Zunächst habe ich mich sehr auf die Menschen gefreut. Marleen Lohse ist eine fantastische Kollegin und Schauspielerin, die es schafft, ihre Spielpartner immer zu unterstützen. Unsere Regisseurin hatte mich seit unserem ersten Telefonat ganz auf ihrer Seite. Und mit der Produktionsfirma Triple Pictures fühlte es sich gleich an wie eine zweite Familie. Es war also eine sehr tolle Lebens-/Arbeitszeit.
An der Rolle hat mich die Co-Abhängigkeit der beiden Figuren interessiert. Sie (die Psychologin Marlene) macht dort weiter, wo seine (die des Kommissars Deniz) Expertise aufhört. Ob er dort weitermachen kann, wo ihre Expertise aufhört … das ist die Frage.
Deniz arbeitet sehr faktenbasiert, während Marlene kleinste emotionale Reaktionen in Gesichtern interpretiert. Entsteht die Spannung zwischen den beiden gerade daraus, dass hier zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen davon aufeinandertreffen, was überhaupt als Beweis oder Wahrheit gelten kann?
Ja absolut. Und genau das ist das Spannende bei diesem Film. Marlene findet Hinweise, die er nie gesehen hätte: in den Mikroexpressionen der Menschen. Aber das sind für Kommissar Deniz noch keine Beweise. Aber selbst er erkennt, dass gute Polizeiarbeit eine Prise Bauchgefühl braucht.
Früher ist Deniz mit unorthodoxen Methoden bei seinen Vorgesetzten angeeckt, inzwischen hält er sich besonders stark an objektive Beweise. Was ist in seiner Vergangenheit passiert, dass er sich diese Disziplin offenbar regelrecht auferlegt hat?
Ich kann mir gut vorstellen, dass Deniz' Kindheit und Jugend geprägt war von Willkür. Sei es durch Eltern, Lehrer oder auch durch „zufällige“ Polizei-Kontrollen. Er hat eine jüngere Schwester, die er in seiner Ohnmacht vor dieser Willkür nicht schützen konnte. Daher kommt sein Wunsch nach Fakten, Beweisen und Regeln.
Gleichermaßen richtig ist allerdings auch, dass er zu Beginn seiner Karriere die Regeln auch gedehnt hat. Was ihm sicher einiges an Ärger einbrachte.
Sie beschreiben Deniz als den Einzigen, der Marlene schließlich Glauben schenkt. Warum tut ausgerechnet der Mann, der so sehr auf Fakten pocht, das – ist es kriminalistischer Instinkt, Vertrauen in ihre Expertise oder bereits die persönliche Faszination für Marlene?
Marlene hat einen eingebauten „Bullshit Detektor“. Sie kann durch Deuten der Mikroexpressionen sehr schnell ausmachen, ob ihr Gegenüber lügt. Und sie macht Deniz sehr schnell klar: Ich lüge nie und möchte auch nicht angelogen werden. Das beeindruckt ihn sehr. Ich glaube, dass er diese Authentizität auch sehr sexy findet. Deshalb glaubt er ihr ja.
Zwischen Deniz und Marlene entwickelt sich ausdrücklich keine klassische Fernsehliebesgeschichte. Stattdessen kommen sie sich über ihre gemeinsame Arbeit näher. Finden Sie diese langsamere und widersprüchlichere Form der Annäherung interessanter als die üblichen romantischen Mechanismen eines Krimis?
Für unseren Film find ich es auf jeden Fall viel besser. Marlene ist für Deniz erstmal eine Notlösung. Sie ist die letzte auf der Liste der Experten, die er anruft. Daraus entwickelt sich immer mehr ein Gefühl der Verantwortlichkeit ihr gegenüber. Auf dieser Basis kann alles Weitere entstehen. Ich glaube, für beide ist äußerliche Schönheit zwar nicht hinderlich, aber nicht bedeutend.
Marlene erkennt Lügen anhand von Mikroexpressionen – für einen Mann wie Deniz, der durchaus mit Charme und kleinen Komplimenten arbeitet, eigentlich eine denkbar ungünstige Bekanntschaft. Wie viel Komik entsteht daraus, dass seine üblichen Strategien bei ihr überhaupt nicht funktionieren?
Deniz hat für sich recht bald gemerkt, dass ein Lächeln Wunder bewirken kann. Manchmal auch aus einer Notwendigkeit heraus. Dass das bei Marlene auf taube Augen stößt, irritiert ihn nur kurz. Er findet es im Gegenteil sehr attraktiv. Deniz findet Falten und Narben wesentlich attraktiver als irgendwelche Instragramfilter. Aber es führt dennoch zu einem missglückten „Date“ mit Marlene, das anders läuft als er dachte.
Hinter dem Thriller steckt ein ernstes Thema: Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben und erleben, dass ihnen nicht geglaubt wird. Wie verändert dieser Hintergrund die Verantwortung, mit der man die zunächst spannende Kriminalgeschichte erzählt?
Ich habe mich da in die vertrauensvollen Hände unseres mehrheitlich weiblichen Teams begeben. Unsere Hauptdarstellerin, die diesen Stoff mitentwickelt hat, unsere Autorin, Regisseurin, Kamerafrau, Kostümbildnerin, Maskenbildnerinnen etc. Meine männliche Sichtweise auf sexualisierte Gewalt im Film, spielt, bei aller Solidarisierung mit den Opfern, erstmal eine untergeordnete Rolle. Für mich stand zunächst die weibliche Sichtweise im Vordergrund.
Die titelgebende „Frau ohne Namen“ nimmt schließlich selbst das Recht in die Hand. Der Film bewegt sich damit zwischen nachvollziehbarem Wunsch nach Gerechtigkeit und Selbstjustiz. Wie eindeutig darf Deniz diese Grenze beurteilen – und gerät auch sein eigenes Verständnis von Recht und Gerechtigkeit ins Wanken?
Deniz' Sichtweise auf Recht und Gerechtigkeit gerät nicht ins Wanken. Obwohl ihm Beweise, Fakten und Regeln wichtig sind, kann für ihn ein persönliches Gerechtigkeitsempfinden dennoch verständlich sein. Er würde gern einen Sexualstraftäter festnehmen, fänd‘ es aber auch nicht schlimm, wenn diesem das größtmögliche Unglück widerfährt.
Marleen Lohse hat ihre Figur über rund zehn Jahre mitentwickelt. Haben Sie bei der gemeinsamen Arbeit gespürt, dass Ihre Kollegin Marlene Nielsen dadurch ungewöhnlich genau kennt – und was bedeutete das für Ihr Zusammenspiel?
Marleen ist ein absoluter Profi. Sie ist immer top vorbereitet. Ob sie den Stoff mitentwickelt hat oder nicht. Sie hat sich in keines der Gewerke eingemischt. Hat uns Schauspielkolleginnen nie reingeredet. Sie hat uns alle motiviert und uns gefeiert, dass wir dabei sind. Und sie hat sich eine sehr komplexe, tiefe, starke, sich selber im Weg stehende, zerbrechliche Figur kreiert. Das ist sehr beeindruckend.
«Frau ohne Namen» verbindet einen gesellschaftlich relevanten Stoff mit Thriller, Action, psychologischem Rätsel und einer ungewöhnlichen Ermittlerkonstellation. Fehlt es dem deutschen Fernsehfilm manchmal an solchen Figuren und Genreideen, die ein wenig stärker aus dem gewohnten Krimischema ausbrechen?
Das Krimi-Genre ist in Deutschland ist schon sehr vielfältig. Aber verglichen mit anderen Ländern glaube ich schon, dass wir uns da mehr trauen dürfen.
Wir haben in Deutschland so viel kreative Köpfe. Wir wären bestimmt auch auf so was wie „Monk“, „Psycho“ oder „Mentalist“ gekommen.
Ich hoffe sehr, dass unser Film genug Sichtbarkeit erfährt. Dann könnten wir sicherlich noch einen drauflegen.
Sie sagen selbst, es wäre reizvoll, die Geschichte dieses Paares fortzuerzählen. Was müsste eine mögliche Reihe aus Deniz und Marlene für Sie bieten, damit die besondere Konstellation nicht schon nach wenigen Fällen zu einem gewöhnlichen Ermittlerduo wird?
Das wäre schon was ganz besonderes, wenn aus diesem Film eine Reihe werden sollte. Alle Zutaten sind da. Aber warten wir jetzt mal ab, was unsere Zuschauenden sagen. So wie meine Figur Deniz: Erstmal Fakten und Beweise. Dann das Urteil.
Das Erste strahlt «Frau ohne Namen» am Mittwoch, 14. Oktober, um 20.15 Uhr aus. Im Anschluss ist der Film in der ARD Mediathek abrufbar.







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