entwickelt. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?
Mit Dankbarkeit. Die Produktion und Redaktion haben mir damals großes Vertrauen entgegengebracht, gerade weil ich vorher längere Zeit nicht gedreht hatte. Lansing war für mich wie ein Spielplatz, auf dem ich meine Leidenschaft fürs Schauspiel wiederentdecken durfte. Und für Lien war es der erste Ort, an dem sie wirklich das Gefühl von Zugehörigkeit hatte.
Lien Thi verließ die Serie, um zu ihrem Vater nach Peru zu ziehen. Wie schön war es für Sie, diese Figur noch einmal aufleben zu lassen?
Schön, aber auch herausfordernd. Lien ist eine Figur, die mich immer wieder überrascht. Sie ist in einem Alter, in dem man selbst noch gar nicht genau weiß, wer man ist. Gerade bei ihrer Rückkehr habe ich lange gebraucht um zu verstehen, warum sie so handelt, wie sie handelt - denn auf den ersten Blick kann sie durchaus egoistisch oder unfair wirken.
Zwischen Ihrem Abschied und Ihrer Rückkehr ist einige Zeit vergangen. Hat sich Ihr Blick auf die Figur oder auf die Serie inzwischen verändert?
Ja. Lien hat mich schon während meiner Zeit in Lansing immer wieder beschäftigt. Sie ist ursprünglich mit einem Klischee gestartet, das mich ehrlich gesagt genervt hat: das asiatische, schüchterne, schlaue Mauerblümchen. Mir war wichtig, ihr möglichst viele Farben und Widersprüche zu geben und dieses Klischee wenigstens innerlich zu brechen. Ich wollte nie, dass Lien nur "die Asiatin" ist.
«Dahoam is Dahoam» lebt von seiner treuen Fangemeinde. Erleben Sie heute noch, dass Zuschauer Sie auf Lien Thi ansprechen?
Ja, und viele wundern sich, wie anders ich eigentlich bin als Lien. Sie begrüßen mich mit „Lien“ und verabschieden sich dann mit „Nui“. Das finde ich irgendwie schön.
Schon mit «Schloss Einstein» standen Sie früh regelmäßig vor der Kamera. Was haben Ihnen diese beiden langjährigen Serienproduktionen für Ihren weiteren Berufsweg mitgegeben?
Ich habe verstanden, dass ich diesen Beruf nicht einfach nur machen möchte - ich brauche ihn. Er ist oft hart, unsicher und frustrierend. Aber gleichzeitig ist Schauspiel der Bereich, in dem ich mich am meisten weiterentwickle und mich am stärksten spüre. Das möchte ich nicht missen.
Zwischen Berlin, Thüringen und den Dreharbeiten in Bayern haben Sie unterschiedliche Lebenswelten kennengelernt. Wie sehr bereichern diese Erfahrungen auch Ihre Arbeit als Schauspielerin?
Ich mag es, durch meinen Beruf immer wieder irgendwo neu anzukommen. Erst kennt man niemanden und irgendwann wird man Teil dieser Welt. Dieses Gefühl von Fremdsein und Dazugehören kenne ich auch aus meinen Figuren. Als Schauspielerin hilft mir das schon.
Ihre Figur bewegt sich zwischen verschiedenen kulturellen Einflüssen. War es Ihnen wichtig, dass Lien Thi nicht auf ihre Herkunft reduziert wird, sondern als vielschichtiger Mensch erzählt wird?
Zu hundert Prozent. Ich werde selbst sehr oft zuerst gefragt: „Woher kommst du?“ Und eigentlich sollte die erste Frage bei einem Menschen doch sein: „Wer bist du?“
Auch positiver Rassismus kann Menschen reduzieren. Wenn man sagt: „Vietnamesinnen sind eben fleißig, klug und zurückhaltend“, klingt das zunächst positiv – aber man schreibt einer sehr unterschiedlichen Gruppe trotzdem bestimmte Eigenschaften zu. Natürlich prägt Herkunft einen Menschen. Aber sie erklärt nicht seinen ganzen Charakter. Lien darf laut sein, wütend, verliebt, chaotisch oder verletzlich. Sie muss keine bestimmte Vietnamesin repräsentieren. Sie darf einfach Lien sein.
Nach Ihrer Zeit bei «Dahoam is Dahoam» haben Sie neue Erfahrungen gesammelt. Gibt es Rollen oder Genres, die Sie in Zukunft besonders reizen würden?
Ich habe lange sehr emotionale Figuren gespielt, die ihre Gefühle stark nach außen tragen. In Zukunft reizt mich das Gegenteil: Figuren, bei denen man nicht sofort weiß, was in ihnen vorgeht. Starke, skrupellose Frauen, die etwas Gefährliches oder Unberechenbares haben. Ich mag Antagonisten - Menschen, die man vielleicht zuerst ablehnt und irgendwann trotzdem versteht.
Wenn Ihre Rückkehr bei den Fans den Wunsch nach mehr weckt: Könnten Sie sich grundsätzlich vorstellen, noch einmal länger nach Lansing zurückzukehren?
Ich vergleiche es gerne mit dem Nachhausekommen: Wenn man länger weg war, freut man sich plötzlich viel bewusster auf sein Zuhause. Genau das macht die Rückkehr so besonders. Für mich darf diese Rückkehr erst einmal genau das sein: ein besonderes Wiedersehen.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Nui Nguyen ist ab Donnerstag, den 15. Oktober, wieder in «Dahoam is Dahoam» zu sehen. Die Serie läuft um 19.30 Uhr im BR Fernsehen.







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