Es gibt zwei Arten von Menschen: jene, die bei einem unerklärlichen Geräusch aus dem Meer schleunigst das Weite suchen; und jene, die sich mit einer Taschenlampe über die Reling beugen und sagen: „Ich schau nur mal kurz nach.“ «Below» erzählt von der zweiten Sorte. Die sechsteilige Netflix-Miniserie spielt im neufundländischen Küstenort Snooks Arm, wo Fischer Calvin Penney, gespielt von Josh Hartnett, ohnehin schon genug Probleme hat: Seine Familie ist kompliziert, die Vergangenheit sitzt ihm im Nacken – und dann taucht auch noch eine geheimnisvolle Meereskreatur auf. Man könnte sagen: Die Woche fängt nicht gut an. Das Schöne an «Below» ist, dass die Serie ihre absurde Grundidee nicht mit der Würde eines Staatsakts behandelt. Sie weiß, dass ein Seeungeheuer zunächst einmal ein Seeungeheuer ist. Es darf gruselig sein, schleimig, unberechenbar und gelegentlich so groß, dass man sich fragt, ob die örtliche Fischerei nicht schon längst hätte merken müssen, dass da etwas mehr als ein besonders ambitionierter Kabeljau unterwegs ist. Zugleich nimmt die Serie ihre Menschen ernst. Für Calvin steht nicht nur das Überleben auf dem Spiel, sondern eine Lebensweise, die langsam verschwindet – und ein Ort, dessen Bewohner sich von einer fernen Verwaltung offenbar ungefähr so gut verstanden fühlen wie von einem Oktopus.
Hier bekommt der Monsterhorror seinen sozialen Unterbau. Die Bedrohung kommt nicht allein aus dem Wasser. Sie steckt auch in wirtschaftlichem Niedergang, politischer Gleichgültigkeit und der Frage, wem ein abgelegener Ort eigentlich gehört: den Menschen, die dort leben, oder den Institutionen, die seine Existenz für unrentabel erklären. Das ist kein besonders subtiler Gedanke, aber doch kein völlig unzutreffender. Die Serie beweist dabei immerhin den guten Geschmack, ihn nicht ständig in Dialogen mit dem Holzhammer zu servieren. Meistens lässt sie lieber die Landschaft und die zunehmend leerer werdenden Menschen in ihr für sich sprechen.
Neufundland ist dabei mehr als eine hübsche Postkarte mit dramatischem Wetter. Die Küste und die weiten, unwirtlichen Wasserflächen geben «Below» eine eigene Atmosphäre. Die Bilder erzeugen dabei jene angenehme Beklemmung, bei der man sich als Zuschauer sicher auf dem Sofa fühlt und trotzdem instinktiv die Füße einzieht. Das Meer ist hier keine romantische Freiheit, sondern eine riesige schwarze Fläche, auf der die menschliche Vorstellungskraft zuverlässig Überstunden macht. So erreicht dieses Format eine zeitweise erstaunliche atmosphärische Kraft. Hartnett gibt als Calvin derweil eine erfreulich unheroische Hauptfigur. Er spielt keinen Mann, der insgeheim auf die Gelegenheit wartet, endlich die Menschheit zu retten. Calvin ist vielmehr stur, verletzbar, manchmal schwer auszuhalten und gerade deshalb glaubwürdig. Seine Vergangenheit ist derweil keine hübsche Hintergrunddekoration, sondern eine unentrinnbare Gewissheit, die seine Gegenwart ständig sabotiert. Mackenzie Davis bringt als Meeresbiologin Fonda Howander derweil eine wissenschaftliche Nüchternheit ins Geschehen, die sich mit dem lokalen Aberglauben wunderbar reibt. Charlie Heaton wiederum verleiht Calvins Sohn Wade jene Mischung aus Verstörung und verletzlicher Eigenwilligkeit, die in einer Geschichte über Familiengeheimnisse durchaus nicht fehl am Platz ist.
Am stärksten ist «Below», wenn die Serie ihre Themen nicht auseinanderdividiert. Das Monster, die bedrohte Gemeinde und Calvins familiäre Vergangenheit kreisen alle um dieselbe Frage: Was geschieht, wenn etwas lange Verdrängtes plötzlich wieder an die Oberfläche kommt? Die Antwort fällt nicht immer elegant oder psychologisch vollends überzeugend aus, aber sie besitzt eine gewisse emotionale Wucht. Wenn die Serie sich zeitweise in ihren eigenen Einfällen verheddert, ist das zudem immerhin interessanter, als wenn sie – wie viele ähnlich gelagerte Formate – gar keine hätte. Schließlich ist das Meer noch immer ein Ort, an dem man besser nicht alles wissen möchte. Aber wenn das Unbekannte so unterhaltsam ist wie «Below», darf es ruhig noch ein bisschen an die Tür klopfen.Die Serie «Below» ist im Streaming-Angebot von Netflix enthalten.







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