Interview

‚Die Begeisterung für Animationsfilme ist seit Jahren ungebrochen‘

von

Mit «Tom & Jerry – Der verlorene Kompass» bringt Splendid einen Klassiker in neuem Gewand ins Kino und setzt dabei auf Nostalgie, Tempo und Familienpublikum.

«Tom und Jerry» gehören zu den bekanntesten Marken der Animationsgeschichte – was hat Sie überzeugt, «Der verlorene Kompass» in den deutschen Markt zu bringen? Nina-Marleen Scherfer:
«Tom und Jerry» gehören seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Charakteren der Animationsgeschichte. Als wir die Möglichkeit bekamen, die Rechte für den deutschsprachigen Markt zu erwerben, haben wir direkt zugegriffen. Das besondere Setting und die actionreiche Geschichte eröffnen einen neuen Zugang zu dem klassischen Slapstick-Humor und funktionieren damit hervorragend als Event für die ganze Familie.

Der Film verlegt das klassische Katz-und-Maus-Spiel in ein historisches China-Setting. Wie wichtig ist es, bekannten Marken immer wieder neue visuelle und erzählerische Impulse zu geben?
Nina-Marleen Scherfer (Head of Theatrical):
Wenn man sich heute Realfilme aus den 50er Jahren ansieht, wird schnell klar, wie stark sich sowohl die technische Umsetzung als auch die Erzählweise verändert haben. Bei Animationsfilmen sind die Unterschiede oft nicht ganz so offensichtlich. Trotzdem ist klar, dass Kinder heutzutage eine völlig andere Mediennutzung haben und von klein auf an buntere, lautere und schnelle Inhalte gewöhnt werden. Insofern können die Marken nur bestehen, wenn sie es schaffen, die Zielgruppen auch heute noch in ihren Bann zu schlagen. Das gelingt nur mit neuen Impulsen.

Animationsfilme haben im Kino oft ein Familienpublikum im Blick. Welche Zielgruppen sehen Sie konkret für diesen Film in Deutschland?
Nina-Marleen Scherfer:

Das ungleiche Paar Tom und Jerry begeistert schon seit über 80 Jahren Menschen auf der ganzen Welt. Natürlich ist es in erster Linie ein Kinderfilm, der Kinder ab 6 Jahren zusammen mit ihren Eltern zum Lachen bringen wird. Gleichzeitig setzen wir aber auch auf den Nostalgie-Faktor und hoffen, Erwachsene ins Kino zu locken, die schon in ihrer Kindheit über das Katz- und Maus-Spiel gelacht haben.

Viele Mütter sagen abfällig über Animationsfilme: Das ist nur etwas für Kinder! Wie können Sie diese Zielgruppe heranholen?
Nina-Marleen Scherfer:
In diesem Fall beobachten wir in unserer Social-Media-Kampagne, dass Männer etwas besser als Frauen auf unsere Clips zum Film reagieren. Grundsätzlich können wir diese Aussage aber so nicht bestätigen. Es kommt eher auf die Inhalte als auf die Umsetzung an. Bei Marketing-Kampagnen für Kinderfilme ist es wichtig, sowohl Kinder als auch Eltern anzusprechen. Das versuchen wir über eine große Bandbreite in der Kampagne zu erreichen.

Wie schätzen Sie generell die Begeisterung für Animationsfilme im deutschen Markt ein – wächst das Interesse oder bleibt es ein eher stabiles Segment?
Nina-Marleen Scherfer:
Die Begeisterung für Animationsfilme ist seit Jahren ungebrochen und man kann beobachten, dass insbesondere die großen Player mit bekannten Marken bzw. den großen Animationsstudios fantastische Besuchszahlen erreichen. Gleichzeitig spielen Realverfilmungen im Kinderbereich eine wachsende Rolle, was man anhand der beeindruckenden Zahlen zum Beispiel im Januar dieses Jahres beobachten kann. Insofern würden wir sagen, dass die Zahlen eher stabil bleiben.

Gerade internationale Produktionen müssen hierzulande oft gegen starke US-Blockbuster bestehen. Welche Strategien braucht es, um sich im Kinomarkt durchzusetzen?
Nina-Marleen Scherfer:
Mit «Tom und Jerry – Der verlorene Kompass» veröffentlichen wir nun einen Film, dessen Protagonisten jeder kennt. Aber die Produktionen abseits des US-Markts haben es oft sehr schwer, ihr Publikum zu finden. Mit Filmen wie «Charlie der Superhund» aus Kanada, «Die Unzertrennlichen» aus Belgien und anderen versuchen wir immer wieder, auch internationale Animationsfilme in den Fokus zu stellen.

Dass es auch erfolgreiche Filme jenseits der großen Marken geben kann, beweisen der Start unseres französischen Films «Die Dschungelhelden auf Weltreise», der 2024 in Deutschland und Österreich über 160.000 Menschen ins Kino lockte, sowie das ukrainische Animationsmärchen «Mavka – Hüterin des Waldes» mit über 200.000 Admissions. Das waren für unseren Vertriebspartner 24 Bilder und uns schöne Erfolge.

Der Film verbindet klassische Slapstick-Elemente mit neuen Erzählformen. Wie wichtig ist dieser Spagat zwischen Nostalgie und Innovation für den Erfolg?
Nina-Marleen Scherfer:
Menschen, die die klassischen Verfolgungsjagden von Tom und Jerry lieben, haben natürlich eine gewisse Erwartungshaltung an den Film. Gleichzeitig möchten wir aber auch neue Zielgruppen erschließen. Der Film passt sich den Sehgewohnheiten der Kinder an, ist sicher etwas schneller und actionreicher als die Serie und die früheren Filme. Gleichzeitig kommen auch die üblichen Verfolgungsjagden zwischen den beiden nicht zu kurz.

Welche Rolle spielt die Kinoauswertung heute noch für Animationsfilme – gerade im Vergleich zu Streaming-Plattformen?
Nina-Marleen Scherfer:
Splendid Film als Filmvertrieb bedient die komplette Kette der Vermarktung: vom Kino übers Home Entertainment (digital sowie physisch) und später die Lizensierung der Filme an Streamer und TV-Sender. Ein Kinostart wertet den Film deutlich auf, damit profitieren auch die weiteren Auswertungsstufen. Gleichzeitig hat der Film im Streaming eine deutliche längere Lebensdauer und oft auch eine größere Reichweite.

Wie stark beeinflussen Social Media und virale Trends die Vermarktung eines solchen Films inzwischen?
Nina-Marleen Scherfer:
Social Media verstärkt zwar die mediale Reichweite, ersetzt aber die klassische Kampagne nicht. Die kurzen witzigen Clips von Tom und Jerry haben natürlich die Chance, viral zu gehen, aber das lässt sich leider nicht planen...

Der Film lief bereits auf dem Shanghai International Film Festival. Wie wichtig sind solche Festivalteilnahmen für die internationale Wahrnehmung und den Vertrieb?
Nina-Marleen Scherfer:

«Tom und Jerry» lebt stark von Timing und Sound. Welche Herausforderungen bringt die deutsche Synchronisation bei einem solchen Projekt mit sich?
Nina-Marleen Scherfer:
Unser Hauptaugenmerk bei der deutschen Synchronisation lag darauf, dem jüngeren Publikum ein positives Hörerlebnis zu verschaffen. Ein zentraler Aspekt war die Verständlichkeit der Sprache. Dialoge mussten klar sein und nicht unnötig verschachtelt. Das Sprachtempo wurde so gewählt, dass es problemlos verfolgt werden kann, ohne aber den Charakter des Originals zu verfälschen. Die dazu laufenden Musiken und Effekte durften nicht zu dominant sein. Ein zu hoher Dynamikumfang kann besonders für ein jüngeres Publikum oft sehr anstrengend und fordernd sein.

In der Branche wird zunehmend über KI-gestützte Synchronisation und künstliche Stimmen diskutiert. Sehen Sie darin eher eine Chance oder eine Gefahr für die kreative Arbeit?
Alexander Klein (Geschäftsführer der Splendid Entertainment):
Der fortschreitende Einfluss von KI eröffnet grundsätzlich die Chance, eigene KI-Lösungen zu entwickeln und gezielt voranzutreiben. Wir begreifen den Einsatz von KI nicht als Ersatz menschlicher Expertise, sondern als strategische Ergänzung: ein leistungsstarkes Instrument zur Optimierung von Prozessen und zur gezielten Unterstützung fachlicher Kompetenz.

Glauben Sie, dass KI langfristig ein fester Bestandteil der Synchronbranche wird – oder bleibt die menschliche Stimme unersetzlich?
Alexander Klein:
Das eine schließt das andere selbstverständlich nicht aus. Ja, KI wird langfristig ein fester Bestandteil der Synchronbranche werden. Allerdings ist sie noch weit davon entfernt, die Qualität, die Nuancen und die emotionale Tiefe der menschlichen Stimme ersetzen zu können.

Mit Blick auf den deutschen Kinomarkt: Was braucht es, damit Animationsfilme hierzulande noch stärker als Event wahrgenommen werden?
Nina-Marleen Scherfer: Wir alle sind mit Animationsfilmen aufgewachsen. Die Zielgruppe sind daher nicht nur Kinder, auch Erwachsene lieben die bunten Fantasiewelten auf der großen Leinwand. Entsprechend sollten Animationsfilme noch häufiger als Events für alle Zielgruppen positioniert werden. Dazu gehört auch, sie häufiger in attraktiven Abend-Slots statt nur am Mittag und Nachmittag zu zeigen. Gleichzeitig braucht es mehr originelle Stoffe mit emotionaler Relevanz sowie gezielte Marketing-Strategien mit einem frühzeitigen Hype-Aufbau.



Wenn Sie auf «Tom und Jerry – Der verlorene Kompass» schauen: Was macht diesen Film aus Ihrer Sicht zu einem besonderen Kinoerlebnis, das man nicht verpassen sollte?
Nina-Marleen Scherfer:
Das «Tom & Jerry»-Franchise ist weltweit und über alle Generationen hinweg bekannt und beliebt. Der neue Animationsfilm bietet langjährigen Fans zahlreiche Referenzen auf die Kultzeichentrickserie und jungen, neuen Fans halsbrecherischen Slapstick in rasantem Tempo. Es ist also der perfekte Film, um seinen Kindern oder Enkeln die geliebten Kindheitshelden auf der großen Leinwand nahezubringen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Tom und Jerry – Der verlorene Kompass» ist seit 30. April in den deutschen Kinos zu sehen.

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