Interview

‚Satire kann ein sehr gutes Analysetool sein‘

von

Christine Eixenberger spricht über die zweite Staffel von «Nachsitzen», überraschende Reaktionen, die Balance zwischen Haltung und Humor – und warum ihre Gäste keine Angst vor dem Tafelschwamm haben müssen.

Frau Eixenberger, Ihr Format «Nachsitzen mit Christine Eixenberger» geht in die zweite Staffel – wie haben Sie die Resonanz auf die erste Staffel erlebt?
Kurz und knapp: Wir waren sehr happy und sind es noch. Die Quoten waren gut und das Feedback, das ich von Zuschauerinnen und Zuschauern bekommen habe, war sehr herzlich und auch oft detailliert. Und was meine Gäste angeht: Es hatte wohl niemand Angst, von mir mit einem Tafelschwamm abgerieben zu werden und keiner wurde ob der Klassenzimmersituation retraumatisiert. Große Freude also auf meiner Seite.

Gab es Reaktionen aus Politik, Öffentlichkeit oder von den „Nachsitzern“ selbst, die Sie besonders überrascht haben?
Also, ich weiß von einer Person, die sich wohl im Anschluss an die Sendung an uns gewandt hat und sie war, sagen wir es mal so: not amused. (lacht) Aber wenn Sie mich jetzt nach dem Namen fragen: Kein Kommentar. Da muss ich mich an der Stelle auf die Verschwiegenheitspflicht für Lehrkräfte berufen.

Das Konzept wurde leicht verändert: Statt zwei Gästen mit je zwei Vorschlägen gibt es nun drei Gäste mit jeweils einer Nominierung. Was versprechen Sie sich davon dramaturgisch?
Durch den dritten Gast kommt natürlich noch mehr Dynamik in unser TV-Klassenzimmer, was der Sendung meiner Meinung durchaus guttut. So hat man dann auch im Talk noch eine weitere Perspektive, mehr Input, mehr Farbe.

Auch das Setting hat sich weiterentwickelt – wie wichtig ist die Optik und Inszenierung für die Wirkung Ihrer Satire?
Beides ist durchaus wichtig. Wir hätten uns natürlich bei der Gestaltung unseres TV-Klassenzimmers an der Realität vieler Schulen orientieren können: Bröckelnder Putz, der leise auf mein Pult rieselt, und schwarzer Schimmel an der Wand würden aber die Zuschauer*innen eher zum Abschalten motivieren. (lacht) Deshalb haben wir uns dafür entschieden, das Studio mehr in eine warme, einladende Klassenzimmer-Atmosphäre zu tauchen, was vor allem durch das richtige Licht, die Farbauswahl und die Requisiten unterstützt wird. Außerdem wird unser TV-Klassenzimmer zu großen Teilen auf eine 12 Meter lange LED-Wand im Hintergrund projiziert. Das macht richtig was her. Auf diese Wand können wir zusätzlich alles an Hintergründen, also beispielsweise Zeitungsartikel und Zuspieler, „legen“ und damit Pointen und Inhalte durch Bildmaterial unterstützen.

Ihre Gäste bringen jeweils eigene Vorschläge mit. Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Comedians hinter den Kulissen ab?
Unsere Gäste bringen sich und ihre Präferenzen für den Blauen Brief ein und können hierzu ihr jeweiliges Stand-up vorbereiten. Danach richtet sich dann auch das Drehbuch für die Moderation. Für die Talks liegt für mich der Reiz darin, dass nicht alles durchinszeniert ist. Meine großartigen Kolleginnen und Kollegen haben berufsbedingt ein Gespür für das richtige Timing, auch was Improvisationen angeht. Oft macht es Sinn, die Dinge einfach mal laufen zu lassen, denn oft entstehen dadurch die lustigsten Situationen manchmal auch Fauxpas, die so gar nicht geplant waren. Letztes Jahr hat mein toller Kollege Ralf Winkelbeiner beispielsweise einen unserer Studiostühle in die Knie gezwungen. Wir haben diese Szene dann in der Sendung gelassen - sowas kannst du dir nicht ausdenken. Er hat so schlagfertig und selbstironisch darauf reagiert. Das war natürlich Gold wert.

Mit Namen wie Florian Schroeder oder Eckart von Hirschhausen sind wieder prominente Gäste dabei. Was macht für Sie einen idealen «Nachsitzen»-Gast aus?
Die besten Gäste, und das gilt jetzt nicht nur für unser Format, sind für mich besonders pointiert, bissig und humorvoll in ihren Stand-ups, schlagfertig und offen in den Talks und können vor allen Dingen über sich selbst lachen. Das ist vielleicht auch ein Unterschied zum klassischen Schulsetting: Wir hatten bis jetzt noch keinen Gast, der nur hinter seiner Schulbank gesessen und darauf gehofft hat, nicht drangenommen zu werden.

Das Format bewegt sich zwischen klassischem Kabarett und Show-Elementen. Wie finden Sie die richtige Balance zwischen Haltung und Unterhaltung?
Ich wurde tatsächlich erst kürzlich in einem Interview gefragt: „Aber die Sendung ist schon sehr kritisch, oder?“ Da lag für mein Empfinden fast so etwas wie Verwunderung in der Stimme. Ich sehe diese Frage als absolutes Kompliment. Und die Resonanz auf dieses durchaus kritische Format zeigt für mich schon, dass die Menschen nicht aufhören wollen zu reflektieren und nachzudenken. Ich denke, man sollte beides ernst nehmen, sowohl Haltung als auch Unterhaltung. Und das versuchen wir in unserer Sendung. Es ist ein stetiger Wechsel zwischen ernsthafter, bissiger Satire und – und das meine ich jetzt gar nicht negativ – „leichter“ Unterhaltung. Die Mischung macht’s.

Haben Sie das Gefühl, dass Satireformate aktuell wieder stärker gebraucht werden – gerade mit Blick auf das politische und gesellschaftliche Klima?
Ich denke, Satire kann ein sehr gutes Analysetool sein, um komplexe und auch schwer zu verdauende Themen besser verstoffwechseln zu können. Letztens meinte eine Freundin zu mir, dass Kabarettist*innen für sie quasi die neuen Nachrichtensprecher seien. Auch für mich war Humor immer schon DIE bewährte Bewältigungsstrategie, um mit der Realität besser zurecht zu kommen. Humor ist ein Mittel der Abrüstung, es hat eine befriedende und befreiende Wirkung, wenn man gemeinsam lacht. Also ja, Satireformate wurden und werden immer gebraucht, vor allem in schwierigen Zeiten.

Gibt es Themen oder Personen, bei denen Sie sagen würden: Die gehören unbedingt mal zum «Nachsitzen» – auch wenn sie bisher vielleicht noch fehlen?
Ganz ehrlich? Wo soll man da anfangen…Kandidat*innen gäbe es zuhauf, so viele Briefe kann ich aber gar nicht ausstellen.

Wenn Sie auf die zweite Staffel blicken: Was möchten Sie im Vergleich zur ersten Staffel unbedingt weiterentwickeln oder noch schärfer herausarbeiten?
Die Frage klingt so, als hätten Sie da etwas Spezielles im Sinn (grinst). Ich glaube, dass es bei einem so neuen Format fast immer Luft nach oben gibt und wir haben auch die Möglichkeit, noch an einigen Stellschrauben zu drehen. Ich würde beispielsweise die Spiele, die wir für die Gäste vorbereitet haben, gerne noch öfter in der Sendung sehen. Leider „verratschen“ wir uns im Talk leidenschaftlich und ständig, deshalb fallen solche Sequenzen dann oft dem Schnitt zum Opfer. Aber ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer hier noch häufiger in den Genuss kommen. Und wenn ich dafür mit dem Thema Talkdisziplin selbst zum «Nachsitzen» muss.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Nachsitzen» ist am Donnerstag, den 30. April, ab 21.00 Uhr im BR Fernsehen zu sehen. Beide Episoden sind jetzt schon im Stream.

Kurz-URL: qmde.de/171024
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