Interview

‚Die Landschaft ist bei uns fast eine Hauptdarstellerin‘

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Mit «Die Maiwald» setzt das ZDF auf eine Mischung aus Tierarztgeschichten, Dorfleben und zwischenmenschlichen Konflikten. Doris Schretzmayer und Sonsee Neu sprechen im Interview über starke Frauenfiguren, emotionale Brüche im Familiengefüge und die besondere Rolle der alpinen Kulisse. Dabei wird schnell klar: Zwischen Kühen, Krisen und Beziehungen steckt weit mehr als nur klassische Heimatunterhaltung.

Frau Schretzmayer, Frau Neu, «Die Maiwald» verbindet Tierarztgeschichten mit familiären und emotionalen Konflikten im Dorf. Was hat Sie beide an diesem Stoff besonders gereizt?
Schretzmayer:
Am Land zu leben und da als Ärztin für alle Tiere der DorfbewohnerInnen zuständig zu sein, ist eine sehr besondere Lebensform. Jeder kennt jeden und die Welt ist ein bisschen kleiner als sonst. Es hat mich sehr gefreut, in diesem Umfeld eine moderne, offene und im besten Sinne erwachsene Frau zu entwerfen und spielen.
Neu: Der erste Eindruck, als ich die Drehbücher zum ersten Mal gelesen habe, war, dass sie ein wohliges Gefühl hinterlassen haben. Ich genieße meinen Beruf am meisten, wenn wir so nah wie möglich am Leben dran sein dürfen. Und woraus besteht das Leben sonst, als aus zwischenmenschlichen und tierischen Verbindungen – mit allem, was dazugehört? Vor allem emotionalen Aufs und Abs und manchmal langen Wegen, geprägt von Konflikten und Versöhnungen.

Frau Schretzmayer, Ihre Figur Johanna Maiwald ist Tierärztin aus Leidenschaft und steht ständig zwischen tierischen Notfällen und menschlichen Problemen. Was macht diese Rolle für Sie besonders?
Schretzmayer:
Johanna hat einen gut funktionierenden inneren Kompass und lebt das Leben, das sie schon als Kind für sich gesehen hat. Sie hat auch einen gewissen Pragmatismus, der ihr im Alltag hilft. Ich mag diese Bodenständigkeit, diese innere Aufrichtung und spiele das sehr gern. Es gibt momentan soviele Entwicklungen in der Welt, die aufwühlend sind, da tut es gut, eine Figur zu spielen, die eine wohltuende innere Ruhe hat und nicht leicht aus der Balance zu bringen ist.

Frau Neu, Denise Maiwald steckt in einer schwierigen Ehekrise mit Georg. Wie nähern Sie sich einer Figur, die zwischen Ehrlichkeit, Verletzung und Versöhnung steht?
Neu:
Wie bei jeder Figur beginne ich erst einmal bei mir selbst, um mich einer Rolle anzunähern. Was sind meine Schwächen? Ich muss die Verletzungen und Schwachpunkte einer Figur verstehen. Darin verankere ich sozusagen dann mein Porträt der Rolle. Von dort ist es zur Ehrlichkeit nicht mehr weit – und man kann sich auch einer Versöhnung langsam annähern.

Frau Schretzmayer, Frau Neu, ihre beiden Figuren spielen in der Serie eine Freundschaft, in der Geheimnisse gewahrt werden müssen, wie hoch ist da der Preis für Verschwiegenheit?
Schretzmayer:
Ich finde es in Freundschaften essenziell wichtig, dass man Geheimnisse für sich behalten kann. Schwierig wird es natürlich, wenn man auch mit der anderen Person, die das Geheimnis betrifft, befreundet ist und man sozusagen zum Stillschweigen verpflichtet ist. Das ist meines Erachtens ein großer moralischer Konflikt, in den man geraten kann und in dem man gut abwägen muss, was für beide Betroffenen das Beste ist. Für mich ist das einer der interessantesten Konflikte in den beiden Filmen!
Neu: Und es ist anstrengend, Geheimnisse für sich zu behalten, oder? Wenn ich aber mein Wort gegeben habe, halte ich es auch. Das ist Ehrensache – und darauf bin ich auch stolz, dass man sich auf mich verlassen kann. Der Preis für Verschwiegenheit im positiven Sinne ist: Disziplin und ein starker Wille!

Die Serie spielt im Bergdorf Maria Alm und lebt stark von der alpinen Umgebung. Wie sehr prägt diese Landschaft das Erzählen – und vielleicht auch Ihr Spiel?
Neu:
Das ist eine schöne Frage. Ich finde es nämlich äußerst eindrücklich, wie die Landschaft und der Ort das Projekt prägen. Das kannte ich vorher so nicht. Sie ist definitiv eine Hauptdarstellerin – und manchmal ist es durchaus herausfordernd, nicht von ihr „an die Wand gespielt“ zu werden. Meistens aber badet man in ihr, und alles wirkt irgendwie leichter.
Schretzmayer: Wenn bei einer emotionalen Szene im Hintergrund die Berge im Abendrot glühen und ein paar Kühe versonnen auf der Weide stehen, dann kann man die Landschaft definitiv als Mitspielerin betrachten! (lacht) Es gibt ja auch ein Zuviel des Guten, von daher kann man manchmal ruhig ein bisschen zurückhaltender oder sachlicher spielen, weil die Natur die Szenen schon selbst so emotional auflädt.

In der ersten Folge muss Johanna dringend Verstärkung für ihre Praxis finden. Wie wichtig ist dieses Motiv der Überlastung für die Figur und für die Geschichte insgesamt?
Schretzmayer:
Viele Menschen erleben derzeit in ihrem Alltag, dass es immer mehr, enger und herausfordernder wird. Insofern ist die berufliche Überlastung von Johanna nicht aus der Luft gegriffen, sie ist sehr real. Ihr Umgang damit ist jedoch bemerkenswert, denn sie erkennt, dass sie so nicht weitermachen kann und Hilfe annehmen muss, auch wenn diese Hilfe erstmal überhaupt nicht so aussieht, wie sie sich das vorstellt.

«Die Maiwald» erzählt nicht nur Tiergeschichten, sondern auch viel über Beziehungen im Dorf – von Familienkonflikten bis zu Liebesgeschichten. Was macht diese Mischung aus Tierarztserie und Beziehungsdrama so reizvoll?
Schretzmayer: Es ist die Vielfalt, die die Serie ausmacht. Wir haben in den ersten beiden Filmen viel angedeutet, was Beziehungen und ihre möglichen Entwicklungen angeht: Bei Johanna gibt es zwei Männer, mit denen es ein bisschen funkt, ihr Bruder Georg und seine Frau Denise haben Eheprobleme und Seitensprünge, und vielleicht entsteht zwischen dem jungen Assistenten Kami und der Sprechstundenhilfe Paula etwas... ganz schön viele Möglichkeiten!

Zwischen Johanna und ihrem Bruder Georg entsteht durch die Ereignisse plötzlich eine ganz neue Dynamik. Wie wichtig ist dieses Geschwisterverhältnis für die Serie?
Schretzmayer:
Die Geschwisterthematik ist ein ganz zentrales Element dieser Serie, das mir am Herz liegt und es war ein Erzählstrang, mit dem wir uns von Anfang an intensiv beschäftigt haben: Welche Themen tragen die beiden konkret aus ihrer Kindheit immer noch in sich. So wie bei realen Geschwistern gibt es Prägungen, die nie ganz verschwinden: wer war Mamas oder Papas Liebling, welche Ereignisse gab es dazu in jungen Jahren, wer ist wann warum schnell eingeschnappt und wie wiederholen sich diese Muster bis heute? Wer musste zu früh Verantwortung übernehmen und wer konnte sich mehr erlauben als der andere. Welche Vorwürfe sind da, wer hat welche blinden Flecken. Das ist ein so spannendes Themengebiet, das mich auch privat sehr interessiert und das ich auch aus den Beziehungen mit meinen beiden eigenen Schwestern kenn. Ich freue mich, wenn wir das weiterspinnen können.

Frau Neu, Denise bekommt in der Geschichte die Chance, ihre Ehe neu zu betrachten. Ist das für Sie eher eine Geschichte über Versöhnung – oder über ehrliche Selbstreflexion?
Neu:
Ich persönlich finde, dass es keine Versöhnung ohne ehrliche Selbstreflexion geben kann.

Die Fälle der Tiere spiegeln oft auch die Probleme ihrer Besitzer wider. War Ihnen diese Verbindung zwischen tierischen und menschlichen Geschichten beim Spielen besonders wichtig?
Schretzmayer:
Wenn ein Tier krank ist und behandelt werden muss, ist der Kontakt zwischen Ärztin und TierbesitzerIn zentral. Wenn es dem Tier schlecht geht, sind die TierbesitzerInnen oft co-krank, beunruhigt oder werden durch die Schwäche des Tiers oft unangenehm an Eigene erinnert. Eine Tierärztin hat also immer zwei PatientInnen, die Zuwendung, Feingefühl und Fachwissen brauchen: Tier und Mensch.

In der zweiten Folge rückt mit dem vergifteten Tier auch ein fast krimiartiger Aspekt in den Mittelpunkt. Wie verändert das die Tonalität der Serie?
Neu: Ich finde, es verändert die Tonalität deutlich. Bis dahin beschäftigt man sich vor allem damit, Tieren und Menschen zu helfen beziehungsweise Dinge ins Gleichgewicht zu bringen. Es ist eine klare Zäsur, wenn Lebewesen plötzlich bedroht werden.
Schretzmayer: Bei dieser Folge läuft bei den ZuschauerInnen im Hinterkopf natürlich die Frage, wer diese kriminelle Tat begangen hat. Wie diese dann aufgelöst wird, ist jedoch ganz anders als im Krimi und ich finde das insofern gelungen, weil es nicht vorrangig um die Schuld-Frage geht, sondern mehr um den Versuch, Integration, Verantwortung und Versöhnung möglich zu machen.

Serien über das Leben auf dem Land erleben derzeit wieder großen Zuspruch beim Publikum. Was glauben Sie: Worin liegt die besondere Faszination solcher Geschichten?
Schretzmayer:
Moderne Heimatfilme folgen sehr klaren Strukturen: Emotionale Konflikte, die leicht nachvollziehbar und gut aufgelöst werden, eine Überschaubarkeit der Welt durch eine gewisse Ordnung am Land, die Idee von Gemeinschaft und Zusammenhalt, starke Figuren und deren Wiedererkennbarkeit, generationenübergreifende Anreize, die visuelle Attraktivität der Landschaft. Das klingt vielleicht nüchtern, aber wie bei vielen erfolgreichen Formaten oder Ideen gibt es auch hier einen eindeutigen Bauplan. Ich kann gut verstehen, dass Menschen sich darin gern wiederfinden.
Neu: …und ich glaube, dass wir alle derzeit stark überstimuliert sind. Da tun Geschichten gut, die entschleunigen und uns mit schönen Bildern und guten, ehrlichen Erzählungen erreichen.

Wenn das Publikum nach diesen ersten Filmen sagt: „Von Johanna Maiwald und ihrem Dorf wollen wir mehr sehen“ – welche Entwicklung würden Sie sich für Ihre Figuren in weiteren Folgen wünschen?
Schretzmayer:
Wir haben für Johanna wirklich einige schöne Themen angelegt: Sie lebt gern allein, hat aber ab und zu eine Liebschaft, die ihr aber oft schnell zu eng wird. Sie hat auch das Bedürfnis, nicht immer alles allein machen zu müssen, wenngleich sie sehr viel allein kann. Wie müsste, privat und beruflich, diese männliche Verstärkung aussehen? Welche Konflikte, welche Möglichkeiten gibt es? Wie muss auch Johanna sich verändern und von liebgewonnenen Gewohnheiten ablassen, um Neues zu ermöglichen? Wer steht ihr zur Seite? Da finde ich vor allem Johannas Schwägerin Denise sehr reizvoll, die ja von Sonnsee so stimmig verkörpert wird: Diese Beziehung hat großes Potenzial! Zwischen diesen beiden Frauen könnten viele Konflikte behandelt und verhandelt werden, die in den Geschichten auftreten: Der sture Bruder bzw. Ehemann, der immer nur das hört, was er hören will und andere Rollen, die nicht über den Tellerrand schauen wollen. Diese beiden Frauen hätten meines Erachtens das Potenzial, wichtige Ereignisse zu reflektieren und zu klären. Und das wäre ein Aspekt, der mitten aus dem Leben gegriffen ist, denn ich sehe es oft, dass Frauen reden, aussprechen, sich miteinander beraten, inmitten des Ernstes lachen und nach Lösungen suchen und somit tiefgreifende zwischenmenschliche Veränderungen schaffen.
Neu: Ich würde mir auch Freundinnen-Szenen wünschen – Momente, in denen wir uns über das Leben austauschen, füreinander da sind und vor allem auch viel Spaß zusammen haben. Ich finde, Frauenfreundschaften gehören zu den schönsten Dingen überhaupt. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass Denise ihre neue Freiheit noch ein wenig länger genießt; ihr Sohn hat ja gerade erst das Nest verlassen. Vielleicht lässt sie sich zur Vorsitzenden der Landfrauen aufstellen und weitet ihr Angebot als Tourismusverbands-Beauftragte aus – etwa mit neuen Wander- oder Erlebnistouren. (Und auf einer dieser Wanderungen knickt sie dann um und muss von den «Bergrettern» gerettet werden – mit anschließender Behandlung beim «Bergdoktor»…)

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Die Maiwald» ist am 26. März und 2. April im ZDF zu sehen. Die Folgen sind schon in der ZDFmediathek abrufbar.

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