Niemals hätte ich damit gerechnet. Damals kam ich frisch vom Theater und dachte an höchstens drei Staffeln. Ein schöner Irrtum.
Was hat sich bei Rico in diesen 18 Staffeln am stärksten verändert und gibt es Eigenschaften aus den Anfangsjahren, die Sie heute vielleicht ganz anders spielen als damals?
Er ist erwachsener geworden, hat gelernt mit seinen Eigenheiten besser umzugehen und eine Sensorik dafür zu entwickeln. Es bereitet mir wahnsinnig viel Freude diese Figur über einen so langen Zeitraum zu entwickeln und immer wieder Neuland zu betreten. Dennoch gilt natürlich: In gewissen Hinsichten kann man aus einem Schwein zwar ein schnelles Schwein machen, aber noch lange kein Rennpferd. Soll heißen: Rico bleibt Rico.
In der Folge „Schmerzgrenze“ muss Rico aufgrund eines starken Rückenleidens die Arbeit ruhen lassen und besucht eine Reha. Dort trifft er zu seinem Bedauern auf seine Mutter. Die beiden geraten ständig aneinander. Warum ist sie Rico dennoch so wichtig? Hat sich das Verhältnis der beiden in den vergangenen 18 Jahren verändert?
Für Rico sind Veränderungen generell schwierig. Er bindet sich psychisch stark an Menschen auch wenn das in seinem Sozialverhalten vielleicht nicht sofort erkennbar ist. Rico liebt seine Mutter, auch wenn sie ihn bis aufs Blut reizen kann. Im Laufe der Jahre hat er, für seine Verhältnisse, eine gewisse Milde ihr gegenüber entwickelt. Allerdings vergisst er das hin und wieder.
Der Fall "Rent a Friend erzählt von Mietfreundschaften und von Einsamkeit: Für einen Kunden wird aus der bezahlten Männerfreundschaft offenbar eine echte emotionale Bindung. Ist das für Sie ein Beispiel dafür, wie die «SOKO Stuttgart» über einen Mordfall sehr gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen erzählen kann?
Klar, unsere Dramaturgie und Autorenschaft versucht stets aktuelle Entwicklungen einzubinden. Für uns ist das sowohl spannend als auch herausfordernd. Oft erfahre ich neue gesellschaftliche Tendenzen aus den Drehbüchern. Peinlich, aber wahr.
Rico ist als IT-Spezialist häufig derjenige, der digitale Spuren auswertet. Gerade bei einem „Mietfreund“, dessen Kontakte vermutlich weit über den klassischen Freundeskreis hinausgehen, dürfte das besonders interessant sein. Wie hat sich Ricos Ermittlungsarbeit verändert, seit Sie 2009 mit der Serie begonnen haben?
2009 war das einfach Science-Fiction und sehr realitätsfern. NSA und BND wären neidisch gewesen. Mittlerweile holt uns die Realität immer mehr ein. Ich hoffe, wir laufen ihr nicht bald hinterher.
In der Episode „Gefallener Stern" geht es um Astronomie und sie wurde unter anderem im Stuttgarter Planetarium gedreht. Haben Sie - wie Ihre Figur Rico - einen Faible für diese Wissenschaft und Wissenschaften im Allgemeinen? Haben Sie als gebürtiger Stuttgarter einen persönlichen Bezug oder eine Anekdote zum Planetarium?
Ein Faible ist vielleicht zu viel gesagt aber mich faszinieren diese Dimensionen. Allein der Gedanke, dass man mit Lichtgeschwindigkeit (also ca. 300.000 m/s) durchs All schießt und trotzdem tausende Jahre benötigt um überhaupt mal nennenswert voranzukommen. Ein Besuch im Planetarium lohnt immer und ich verbinde damit schöne Erinnerungen an meine Teenagerzeit. Die ist allerdings auch schon Lichtjahre her.
Mit Timo Hildebrand gibt in der Episode „Das Wunder von Zechingen“ ein ehemaliger Nationaltorhüter sein Debüt im fiktionalen Fernsehen. In den vergangenen Jahren waren bereits unter anderem Smudo, Nelson Müller oder Özcan Cosar bei der SOKO als Gaststars zu sehen. Ist es für einen Nicht-Schauspieler besonders schwierig, sich in ein Ensemble einzufügen, das seit Jahren miteinander arbeitet?
Leider hab ich mit den meisten gar nicht groß gespielt. Der letzte Fußballer mit dem ich richtig gedreht habe war Hansi Müller. An den hab‘ ich wirklich nur gute Erinnerungen.
Die Folge dreht ein bekanntes Fußballmotiv zugleich ein wenig um: Die ehemaligen Männer-Profis werden beim Jubiläumsspiel von der aktuellen Frauenmannschaft deutlich geschlagen. Ist dieser spielerische Umgang mit Rollenbildern typisch für den Humor, den sich «SOKO Stuttgart» inzwischen erlauben kann?
Ob wir uns Humor leisten können oder nicht, hat uns nie groß gehindert. In diesem Punkt waren wir nie schwäbisch sparsam, sondern hatten tiefe Taschen.
Die neue Staffel reicht von Mietfreundschaften und Fußball über illegale 3D-Waffen bis zu Fatigue-Syndrom und Lichtverschmutzung. Wie wichtig ist diese Suche nach ungewöhnlichen Milieus und aktuellen Themen, damit eine Krimiserie nach inzwischen mehr als anderthalb Jahrzehnten nicht in Routine verfällt?
Wichtig. Aber noch wichtiger ist es diese Geschichten gut zu erzählen und nach Neuland zu suchen. Das sind oft nur Details, aber letztlich machen die es aus.
20 neue Folgen pro Staffel bedeuten einen enormen Produktionsumfang. Ist die Vertrautheit innerhalb des Ensembles nach so vielen gemeinsamen Jahren vor allem ein Vorteil oder muss man manchmal ganz bewusst gegen die eigene Routine anspielen?
Sowohl als auch. Wir sind bestimmt effizienter als früher, typisch für ein eingespieltes Team. Dennoch muss man sich immer wieder aus der Komfortzone rauslocken. Sonst wird’s fad.
Wenn eine Serie „volljährig“ wird, darf man auch einmal weiter in die Zukunft schauen: Gibt es für Rico Sander noch eine private oder berufliche Entwicklung, auf die Sie seit Jahren warten und die Sie unbedingt einmal spielen möchten?
Oh das gibt es einige Ideen. Hoffentlich findet sich bald etwas davon in den Drehbüchern wieder. Ich fände es zum Beispiel total spannend, wenn Rico mal eifersüchtig wird.
Danke für Ihre Zeit!
«SOKO Stuttgart» ist donnerstags um 18.00 Uhr im ZDF zu sehen. Die Folgen können vorab gestreamt werden.







Quotencheck: «Georgie & Mandy»
3 Quotengeheimnisse: Selbst Ben Affleck findet nachts kaum Publikum

Bildmischer / Bildregisseur (m/w/d)
TV Producer Live Shopping (m/w/d)




Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel