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«Fúria - Rasende Wut»: Ein Netflix-Sommerhit aus Brasilien?

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Ein Mann ohne Gedächtnis und jede Menge Kampfsport. Gelingt Netflix damit ein überzeugender Genre-Mix?

Schon in den ersten Minuten macht «Fúria» unmissverständlich klar, worauf diese Serie hinauswill. Schweiß glänzt auf tätowierten Oberkörpern, Fäuste treffen mit dumpfer Wucht auf Sandsäcke, das Licht fällt dramatisch durch die Fenster einer heruntergekommenen Kampfsportschule, und irgendwo zwischen MMA, organisierter Kriminalität und verlorenen Biografien steht ein Mann, der nicht einmal mehr weiß, wer er eigentlich ist.

Das ist zunächst einmal ein starker Einstieg. Netflix' neue brasilianische Serie setzt auf eine klassische Identitätsgeschichte, verbindet sie mit der Welt des professionellen Kampfsports und verspricht einen Thriller über Vergangenheit, Schuld und Selbstfindung. Das Problem ist nur: Je länger «Fúria» dauert, desto deutlicher wird, dass ihre größte Leidenschaft weniger den Figuren als ihren eigenen Genrezutaten gilt.

Dabei spricht zunächst vieles für die Serie, denn die Grundidee besitzt zweifellos Potenzial. Ein schwer verletzter Mann wird ohne Erinnerung an sein früheres Leben gefunden, erhält einen neuen Namen – Marcelo – und beginnt unter der Obhut eines erfahrenen Trainers eine Karriere als MMA-Kämpfer. Parallel tauchen immer mehr Hinweise auf eine Vergangenheit auf, die weit gefährlicher ist, als zunächst vermutet. Rivalitäten im Käfig vermischen sich mit Verbrechen außerhalb des Sports, persönliche Erinnerungen mit mafiösen Strukturen. Das klingt nach einer reizvollen Verbindung aus Sportdrama und Thriller: Und tatsächlich gelingt «Fúria» in seinen besten Momenten genau diese Verbindung. Die Kämpfe sind kraftvoll choreografiert, besitzen eine angenehme physische Wucht und vermeiden weitgehend jene überästhetisierte Zeitlupenverliebtheit, die viele Sportserien inzwischen pflegen. Man spürt die Härte des Trainings, die Erschöpfung der Athleten und die soziale Realität eines Milieus, in dem sportlicher Erfolg oft als letzter Ausweg erscheint. Gerade darin liegt die größte Stärke der Serie: Sie nimmt den Kampfsport ernst.

Auch Vinícius Neri trägt das Format mit einer durchaus überzeugenden Präsenz. Sein Marcelo wirkt weder als unfehlbarer Actionheld noch als überzeichnetes Opfer. Die Orientierungslosigkeit seiner Figur bleibt glaubwürdig, und gerade die Momente stiller Verunsicherung gehören zu den besseren Szenen dieser ersten Staffel. Unterstützt wird er von einem Ensemble, das sichtbar bemüht ist, den Figuren mehr Tiefe zu verleihen, als das Drehbuch ihnen häufig zugesteht.

Denn genau dort beginnen die eigentlichen Probleme: «Fúria» verwechselt Komplexität erstaunlich häufig mit Überfrachtung. Kaum hat sich die Serie auf eine interessante Fragestellung eingelassen, öffnet sie bereits die nächste Erzählebene. Erinnerungsverlust, Unterwelt, Korruption, Familiengeheimnisse, Rivalitäten im Sport, eine Liebesgeschichte, eine Verschwörung – beinahe jede Episode führt neue Elemente ein, ohne die vorherigen konsequent weiterzuentwickeln. Dadurch entsteht weniger erzählerische Vielschichtigkeit als ein permanentes Gefühl der Zerstreuung.



Vielleicht hängt das auch mit einem grundsätzlichen Trend moderner Streamingserien zusammen. Immer häufiger entsteht der Eindruck, dass Stoffe nicht mehr von ihren Figuren her gedacht werden, sondern von ihren Prämissen. Eine Serie beginnt mit einem starken Konzept – hier: Gedächtnisverlust plus MMA plus Verbrechersyndikat – und entwickelt anschließend möglichst viele oftmals diffuse Handlungsstränge daraus. Die eigentliche psychologische Arbeit tritt dabei manchmal in den Hintergrund.

Dabei besitzt diese Serie auch thematisch interessante Ansätze. Immer wieder geht es um Identität als etwas Fragiles, um Herkunft, soziale Aufstiegschancen und die Frage, ob ein Mensch seiner Vergangenheit tatsächlich entkommen kann. Das sind keineswegs kleine Themen. Leider bleibt «Fúria» häufig an ihrer Oberfläche stehen. Vielleicht wäre weniger hier tatsächlich mehr gewesen: weniger Geheimnisse, weniger Verschwörungen, weniger narrative Überhitzung – und stattdessen etwas mehr Vertrauen in die stille Kraft jener Geschichte, die bereits im Zentrum angelegt ist. Denn dort, wo «Fúria» einfach nur von einem Mann erzählt, der herausfinden muss, wer er ist, besitzt das Format eine Ehrlichkeit, die weit spannender wirkt als jeder noch so spektakuläre Plot-Twist.

Die Serie «Fúria – Rasende Wut» ist Teil des Streaming-Angebots von Netflix.

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